
Arbeiten bis zum Umfallen, kein Urlaub, immer auf Abruf - wer sich ständig getrieben fühlt, setzt sein Herz unter Dauerfeuer© Michael Gibbs
Auch wer nicht arbeitet, kann unter chronischem Stress stehen. Arbeitslos sein und jeden Tag eine neue Absage aus dem Briefkasten ziehen, im Ehekrieg leben oder die demente Mutter pflegen - das zermürbt die Seele genauso wie Druck und das Fehlen von Anerkennung im Job. Schlimmstenfalls komme beides zusammen, so Wolfgang Mayer-Berger, Chefarzt der Reha-Klinik Roderbirken bei Leverkusen, einer Einrichtung, die sich auf Herz und Psyche spezialisiert hat. Das Schema wiederhole sich: Arbeiten bis zum Anschlag, um Hausbau und Schulden abzahlen zu können. Irgendwann, wenn das nicht funktioniert, bricht der Traum zusammen, der Lebensstandard sinkt, die Partnerschaft zerreibt sich an Problemen.
Bei Dieter Schell* zum Beispiel ging erst die Liebe kaputt und dann, als er 54 war, das Herz. Schell ist Veranstaltungsmanager eines großen deutschen Pharmaunternehmens. "Ich bin Perfektionist und habe mich von jeher über Leistung definiert. Ich wollte immer fünf Prozent besser sein als die anderen und hatte einen inneren Antreiber", sagt er. "Es gab für mich kein Wochenende, keinen Feierabend, keine Mittagspausen." Seine Ehe zerbrach darüber, er musste seine Kinder allein großziehen. Aber selbst da wusste er noch nicht, was er sich antat. "Ich dachte: Toll, wie ich das alles wegstecke. Bei dir gibt es ja gar keine Grenzen bei der Belastbarkeit." Dann kam der "Schuss vor den Bug": Infarkt.
Nicht jeder, der harte Arbeit oder private Probleme bewältigen muss, ist gleich gefährdet. Wie anfällig jemand für Stress ist, hängt zum einen von genetischen Faktoren ab, zum anderen von Erfahrungen und Gelerntem. Wie viel erwarten wir von uns? Wie sehr sind wir auf Leistung fixiert? Welche Bedeutung messen wir kritischen Situationen zu? Können wir sie bewältigen? Wer das Gefühl hat, den Herausforderungen gewachsen zu sein und sie kontrollieren zu können, bei dem steigt der Spiegel des Stresshormons Cortisol beispielsweise kaum an. Es gibt eine Art unbewusstes Körpergedächtnis, das solche Erfahrungen speichert, vergleicht und bewertet. Der eine empfindet den Ehekrach oder den launischen Chef bloß als Belastung, der andere zerbricht schier daran.
Nachgewiesen ist, dass chronisch emotional angestrengte Menschen ihre Umwelt anders wahrnehmen - der Beginn eines Teufelskreises: Der Sollwert für "Alarm" ist bei ihnen heruntergesetzt, ihr Gehirn ist aufmerksamer und wachsamer für Außenreize. Sie reagieren oftmals schreckhaft oder aufgeregt, bei alltäglichen Situationen verhält sich der Körper, als wären es Notfälle.
Während Experten ursprünglich davon ausgingen, dass allein Ehrgeiz, Hektik, Zeit- und Konkurrenzdruck das Herz gefährden, haben sie heute noch ganz andere Risikofaktoren im Fokus. Besonders intensiv beschäftigen sie sich mit dem sogenannten Typ-D-Verhaltensmuster, das sie mit Schlagworten wie Feindseligkeit und Ärger verbinden. "Gemeint sind Menschen, die ihre negativen Emotionen nicht mit anderen besprechen können", erklärt Christoph Herrmann-Lingen. "Sie werden diese Gefühle nicht los, schlucken sie runter und fressen sie in sich hinein." Mit fatalen Folgen für die Pumpe.
Besonders nah am Klippenrand stehen krankhaft Trübsinnige: Wer unter Depressionen leidet, hat ein doppelt so hohes Risiko für einen Herzinfarkt wie seine ausgelasseneren Mitmenschen. "Eine Depression ist Dauerstress für den Körper", erklärt Professor Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtzzentrum in München. "Vielen Außenstehenden leuchtet das erst mal nicht ein. Sie denken: ,Der lebt doch zurückgezogen und ist eher wenig aktiv - warum soll der denn Stress haben?‘" Das sei ein Trugschluss. Denn der Körper von Depressiven sei permanent in einer destruktiven Anspannung, und die ganze Stoffwechsellage verändere sich. "Die Depression kann es in puncto Herzinfarkt durchaus mit den bekannten körperlichen Risikofaktoren wie Rauchen oder Bluthochdruck aufnehmen", sagt Ladwig.
Hans-Joachim Breckenkamp, Lehrer aus Velbert, hat das zu spüren bekommen: Er hatte in den vergangenen Jahren viele Schicksalsschläge zu verkraften und war in der Folge regelmäßig im Herbst schwermütig geworden. Die Mutter war innerhalb kürzester Zeit an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben, seine Frau 2001 an einem Nierentumor erkrankt, er war in gerichtliche Auseinandersetzungen mit Verwandten verstrickt, und zwei Sportunfälle hatten den begeisterten Fußballer lange Zeit außer Gefecht gesetzt.
Das alles nahm sich Hans-Joachim Breckenkamp zu Herzen. Die depressiven Verstimmungen stellten sich regelmäßig jedes Jahr im Herbst wieder ein. Dann fühlte er sich müde und antriebsarm - er nahm Antidepressiva, begab sich auch in psychotherapeutische Behandlung. Trotzdem: Im November 2005 erlitt er einen Infarkt, mit 53 Jahren. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten kam er in die Reha-Klinik Möhnesee bei Soest.

Tiefe Trauer kann das "Broken-Heart-Syndrom" auslösen, das Syndrom des gebrochenen Herzens. Dabei überfluten Stresshormone den Körper und legen den Pumpmuskel vorübergehend lahm© Michael Gibbs
Dort arbeiten Kardiologen und Ärzte aus der Psychosomatik eng zusammen. Der Chefarzt der psychosomatischen Abteilung, Thomas Müller-Holthusen, sagt: "Wir haben häufig Patienten, die jahrelang unter Depressionen leiden und sich des Risikos für ihr Herz gar nicht bewusst sind. Dann bekommen sie einen Infarkt. Wenn sie Glück haben, landen sie bei einem Doktor, der ihnen erklärt, dass da durchaus ein Zusammenhang bestehen kann."
Genau genommen sogar ein doppelter: Zum einen leiden Depressive unter einem erhöhten Infarktrisiko, zum anderen kann der Infarkt seinerseits in eine schwere psychische Krise führen. Wenn die Pumpe versagt, der Lebensmotor aussetzt, weckt das bei vielen Ängste oder stürzt sie in tiefe Trauer. Ein Fünftel aller Infarktpatienten bekommt eine sogenannte Postinfarktdepression. "Herzchirurgen übersehen oft diesen Zusammenhang und fragen den Patienten: Ihr Herz funktioniert doch wieder - warum gucken Sie denn noch so traurig?", sagt Müller-Holthusen. Aber wer depressiv reagiert und das nicht behandeln lässt, hat wesentlich schlechtere Genesungschancen: Das Risiko, innerhalb der nächsten zwei Jahre zu sterben oder einen erneuten Infarkt zu bekommen, erhöht sich auf das Drei- bis Fünffache.
Jeder, der in die Klinik Möhnesee kommt, hört deshalb drei Vorträge: einen über Stress, einen über Depressionen und einen über Stressbewältigung. "Die Patienten müssen ganz allmählich lernen, dass sie ihrem Körper wieder trauen können", sagt Rainer Schubmann, kardiologischer Chefarzt in der Klinik Möhnesee. Etwa durch Gesprächstherapien, Entspannungsverfahren oder mit dosiertem Sport.
Lehrer Hans-Joachim Breckenkamp kann sich inzwischen wieder einigermaßen an Alltäglichem erfreuen, auch wenn er nach dem Infarkt nur noch eingeschränkt belastbar ist. "Das bunte Laub im Herbst, das Blühen der Blumen im Frühling, dass die Kinder gesund sind", sagt er. Der Behindertenbetreuer Graf schafft es jetzt, "die Dinge nicht mehr so an mich heranzulassen". Dem Veranstaltungsmanager Schell helfen Meditationskurse und Entschleunigung. "Ich musste erst mal lernen, meine Hochtourigkeit zu durchbrechen und auch mal nichts zu denken und nichts zu machen. Ich musste sogar lernen, wieder langsamer zu gehen und langsamer zu essen", sagt er. "Und dass ich nicht mehr für alles verantwortlich bin."
Umdenken, Verhaltensänderung, Entspannung - dafür brauchen die meisten professionelle Hilfe. Und viele Stressopfer gehen diesen Weg erst, wenn die Pumpe schon versagt hat. Dabei könnten sie lange vor dem Kollaps an sich arbeiten: Wer seine Trauer nicht bewältigt, wer fürchtet, depressiv zu werden, sollte unbedingt ein offenes Gespräch mit seinem Hausarzt führen - oder sich an einen Psychologen oder Psychiater wenden. Ist die Not noch nicht erdrückend, lässt sich sogar mit kleinen Schritten viel bewegen. "Das heißt ganz konkret: Pausen einlegen, mal aus dem Fenster gucken und träumen. Und in heiklen Lagen bewusst atmen oder sich Bilder, die Gelassenheit vermitteln, vor das innere Auge rufen, um sich emotional von der belastenden Situation zu distanzieren", sagt Hans-Peter Unger, Chefarzt der Psychiatrie an der Asklepios-Klinik Hamburg-Harburg. Er bietet zusammen mit einer Yoga-Spezialistin ein sogenanntes Achtsamkeitstraining an für Menschen mit ersten Stresssymptomen wie Herzrasen, Kribbeln in den Armen oder Schlafstörungen.
In Göttingen fragt Professor Herrmann-Lingen seine Patienten: "Was tut Ihnen gut? Was kann Sie motivieren, pünktlich das Büro zu verlassen?" Viele hätten erst mal Angst, ihnen würde etwas weggenommen werden: die Arbeit, die so viel Raum einnahm. Dabei ginge es doch darum, Alternativen anzubieten, ein Gegengewicht aufzubauen. "Stress gilt leider immer noch als etwas Ehrenhaftes. Es gibt da einen Spruch, den viele im Kopf tragen: Einen Infarkt erleidet man nicht, den verdient man sich", sagt Herrmann-Lingen. Es ist an der Zeit, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 46/2008
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