
Schütte hat die Geburt der neuen Rauchstopp-Pille aufmerksam verfolgt: US-Freigabe im Mai 2006, die EU-Freigabe vier Monate später© Björn Erichsen
"In dieser ersten Woche passierte überhaupt nichts", erzählt Schütte. "Ich hatte weder das Bedürfnis weniger zu rauchen, noch gab es Nebenwirkungen." Vor allem über Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und abnorme Träume hatten die Teilnehmer der Studien geklagt. "Ein flaues Gefühl hatte ich nur dann, wenn ich an den Stichtag dachte."
Der Stichtag kam, unausweichlich: Freitag, der 9. März, sollte Schüttes erster rauchfreier Tag werden. Doch auf seine Frühstückszigaretten wollte er nicht verzichten, erst die vierte an diesem Morgen soll die letzte gewesen sein, der Schlussstrich. Trotz reichlich Vareniclin im Blut durchleidet Schütte die gleiche kleine Hölle wie so viele andere bemühte Nichtraucher.
"Ab Mittag kreisten meine Gedanken im Fünfminutentakt um Zigaretten ", erinnert er sich. "Bloß nicht wieder anfangen", schreibt er in diesen Tagen, halb flehend, halb sich selbst befehlend in sein Tagebuch, und "Ich habe das Gefühl, als würde ich den Zeitpunkt meiner nächsten Zigarette lediglich aufschieben."
"Aber dennoch kann ich die Wirkung von "Champix" spüren. Es dämpft die körperlichen Entzugserscheinungen fast vollständig - viel stärker, als ich das etwa von Nikotinkaugummis kenne." Doch der körperliche Entzug ist nur eine Seite, seinen Hauptfeind hat er längst im eigenen Kopf ausgemacht: "Natürlich hatte ich insgeheim gehofft, dass der Entwöhnung mit 'Champix' doch etwas leichter wäre, aber in erster Linie ist es ein Kampf gegen die Gier im eigenen Kopf."
"25 Prozent 'Champix', 75 Prozent ich", so schätzt Schütte den Anteil am bisherigen Erfolg; denn beim Kampf gegen seine eingelebten Raucherrituale kann ihm auch "Champix" kaum helfen. Die Attacken kommen immer in den gleichen Situationen - etwa bei Stress im Job, aber auch, wenn es mal ganz ruhig ist. Vor allem beim Morgenkaffee fehlt Schütte die geliebte Zigarette. Es dauert eben lange, ein Suchtgedächtnis von fast drei Jahrzehnten neu zu programmieren.
"Das Vareniclin kann nur einen Teil der Entzugserscheinungen nehmen, wichtiger ist, dass der Entwöhnungswillige bereit ist, sein eigenes Verhalten umzustellen", sagt Professor Anil Batra, Leitender Oberarzt der Psychatrischen Universitätsklinik in Tübingen und Leiter des dortigen Arbeitskreises zur Rauchentwöhnung. "Produkte wie Vareniclin, Bupropion oder Nikotinpflaster dienen lediglich als Entwöhnungshilfen; ich kann nur davor warnen, den eigenen Anteil am Entzug zu unterschätzen."
Das kann bei "Champix" schnell mal passieren, verspricht das Medikament doch eine quasi folgenlose Zigarette. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten: "Die Versuchung ist riesig, ich kann nicht zählen, wie oft ich daran gedacht habe, dass ich mir ja eigentlich eine Zigarette leisten könnte", sagt Schütte. "Aber ich habe es lieber nicht riskiert, mich lieber an eine einfache Weisheit meiner Frau gehalten: "Nichtraucher rauchen nicht!"
Wie viele Raucher es seit März Christian Schütte gleichgetan und sich auf einen Rauchstopp mit "Champix" eingelassen haben, lässt sich nur schwer sagen, Hersteller Pfizer macht dazu keine Angaben. Allzu viele dürften es noch nicht sein, die seit 2001 in Deutschland erhältliche Rauchstopp-Pille "Zyban" wird nur rund 15.000 Mal pro Jahr verschrieben. So mancher wird wohl erstmal abwarten, wie sich das neue Medikament entwickelt.
Noch gibt es eine Reihe offener Fragen: Wie steht es mit Nebenwirkungen? Was ist mit Risikogruppen? Und bestätigt sich die Wirksamkeit von Vareniclin auch außerhalb betreuter Studienbedingungen? "Man muss bedenken: Die Studien fanden praktisch unter idealen Bedingungen statt", sagt Martina Pötschke-Langer. "Risikopatienten, etwa mit Kreislauf- oder Lungenerkrankungen, waren von vornherein ausgeschlossen, alle Anwender waren im mittleren Alter, besonders motiviert und erhielten praktisch eine Rundumbetreuung, wie man sie in Deutschland kaum finden dürfte."
So richtig optimistisch mag auch Schütte noch nicht in die Zukunft schauen. Zwölf Tage Abstinenz, 475 nicht gerauchte Zigaretten, stehen auf der Habenseite, alle fein säuberlich in seinem Tagebuch notiert. "Aber ich traue mich derzeit noch nicht, eine Prognose abzugeben. So langsam lerne ich die schwachen Momente zu kontrollieren, aber ob ich in zwölf Wochen noch rauchfrei bin, kann ich wirklich nicht sagen."
Weil die Krankenkasse die Kosten für "Champix" nicht übernimmt, hat Schütte bisher durch den Rauchstopp noch nichts gespart. Dennoch hat er sich vorgenommen, das Geld für nicht gerauchte Zigaretten in schöne Dinge zu investieren: Blumen für seine Frau, schick essen gehen, Cocktails trinken. Einfach mal wieder ein bisschen Lebensfreude tanken.