Überrascht war der Wissenschaftler auch darüber, wie wenig die Frauen tatsächlich über die gesundheitlichen Gefahren und genauen Zusammenhänge wussten. Dass Raucherbabys kleiner sind und weniger wiegen, wussten viele, doch nicht alle konnten daran etwas Schlechtes finden. "Ein häufiges Argument, das wir gehört haben, war: Ist doch gar nicht so schlecht, wenn das Baby kleiner wird, damit die Geburt nicht so schwer wird", sagt Hannöver. Außerdem stieß er auf einen unerfreulichen Mythos, der sich noch immer zu halten scheint: Mehrere Frauen berichteten, ihr Frauenarzt hätte ihnen davon abgeraten das Rauchen ganz aufzugeben, um beim Kind keine Entzugserscheinungen hervorzurufen. "Da waren wir selbst verunsichert und sind die ganze Literatur noch mal durchgegangen, haben zusätzlich erfahrene Kliniker gefragt, ob ein Nikotinentzug gesundheitliche Schäden während der Schwangerschaft verursachen kann", sagt Hannöver. Keine Studie habe das verifizieren können.
Zum Unwissen kommt manchmal auch das Verdrängen hinzu. Manche würden ihr Wissen über die schädigenden Auswirkungen offenbar ausblenden, sagt Psychologin Pundrich. "Sehr häufig liegt diesem Verhalten eine starke diagnostizierte Nikotinabhängigkeit zugrunde", erklärt sie. Pundrich gibt Entwöhnungskurse für Schwangere am Elternkolleg der Charité. Sie ist überzeugt: "Mit schockierenden Szenarien und Drohungen ist den Frauen nicht geholfen." Viele würden dann auf ihrem Stuhl zusammensinken und Stress empfinden. "Und wenn sie rausgehen, rauchen sie womöglich gleich die nächste Zigarette." Sie versuche daher den Frauen behutsam zu vermitteln, wie positiv es für das Baby wäre, wenn es nicht mehr mitrauchen müsste. "Ich muss positiv motivieren", sagt sie. Schließlich wolle sie, dass die Frauen wiederkämen.
Damit die Gesprächstherapie so effektiv wie möglich ist, lädt das Elternkolleg rauchende Partner gleich mit ein. Zusätzlich zu verhaltenstherapeutischen Gruppenprogrammen und motivierender Gesprächsführung hilft Pundrich den Frauen mit Akupunktur oder Hypnose ihre Abhängigkeit zu überwinden. Bei Frauen, die stationär in der Charité behandelt werden, ist das Angebot kostenfrei in den Behandlungsplan integriert. Wer ambulant kommt, muss für Akupunktur und Hypnose jedoch einen Beitrag zahlen, da die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nur die Kosten einer Gruppentherapie übernehmen. Wenn das alles nicht hilft, ist unter Umständen auch eine Nikotinersatztherapie möglich, die normalerweise während der Schwangerschaft in Deutschland nicht zugelassen ist.
Einen anderen Weg hat Ekkehart Paditz in Sachsen gewählt. 2003 hat die Babyhilfe Deutschland dort das bundesweit erste "proaktive" Beratungstelefon für rauchende Schwangere gegründet. Anstatt selbst Hilfe aufzusuchen, werden Raucherinnen angerufen - vorausgesetzt sie gestatten ihrem Frauenarzt ihre Rufnummer an das Babytelefon weiterzugeben. "Zur Suchtberatung gehen viele Frauen nicht, weil das zum Teil als stigmatisierend empfunden wird. Bei unserer Hotline fällt diese Hemmschwelle weg, die Schwangeren müssen nicht durch eine Tür, sondern werden zu Hause angerufen", erklärt Paditz. 200 Frauen nutzen dieses Angebot jährlich. In regelmäßigen Abständen erhalten sie Anrufe von geschulten Beraterinnen, die mit ihnen besprechen, wie der Weg aus der Sucht gelingen kann. Schon beim ersten Gespräch wird ein Ausstiegstermin innerhalb der folgenden zwei Wochen vereinbart. 70 Prozent der Teilnehmerinnen schaffen nach eigenen Angaben den Ausstieg und bleiben zumindest bis ein Jahr nach der Geburt rückfallfrei. "Die Schwangerschaft ist die stärkste Motivation, um mit dem Rauchen aufzuhören, stärker als ein Herzinfarkt oder Krebs", sagt Paditz. Allerdings bräuchten einige dabei eben kompetente Hilfe.