Ja. Es ist wichtig, konkrete Träume zu haben. So verbrachte ich einen Teil meiner Kindheit mit dem Traum, Captain James T. Kirk zu sein, Commander des Raumschiffs "Enterprise". Ich bin davon überzeugt, dass ich ein besserer Lehrer und Kollege - vielleicht sogar auch ein besserer Ehemann - geworden bin, weil ich verinnerlicht hatte, wie sich Captain Kirk als Chef der "Enterprise" verhielt. Er hatte ein angeborenes Führungstalent. Er inspirierte andere mit seiner Leidenschaft. Aber er gab nie vor, etwas besser zu können als seine Untergebenen. Außerdem hatte er eine Romantik, mit der er Frauen in jeder Galaxie schwachmachen konnte.
Als wir hörten, dass sich Metastasen gebildet hatten, weinten meine Frau und ich und hielten einander fest. Dann schlossen wir einen Pakt: Wir werden lachen. Und das tun wir. Wir lachen. Über den Krebs und alles mögliche andere. Wir gehen zu einer Beratung, sie ist ungemein hilfreich. Jai versucht, sich auf den Tag zu konzentrieren - und nicht auf das Negative, das uns bevorsteht. Sie sagt, dass es niemandem hilft, wenn wir das Heute damit verbringen, uns vor dem Morgen zu fürchten. Wir versuchen, uns mit dem Leben anzufreunden, das sie nach meinem Tod führen wird. Und was die nahe liegende Frage betrifft: Ja, ich will, dass Jai glückliche Jahre vor sich hat. Wenn sie ihr Glück in einer neuen Ehe findet, dann fände ich das großartig. Wenn sie es findet, ohne eine neue Ehe einzugehen, dann fände ich auch das großartig.
Gestatte es dir zu träumen. Gib auch den Träumen deiner Kinder Nahrung. Lass dir helfen. Such niemals nach Mitleid, das ist ein Fehler. Frag dich stets, ob du deine Zeit wirklich mit den richtigen Dingen verbringst. Zeit muss verwaltet werden, nicht anders als Geld. Ich war mir mein Leben lang bewusst, dass Zeit endlich ist. Ich habe ganze Vorlesungen über Zeitmanagement gehalten. Beklag dich nicht, streng dich einfach mehr an. Eine Menge Leute verbringen ihr Leben damit, über ihre Probleme zu klagen. Ich fand immer, wenn sie nur ein Zehntel der Energie, die sie fürs Jammern verbrauchen, der Lösung ihrer Probleme widmen würden, wären sie überrascht, wie schnell die Dinge eine gute Wendung nehmen würden. Such nach dem Besten in jedem. Fast jeder hat eine gute Seite. Man muss nur warten können. Sie wird zum Vorschein kommen, auch wenn es manchmal Jahre dauert. Und wenn ich einen Rat geben müsste, der nur aus drei Wörtern bestehen dürfte, würde er lauten: Sag die Wahrheit.
Mir haben Tausende fremder Menschen geschrieben und mir mit ihren guten Wünschen Auftrieb gegeben. Da draußen gibt es so viele, die viel mutiger sind als ich. Es war mir wirklich vergönnt, das Beste zu bekommen, was die Menschheit zu bieten hat, und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich habe mich nie allein gefühlt auf dem Weg, den ich jetzt gehe.
Ja. Eltern sollten ihre Kinder dazu ermuntern, Freude am Leben zu entwickeln - und einen starken Drang, den eigenen Träumen zu folgen. Dies sind meine Träume für meine Kinder. Das Einzige, wozu ich meine Kinder drängen möchte, ist, dass sie ihrem Weg mit Begeisterung und Leidenschaft folgen. Und ich wünsche mir, dass sie spüren, wie voll und ganz ich hinter ihnen stehe - immer, egal, welchen Weg sie einschlagen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2008
Hintergrund Randy Pausch, 47, ist Professor für Computerwissenschaften
an der Carnegie
Mellon University in Pittsburgh/USA. Im
September 2006 bekam er die Diagnose
Bauchspeicheldrüsenkrebs. Einige Monate
später war klar: Trotz Operationen und
Chemotherapien würde er den Kampf
gegen die Krankheit verlieren. Würde mit
seiner Frau nicht alt werden, seine drei
Kinder (6 und 3 Jahre sowie 22 Monate)
nicht groß werden sehen.
Im September 2007 hielt Pausch an der
Universität seine "Last Lecture", seine
Abschiedsvorlesung. Er sprach darin über
die wichtigsten Erkenntnisse seiner Wissenschaft,
über "Alice", sein Programm zur
Erschaffung künstlicher Realitäten. Vor
allem aber sprach er über Kindheitsträume
und ihre Verwirklichung, über die Liebe
und seine Sicht auf das Leben. Der Vortrag
wurde aufgezeichnet, ins Internet gestellt
und dort schon in den ersten Tagen mehr
als eine Million Mal heruntergeladen. In
den folgenden Monaten führte der Journalist
Jeffrey Zaslow vom "Wall Street Journal"
viele lange Gespräche mit Pausch, aus
denen das Buch "Last Lecture" entstand,
das die Themen der berühmten Vorlesung
vertieft - und das soeben auch auf
Deutsch erschienen ist (s. unten).
Von der Zeit, die ihm bleibt, will Randy
Pausch so viel wie möglich mit
seiner Familie verbringen. Zum Erscheinen
des Buchs führte er jedoch noch ein
weiteres Gespräch mit Zaslow. Aus diesem
und den zuvor für das Buch geführten
Interviews entstand die hier gedruckte,
autorisierte Fassung.
Auf seiner Website gibt Randy Pausch fast täglich Auskunft über sein momentanes körperliches und seelisches Befinden.