
"Man braucht ein Gespür dafür, ob der Arzt auf so was anspringt", erklärt ein Pharmareferent
Als offizieller Verwendungszweck steht auf den Schecks meist "Referentenhonorar". Firmeninterne Dokumente, die dem stern vorliegen, zeigen, dass solche Schecks an Ärzte eine seit 1997 geübte Praxis bei Ratiopharm sind. Im November 2003 haben die Zahlungen aber einen solchen Umfang erreicht, dass den Ratiopharm-Managern in Ulm offenbar der Überblick abhanden gekommen ist. In einer E-Mail werden daraufhin alle Außendienstleiter in Deutschland angeschrieben:
"Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, für statistische Zwecke benötigen wir folgende Angaben zu V.O.M.-ratiopharm: Mit welchem Arzt wurde eine Vereinbarung getroffen? Welcher Art? Seit wann? Höhe der Vereinbarung? Bitte setzen Sie sich mit Ihren Mitarbeitern in Verbindung und teilen uns dann die entsprechenden Angaben mit. Vielen Dank! Freundliche Grüße, Leitung Praxisaußendienst."
Als eine Pharmareferentin berichtet, dass sie an ihre Ärzte sechs Prozent zahlt, ist die Leiterin des Praxisaußendienstes lediglich über die Höhe der Zahlung empört und stellt die gängige Praxis klar:
"Hallo Frau N., wie bekannt gibt es bei V.O.M. 5 Prozent auf HAP (Hersteller-Abgabepreis, d. Red.) und 2,5 Prozent auf AVP (Apothekenverkaufspreis, d. Red.) und dies auch nur in Absprachen. Sie werden verstehen, dass wir nicht ohne Ende solche Summen außerhalb des Budgets zahlen können."
Als die E-Mails der anderen Außendienstler in Ulm eintrudeln, wird klar, welches Ausmaß die Ärztebetreuung mittlerweile angenommen hat: So meldet ein einziger Regionalleiter 25 Ärzte aus seinem Gebiet, die V.O.M.-Schecks bekommen. Bundesweit erhalten, so schätzen Ratiopharm-Mitarbeiter, zwischen 500 und 1000 Ärzte regelmäßig Schecks des Pharmakonzerns für willfähriges Verschreibungsverhalten, also etwa ein Prozent aller niedergelassenen Ärzte. Wie anspruchsvoll manche von ihnen sind, zeigt die E-Mail einer anderen Pharmareferentin an die Zentrale in Ulm:
"Dr. W. legt keinen Wert auf den Besuch von Firmen, die ihn nicht für seine 'Verordnungen bezahlen'. Er wünscht quartalsweise Zahlungen ohne Kontrolle der Verordnungen wie z. B. durch V.O.M. Lediglich Werbegeschenke und Servicemuster können bei den Damen abgegeben werden. Herzliche Grüße."
Andere Aussendienstler berichten, wie motivierend Schecks für Ärzte sind, die bisher wenige Ratiopharm-Präparate verschrieben haben:
"Einige Ärzte haben mir dann ganz klar zu verstehen gegeben, dass, wenn ich ihnen etwas Gutes tue, in Form von Schecks, dann würden sie auch wieder Ratiopharm verordnen. Mal sehn, was sich da machen lässt. Ansonsten habe ich die ersten Geschenke für die Ärzte schon gekauft und verteilt, CD's, Kerzenständer, Gutscheine Douglas etc."
Am 8. April dieses Jahres schreibt die Ratiopharm-Geschäftsführerin Dagmar Siebert folgende E-Mail an ihre Außendienstmitarbeiter:
"Liebe ratiopharmer, wir haben heute die wichtigsten Eckpunkte für unser Umsatzziel der nächsten 3 Monate (190 Mio. Euro) fixiert. Mit V.O.M.-ratiopharm haben Sie ein wichtiges, attraktives Instrument zur Verfügung, um dem Arzt sein Verordnungsverhalten aufzuzeigen. Sprechen Sie mit Ihren Regionalleitern, wie dieses Instrument in Mehrumsatz umzusetzen ist. Diese haben die Detaillösung. Nähere Informationen auf Ihren Tagungen. Setzen Sie alle Möglichkeiten/Budgets ein, um Mehrumsatz zu generieren!! Viel Erfolg! Es grüßen Sie herzlichst Dagmar Siebert mit Team."
Vom stern mit der Praxis der V.O.M.-Schecks konfrontiert, verweigert Ratiopharm eine konkrete Antwort. Nur so viel räumt die Firma ein: "V.O.M. ist ein betriebswirtschaftliches Analyseinstrument. V.O.M. unterstützt die Ärzte bei einer wirtschaftlichen Praxisführung analog der von den Krankenkassen durchgeführten Analysen und weist auf die Einsparpotentiale bei den Verordnungen hin. Zu diesem Zweck wertet der Arzt seine Verschreibungspraxis aus. Dies erfolgt anonymisiert. Eine Vergütung an die Ärzte erfolgt hierfür nicht."
Geschäftsführerin Dagmar Siebert fühlt sich in besonderer Weise für die Motivation der Außendienstler zuständig. Auf einer Versammlung von rund 150 Pharmareferenten am 29. September 2005 im Berliner Hotel Maritim wandelt sie mit umgehängtem Mikrofon und offenem Wildledermantel zwischen den Stuhlreihen umher, ruft einzelne Mitarbeiter persönlich auf und beschwört den neuen Geist, der in der Ratiopharm-Zentrale herrsche. "Wir leben in einem Change-House, wie wir das im Führungsteam nennen", erklärt Siebert. "Da reagiert man manchmal mit Angst, Chaos und Verwirrung. Wichtig ist nur, dass du weißt, wo du dich befindest."
Dann fährt sie begeistert fort: "Im Change-House gibt es einen Raum der Selbstzufriedenheit, einen Raum der Ablehnung, von da aus geht's in den Keller der Ablehnung, danach folgt der Raum der Verwirrung und schließlich der Raum der Erneuerung." Weil die Pharmareferenten noch etwas stutzen, fügt sie hinzu: "Das kann man auf alles, was man macht, Übertragen."
Ratiopharm ist nicht die einzige Firma, die Ärzten Geld angeboten hat, damit diese bestimmte Medikamente verschreiben. Auch die Generikafirma Sandoz hat Ärzten eine prozentuale "Provision" auf den "berechneten Umsatzzuwachs im Vertragsgebiet" angeboten, wie die Fachzeitschrift "Arznei-Telegramm" berichtet. Auf Anfrage hat Sandoz dem stern mitgeteilt, dass man "die Verträge mit den Arztnetzen im gegenseitigen Einvernehmen" ausgesetzt habe.
Die Selbstverständlichkeit, mit der manche Ärzte Belohnungen von der Pharmaindustrie einstecken, ist schon erstaunlich, weil das nach der "Musterberufsordnung für die deutschen Ärztinnen und Ärzte", die auf dem Deutschen Ärztetag 1997 in Eisenach beschlossen wurde, eindeutig verboten ist. Dort steht:
"§ 34 Dem Arzt ist es nicht gestattet, für die Verordnung von Arzneimitteln eine Vergütung für sich zu fordern, sich versprechen zu lassen oder anzunehmen."
Die Musterberufsordnung für Ärzte ist eine Selbstverpflichtung, kein Gesetz. Wer dagegen verstößt, kommt also nicht vor Gericht, ihm kann allerdings seine Zulassung als Arzt entzogen werden.
Auch im Kodex des Vereins "Freiwillige Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie" verpflichten sich die forschenden Pharmakonzerne dazu:
"§ 3,1 Die Ärzte dürfen in ihren Therapie-, Verordnungs- und Beschaffungsentscheidungen nicht in unlauterer Weise beeinflusst werden.
§ 4,6 Es ist unzulässig, Ärzten für die Verordnung und die Anwendung eines Arzneimittels oder die Empfehlung eines Arzneimittels gegenÜber dem Patienten ein Entgelt oder einen sonstigen geldwerten Vorteil anzubieten, zu gewähren oder zu versprechen."
Verstöße gegen den Kodex der Pharmaindustrie werden intern geregelt, im schlimmsten Fall mit Geldbußen. Generikafirmen haben sich diesem Kodex aber weder angeschlossen noch einen eigenen entwickelt. Auf Kreuzfahrten für Ärzte oder Kongresse in attraktiver Umgebung angesprochen, antwortet Ratiopharm-Geschäftsführer Claudio Albrecht im November 2004 in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Das können wir uns überhaupt nicht leisten. Weder die Kreuzfahrt noch den Skiurlaub. Dafür fehlen einem Generikahersteller schlicht die Mittel."
Ein paar "Mittel", um Ärzten Gutes zu tun, scheint Ratiopharm aber dennoch zu haben. 2004 brachte Ratiopharm den Cholesterin-Senker Pravastatin auf den Markt und entwickelte dazu ein Gutschein-Programm für Ärzte. Als Motto steht über dem firmeninternen Papier: "Gezielter Mitteleinsatz und selektive Vorgehensweise durch Vereinbarungen und daran geknüpfte Incentives (engl. Anreize, d. Red.) für den Arzt."
Darunter sind die Voraussetzungen genau geregelt: Wer als Arzt fünf Patienten auf das neue Medikament Pravastatin einstellt, bekommt einen Gutschein über 50 Euro, zehn Patienten bringen 100 Euro, 15 Patienten 200 Euro. Die Gutscheine können etwa bei Karstadt, Mediamarkt und TUI eingelöst werden, informiert der Leiter des Ratiopharm-Produktmanagements die Außendienstmitarbeiter per E-Mail und ergänzt: "Arzt muss Gutscheine nicht versteuern!" Auf Anfrage behauptet Ratiopharm: "Das Marketingprogramm" für Pravastatin sei nur "über eine kurze Zeitspanne gelaufen". Bei den Ärzten kommt die Aktion unterschiedlich an. Eine Pharmareferentin berichtet ihrem Chef: "Ich konnte in fast jeder Praxis eine Umstellungszusage bekommen." Eine andere schreibt: "Bis jetzt konnte sich noch keiner der Ärzte für dieses Konzept begeistern, sie möchten lieber alle bar-cash ..."
Übernommen aus ...
Ausgabe 46/2005