. .
News am 27.05.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
7. November 2006, 12:34 Uhr

Das Wunder der Spontanheilung

Die überraschende Genesung von Armin Schütz begann während einer Alternativbehandlung in der Hufeland-Klinik in seinem Wohnort in Bad Mergentheim© Anne Schönharting

Es ist Zeit für Plan B. Der Arzt in Heidelberg hatte sich das Info-Material über eine alternative Behandlung, das Schütz mitgebracht hatte, kopfschüttelnd durchgelesen. "Das ist doch keine Krebstherapie." Aber Armin Schütz hat nichts zu verlieren. Durch eine Fernsehsendung ist er auf die Hufeland-Klinik gestoßen. Die liegt in seiner Heimatstadt Bad Mergentheim. Aber keiner seiner behandelnden Ärzte hat ihm je davon erzählt.

Der Leiter der Hufeland-Klinik, Wolfgang Wöppel, ist ein sonorer Herr mit Rauschebart. "Die biologische Krebs-Therapie ist unspezifisch", sagt der Internist. Schwarzer Hautkrebs von Herrn Maier werde anders behandelt als der von Herrn Müller. Allerdings werde bei allen Patienten eine Basis-Therapie angewendet. Der Körper solle entgiftet, der Stoffwechsel optimiert werden, etwa durch Vitamine und gesunde Ernährung. "Diese unspezifischen Maßnahmen sind für alle Patienten günstig", sagt Wöppel, "sie optimieren die Leistung des Körpers und erhöhen die Chance, dass ein Patient sich selbst heilt." Das ist der Ansatz in der Hufeland-Klinik: Das Milieu der Krebszelle so zu beeinflussen, dass der Körper eine Selbstheilung startet.

Kein Heilsversprechen. Nicht mal Optimismus

Beim ersten Gespräch mit Armin Schütz sagt Wöppel, dass er nicht das Symptom Krebs bekämpfen will, sondern Schütz als ganzen Mensch betrachten wird. Das ergibt Sinn für Schütz. Aber das Gespräch ist auch ernüchternd. "Ich kann sie nicht heilen, ich kann sie nur unterstützen", sagt der Arzt. Kein Heilsversprechen. Nicht mal Optimismus.

Schütz durchläuft das Programm der Klinik: Er isst Vollkornbrot, verzichtet auf Schweinefleisch und Zucker, und er unterzieht sich der Fiebertherapie. "Das Fieber ist eine der ältesten Heilreaktionen des Menschen", sagt Wöppel. "Es gibt keine Statistiken über den Erfolg von Fieber gegen Krebs. Man weiß jedoch, dass Krebs günstig anspricht auf die Fiebertherapie." Armin Schütz sehnt das Fieber herbei. Als scharfe Waffe gegen den Krebs. Als die Infusion, die das Fieber einleiten soll, läuft, bildet er sich ein, dass er das Mittel fühlen kann. Nervös wartet er auf den Schüttelfrost. Endlich kommt das Kribbeln im Rücken. Der Geist setzt aus. Kein klarer Gedanke ist mehr möglich. Nach dem Schüttelfrost steigt das Fieber. Schütz schläft ein, wird immer wieder geweckt, weil das Fieber regelmäßig kontrolliert werden muss. Er hat Kopfschmerzen, Rückenschmerzen. Nach der Fiebernacht sinkt die Körpertemperatur. Schütz sehnt sich nach frischer Luft. Am Nachmittag kann er endlich spazieren gehen. Er fühlt sich schwach. Erst am nächsten Tag kehrt Kraft in seinen Körper zurück.

Das Ergebnis der Fieberstöße ist ernüchternd. Im Laufe des Jahres 1992 macht der Kernspintomograf mehrere Hautmetastasen am rechten Oberschenkel sichtbar. Schütz bekommt den siebten Fieberstoß. Einen achten. Die Knoten wachsen. Vor dem neunten Fieberstoß hat er einen Traum. Er geht darin auf einem Feldweg. Kommt an eine Weggabelung. Der eine Pfad verläuft weiter durch das Tal, der andere führt steil hinauf zu einem Bergkamm. Er kann den einfachen Weg weitergehen oder den beschwerlichen bis zum Gipfel nehmen. Nur dieser anstrengende Weg bringt die grandiose Aussicht ins Tal. Armin Schütz wacht auf, bevor er sich für einen der beiden entscheidet. Mit dem Gefühl der Sehnsucht nach dem Blick ins Tal. Er träumt viel in dieser Zeit. Die Träume machen ihm Hoffnung. Er hat sich vorgestellt, wie es wohl sein wird zu sterben. Wer wird seine Frau und seine Tochter versorgen? "Ein Weg führt ins Leben, einer in den Tod", denkt er. Er akzeptiert, dass beides möglich ist.

Auf der Suche nach seiner Persönlichkeit

Du musst etwas tun, hört er von Freunden und Bekannten. Aber Schütz sieht sich nicht als Kämpfer. Stattdessen macht er sich auf die Suche nach seiner Persönlichkeit. Er beginnt wieder zu malen. Er denkt nach über die 300 Überstunden, die er jährlich ansammelte. Fragt nach dem Sinn. "Ich hab in einer Form gelebt, die nicht meiner Natur entsprach. Vieles war verschüttet." Den Tod vor Augen, gräbt Armin Schütz nach dem Menschen, der er einmal war.

Im März 1993 sind die Knoten so groß, dass Schütz nicht mehr richtig gehen und sitzen kann. Zum zehnten Mal lässt er sich unter künstliches Fieber setzen. Dann passiert es. Eine Woche nach dem Fieber beginnen die Knoten zu schrumpfen. Der Lymphknoten in der linken Leiste, der bereits so groß war wie eine Walnuss, bildet sich zurück. Während seines letzten Aufenthaltes in der Hufeland-Klinik von Juni bis Juli 1993 bildet sich auch die letzte Metastase zurück. Als Armin Schütz entlassen wird, können die Diagnosegeräte keine einzige Metastase mehr in seinem Körper entdecken. Das ist bis heute so geblieben.

Ist seine Heilung nun ein Erfolg der Fiebertherapie? Oder hat sich der Körper selbst geheilt? Für die Wissenschaft ist Armin Schütz ein medizinisches Wunder. Der Fachausdruck für diese unerklärlichen Heilungen lautet "Spontanremission". Der Onkologe Herbert Kappauf hat in seiner Karriere etwa 30 Patienten mit solch unerwarteten Genesungen kennen gelernt. So viele wie kaum ein anderer in Deutschland. In seinem Standardwerk "Wunder sind möglich. Spontanheilung bei Krebs" arbeitet er mit der folgenden, anerkannten Definition: "Unter Spontanremission wird eine vollständige oder teilweise, vorübergehende oder dauerhafte Rückbildung sämtlicher oder wichtiger Aktivitätsmerkmale einer bösartigen Krankheit verstanden, die entweder ohne jegliche medizinische Therapie eingetreten ist oder unter Maßnahmen, die in der onkologischen Erfahrung nicht zu einer derartigen Rückbildung führen."

Streitzone zwischen Schulmedizinern und alternativen Ärzten

Spontanheilungen wie die von Armin Schütz sind eine Streitzone zwischen Schulmedizinern und alternativen Ärzten wie Wolfgang Wöppel. Welten prallen aufeinander. "Es gibt in der ganzheitlichen Medizin keine Standardbehandlung", sagt Wöppel. Schwarzer Hautkrebs ist danach nicht gleich schwarzer Hautkrebs, weil immer ein anderer Mensch betroffen ist. Dagegen bemühen sich Schulmediziner um allgemeingültige Erkenntnisse: Krankheit A wird bei gleichem Verlauf und Muster immer mit Therapie B geheilt. "Ich halte Meldungen, wonach die Zahl der Spontanremissionen durch alternative Behandlungsmethoden beeinflusst werden kann, für sehr problematisch", sagt der Onkologe Kappauf, "das ist ein Widerspruch in sich: Wenn ich Maßnahmen am Patienten vornehme, von denen ich überzeugt bin, dass sie den Tumor zurückbilden, liegt keine Spontanremission vor. Dann ist es ein Therapieerfolg."

Unter den überraschend Geheilten sind gleichermaßen Kämpfer und Verzagte, Reuige und Trotzige

 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Alternative Krebsbehandlung Das Geschäft mit der Angst

Mistelextrakt, Vitamin C, Handauflegen: Alternative Heilmethoden bei Krebs gibt es viele, sie eignen sich aber allenfalls als Ergänzung zur Schulmedizin. Und die meisten machen nur den Wunderheiler reich, den Patienten aber nicht gesund. mehr...

Krebstherapie Harter Hammer ganz sanft

Haarausfall und Übelkeit sind bekannte Nebenwirkungen von Chemotherapie. Wissenschaftler haben eine neue Therapie entdeckt, die den Körper kaum belastet: Die Kombination von Chemotherapie mit Elektroimpulsen. mehr...

Krebsforschung Tumor mit Masterplan

Wenn ein Tumor sich ausbreitet, bildet er Ableger, Metastasen, die mit dem Blutkreislauf im Körper verbreitet werden und Tochtergeschwüre ausbilden können. Dabei geht er nach Plan vor und schickt eine Vorhut. mehr...