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1. März 2009, 14:48 Uhr

Wenn der eigene Körper der Feind ist

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Nathalie Todenhöfer mit stern-Autor Arno Luik in ihrer Münchner Wohnung© Volker Hinz

Ihre Krankheit hat Ihre Werte verschoben.

Ja. Früher wollte ich was Tolles werden, ich wollte immer weiterkommen. Nun konzentriere ich mich auf die wichtigen Sachen. Früher machte es mir etwa ungeheuren Spaß, Snowboard zu fahren. Ich fahr noch immer ein bisschen, bin aber schnell müde, und ich habe auch keine wirkliche Freude mehr daran, weil ich nur noch Angst im Kopf habe, ich mich unsicher fühle, mich konzentrieren muss. Wissen Sie, Gesunde haben keine Ahnung, was für ein Geschenk Gleichgewicht ist!

Man denkt nicht darüber nach und nimmt die Gesundheit einfach als etwas ganz Selbstverständliches hin.

Ja, wenn ich früher gefragt wurde, was ich mir wünsche, sagte ich: einen tollen Job. Erfolg. Nun möchte ich nur noch gesund werden, mehr nicht. Das Leben - und die Sicht auf das Leben - verändert sich, wenn man jung ist und MS hat. Ich bin keine normale junge Frau mehr.

Sie sind gealtert, rasant gealtert?

Sagen wir so, meine 55-jährige Mutter ist viel fitter als ich. Ich werde so schnell müde.

Der Soziologe Helmut Dubiel, der mit 46 Jahren an Parkinson erkrankte, meint, dass er seit seiner Diagnose nicht mehr mit Freuden aufgewacht sei, er sagt: "Ständig ist Trauer da."

Ich bin eher ein glücklicher Mensch, aber diese Krankheit hat mich und meine Psyche verändert. Ich bin ernster geworden. Die Unbekümmertheit ist weg. Ich bin nicht mehr so lustig. Ich kann nicht mehr so unbeschwert über die Witze meiner Altersgenossen lachen. Die Leichtigkeit des Seins ist für mich weg. Ich bin auch ungeduldiger geworden. Mich nervt, dass ich nicht mehr so aktiv sein kann, dass ich so rasch ermüde. Und ich weiß, wenn ich mit Freunden etwas mache, muss ich am nächsten Tag dafür bezahlen. Ich muss mich ständig kontrollieren.

Ihr Vater Jürgen Todenhöfer hadert mit Ihrem Schicksal. Er, der ehemalige Burda-Vizechef, sagt: "Ich war ein ziemlich schlechter Schüler, ich hatte im Leben viel Erfolg, wurde relativ reich, relativ berühmt - und Nathalie, die viel klüger ist, ihr geht es so schlecht!"

Ja, für meine Eltern, die für mich stets da sind, ist das alles furchtbar. Sie wollen mir helfen, aber sie können mich nicht gesund machen. Das macht sie fertig. Und wenn ich Schübe habe, verstecke ich mich vor ihnen, weil ich spüre, wie meine Schmerzen sie schmerzen.

Heute, sagt Ihr Vater, wo Nathalie jung ist, wo es ihr noch relativ gut geht, können wir ihr helfen, aber wie ist das, wenn sie uns wirklich braucht, wir aber vielleicht nicht mehr da sind - in 20, 30 Jahren?

Puh, das hat er mir so noch nie gesagt! Mein Vater war ja ein Manager, der stets alles kontrolliert hat, und der muss nun erleben, dass sein eigenes Kind eine Krankheit hat, die er nicht kontrollieren kann. Dass er hilflos ist. Er hat mich am Anfang zu allen möglichen Ärzten geschickt. Ich war in Amerika, in der Uni Stanford bei Spezialisten, ich war in Arzneimittelfirmen, ich habe alles ausprobiert - von Akupunktur bis zur Osteopathie, Craniosacral, ich habe chinesische, klassische und alternative Medizin, Homöopathie, Neuralakupunktur ausprobiert. Mein Vater hat wohl mit allen Spezialisten der Welt telefoniert. Ich hab mein Essen umgestellt, jahrelang auf Fleisch verzichtet, obwohl ich das über alles liebe, ich hab Fischölkapseln geschluckt, nur noch Gemüse und Reis, Biozeugs gegessen, keinen Alkohol getrunken, Sport gemacht, ich habe wohl alles ausprobiert - aber gegen meine MS hat nichts geholfen. Die Dinge haben mich nur müde gemacht - nach jeder Heilmethode kamen neue Schübe.

Ihr Vertrauen in die Medizin ist geschwunden.

Nein, aber ich habe keine Heils- und Heilungserwartungen mehr. Niemand weiß bisher genau, wie und warum jemand diese Krankheit bekommt. Die Forschung und die Ärzte machen manche Fortschritte, aber selbst sie verstehen die Krankheit noch nicht so richtig. Und wenn ich mich an all die Sachen hielte, die man mir rät - mein Leben wäre völlig freudlos.

Der frühere Oberbürgermeister von Stuttgart, Manfred Rommel, der an Parkinson erkrankt ist, würde sich "Holzwolle in den Kopf stopfen, wenn es denn hilft".

Ich versteh das. Der Wunsch nach Gesundheit ist erdrückend. Ich fürchte, Gesundheit bleibt für mich ein unstillbares Verlangen. Ich muss meine Mitte also so finden, dass ich mit der Krankheit lebe und sie nicht mit mir.

Als Sie krank wurden, hat Ihr Vater Ihnen alles geboten, schöne Reisen - er sagte zu Ihnen: Lebe in gutem Klima, fahre, wohin du willst, genieße, was du willst. Aber Sie entschieden sich für eine MS-Stiftung.

Vielleicht hat das damit zu tun, wie unser Vater uns erzogen hat.

Was meinen Sie damit?

Er hat uns sehr sozial erzogen. Er sagte zu uns Kindern immer: Es ist sehr schön, was ihr hier habt, aber das ist nicht selbstverständlich, es ist nicht die ganze Wirklichkeit. Den meisten Menschen geht es viel schlechter. Ihr müsst auch die andere Seite des Lebens erfahren. Er nahm uns in den Irak mit, meine Schwester hat im Kongo gearbeitet, mein Bruder in Afghanistan. Und als ich mitbekam, wie vielen MS-Kranken es finanziell schlecht geht, wie sehr sie um ein würdiges Überleben kämpfen müssen, konnte ich nicht anders - ich musste meinen Vater einfach bitten, eine MS-Stiftung einzurichten.

Und nun sehen Sie täglich unfassbares Leid.

Ja.

Sie sehen Ihre eigene Zukunft.

Vielleicht. Wahrscheinlich. Vielleicht auch nicht. Alles ist möglich. Das Gute ist, dass man nie weiß, was die Zukunft bringt! Ich weiß nicht, was in zehn Jahren ist. Ist meine Zukunft eine Katastrophe? Ich will es nicht wissen! Dieses Nichtwissen ist eine Gnade. Trotz meiner Krankheit habe ich großes Glück: Ich habe meine Eltern und Geschwister, Freunde, ich bin finanziell abgesichert. Aber sehr viele MS-Kranke stürzen ins totale Elend, sie verlieren Beruf und Freunde.

Viele schämen sich für ihre Krankheit.

Ja, MS ist eine Tabukrankheit, sie kann peinlich und sehr grausam werden. Manche werden inkontinent, andere können sich nicht mehr bewegen, sie kommen ohne Hilfe nicht ins Bad, sie brauchen behindertengerechte Duschen, behindertengerechte Autos. Doch die Krankenkassen, statt schnell zu helfen, sind fürchterlich bürokratisch - und so helfen wir. Aber ich möchte vor allem auch in der Gesellschaft ein Bewusstsein schaffen für diese heimtückische Krankheit.

"Engel der MS-Kranken" hat Sie die "Süddeutsche Zeitung" genannt.

Na ja, das ist heftig übertrieben. Ich bin kein Lichtstrahl in Deutschland, ich weiß, dass ich das System nicht ändern kann. Was ich mache, ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Autos umbauen lassen. Gehhilfen einrichten, Kühlwesten für MS-Kranke gegen die Sommerhitze kaufen. Es ist pervers: Deutschland kann in Afghanistan einen Krieg führen, aber hier fehlt es den Bedürftigen an Hilfe!

Sie regen sich richtig auf.

Ja. Weil ich weiß, dass das, was wir tun, viel zu wenig ist. Ich kann nur jenen helfen, die sich an uns wenden. Aber ich lebe für diese Arbeit, ich mache sie, solange ich kann.

"Seit einem halben Jahr", schreibt Maximilian Dorner, "habe ich keine Berührung mehr erlebt. Nur flüchtige Umarmungen. Wenn ich im Kino ein sich küssendes Paar sehe, schließe ich die Augen."

Ja, ja, er weiß, wie wir fühlen. Oft ist man einsam, einfach ganz allein. Es ist schwierig für MS-Kranke, einen Partner zu finden. Das Leben mit uns kann sehr anstrengend sein. Meine Krankheit, daran glaube ich, wird nicht verhindern, die wahre Liebe zu finden. Mein größter Wunsch ist es immer noch, eine eigene Familie und Kinder zu haben. Diesen Traum werde ich immer haben. Vielleicht erfüllt er sich ja eines Tages!

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 09/2009

Hilfe und helfen Todenhöfers Stiftung Mehr als 120.000 Deutsche leiden an Multipler Sklerose. Die noch immer unheilbare Krankheit bedeutet nicht nur körperliche und seelische Qualen, sondern häufig auch den Verlust des Arbeitsplatzes und soziales Abseits. Nathalie Todenhöfers Stiftung "Lebensfreude für MS-Kranke in Not" hilft dort, wo staatliche Zuschüsse und finanzielle Mittel fehlen, wo Krankenkassen nicht helfen. In Zusammenarbeit mit der "Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft" (DMSG) finanziert die Stiftung z. B. Elektrorollstühle, behindertengerechte Badezimmer, den Umbau von Autos oder ein paar Tage Erholungsurlaub für Angehörige, die MS-Kranke pflegen.

Weitere Informationen erhalten Sie unter Tel. 089/54 80 72 13 oder
E-Mail:
kontakt@nathalie-todenhoefer-stiftung.de.

Mit einer Spende können Sie helfen:
Stadtsparkasse München, BLZ 701 500 00, Kontonummer 3889 oder Deutsche Bank, BLZ 700 700 10, Kontonummer 8888661

Interview: Arno Luik
Seite 1: Wenn der eigene Körper der Feind ist
Seite 2: Ihre Krankheit hat Ihre Werte verschoben.
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Luize (02.03.2009, 09:19 Uhr)
Schuldgefühle
Meine Mutter wurde vor 12 Jahren mit MS diagnostiziert, aber bereits 8 Jahre zuvor hatte sie erste Anzeichen, die aber von den Ärzten nicht einer MS zugeornet wurden.
Seit jener Diagnose hat sich alles verändert, am meisten sie selbst. Sie ist zu einer schrecklichen, pedantischen Person geworden, die ungerecht urteilt und, einzig und allein um ihr eignes Befinden kreist. Die Krankheit zerstörte sie und sie zerstörte alles um sich herum. Wenn jemand sagt, er bewundere MSkranke die durchhalten, egal wie schlecht es ihnen geht, dann muss hinzugefügt werden das man auch die Familien und die Pflegekräfte bewundert, denn wer einmal erlebt hat wie eine MSpatientin die Physiotherapeutin als
"Sadistisches Arschloch" beschimpft hat, weil die Übungen unangenehm waren, wer erlebt hat wie eine MSpatientin das von der eigenen Schwester gekochte Essen wieder auf den Teller spuckt, weil es ihr zu karottig schmeckt, der sollte sich klar machen, das diese Krankheit nicht nur den Körper, sondern auch in einem hohen Maß den Geist und somit die Persönlichkeit angreift, die Menschen verändert bis sie kaum noch wieder zu erkennen sind. Meiner tapferen Tante gilt meine Bewunderung, die jeden Tag an das Krankenbett meiner Mutter fährt, sie umsorgt und bekocht und danach ob der dort empfangenen Demütigungen sich die Augen ausweint. Ein rührseliges Interview mit einer jungen Frau die noch ganz am Anfang der Krankheit steht, ist viel zu einseitig und zeigt zu keiner Zeit welch eine Belastung die Patienten selbst ( auf Grund ihres Verhaltens, nicht auf Grund der körperlichen Gebrechen)für die Familien und Freunde und Pflegekräfte darstellen.
Ich lebe 800 Kilometer weit von meiner Mutter weg, ich bin dankbar für jeden einzelnen, ich liebte meine Mutter, aber die Frau zu der sie durch die Krankheit geworden ist, die fürchte und meide ich nach jedem Besuch mehr. Ihre Krankheit hat mich bereits einmal fast zu Grunde gerichtet und ich muss immer noch aufpassen das es nicht doch noch passiert. Ich kann nur jedem raten, nicht aus Schuldgefühlen heraus sein eigenes Leben der Pflege aufzuopfern.
"Die, denen man alles aus Liebe opfert, die wird man eines Tages für all das Geopferte hassen."
dmgroupie101 (02.03.2009, 08:32 Uhr)
Traurig
Ich habe diese Krankheit auch, alle wissen davon, auf der Arbeit, Familie, Freunde. Und von allen werde ich gefragt, warum ich so Positiv bin? Weil jeder von Euch morgen tot umfallen kann und ich meinen Dämon kenne, und mich von ihm nicht mehr beherrschen lasse. ich habe eine große Familie, einen großen Freundeskreis, einen anspruchsvollen Job. ich nehme mir mittlerweile Auszeiten, wenn ich Sie brauche. Und wenn ich einen Schub habe, dann setzt für ein paar Wochen das Leben, wie es sonst ist, aus. Dann kümmern sich mein Partner, meine Familie, meine Freunde um mich, weil ich eben sonst auch sehr hilfsbereit bin, kommt das zu mir zurück, glaube ich. Und wenn es mir gut geht, mache ich das, was mir Spaß macht, fahre in Urlaub, gehe in Diskos und Konzerte etc. Ich bin durch die Krankheit kompromissloser geworden, was meine Entscheidungen betrifft, ja. Aber ich lebe mein Leben...mit MS, aber MS bestimmt nicht alles, sondern nur ab und zu. Klar, dass man sich nicht aussuchen kann, wann man Schübe hat. Und wenn ich einen habe, bin ich auch deprimiert. Ich habe auch Glück, dass ich die Medikamente gut vertrage. Allerdings habe ich unter der Medikation trotzdem Schübe. Leider wird die Krankheit nicht überall gleich behandelt. ich bekomme keinen Schwerbehindertenausweis, obwohl ich regelmäßig Schübe habe, und eine Gefühlsstörung in der rechten Hand von einem heftigeren Schub zurückbehalten habe. Eine Bekannte, die nur alle paar Jahre mal Schübe hat, hat den Ausweis bekommen. Ich würde den Ausweis auch sofort zurückgeben wollen, wenn ich dafür gesund wäre. Aber da ich nun mal krank bin, und in meinem Leben behindert, möchte ich auch die Erleichterungen nutzen,die ein Ausweis bieten würde.
Ich wünsche allen Leidensgenossen/-genossinnen vile Mut und Zuversicht, die Zeit zu nutzen, in der es nicht so schlimm ist....
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