
Ole Schou experimentiert seit 1987 mit Samen. Für die ersten Versuche nahm er eigenes Sperma© Tom Krausz
Er geht zur Rezeption, gibt sein Pröbchen ab, Mitarbeiter saugen den Inhalt maschinell in mehrere Strohhalme, nummerieren sie und versenken den Rohstoff in einen Kältetopf, bei minus 196 Grad. Zwei Dinge sind wichtig bei einer Samenbank: Papiertaschentücher und nichts durcheinanderzubringen. Alle Spender haben eine vierstellige Nummer, unter der sie anonym erfasst sind, nur Ole Schou kennt ihre Namen. Mit der Anonymität sei das so eine Sache, gerade in Århus. Begegnet er einem Spender in der Kneipe oder im Theater, dann reagiert er nicht. Erst wenn der andere grüßt: Hallo, Ole, wie geht's? Dann erst kennt er ihn.
Seine Spender rekrutiert Schou über Werbeplakate auf Bussen oder über Anzeigen in Studentenmagazinen, "Hilf einem kinderlosen Paar - Spender zwischen 18 und 40 gesucht". Dänen gäben gut und gern, sagt Schou. Gut, weil sie erstklassiges Genmaterial lieferten. Gern, weil sich in einer kleinen Nation der Einzelne für den anderen verantwortlich fühle.
Manche Spender wollen helfen, andere nur loswerden, was sie loswerden müssen. Manche wollen einen Fingerabdruck in der Welt hinterlassen. Für andere ist es wie eine Blutspende, da fragt sich auch keiner, in welchen Adern er jetzt fließt. Die meisten werden ein- bis zweimal die Woche handgreiflich, davor müssen sie 48 Stunden enthaltsam sein, nur dann taugt ihr Stoff. "Unsere größte Konkurrenz", sagt Schou, "sind die Freundinnen." Geld oder Liebe? Es gibt allerdings auch Frauen, weiß Schou, die glücklich sind, dass sich ihre Männer in der Samenbank austoben.
Bevor sie an die Bank rangelassen werden, müssen die Kandidaten den Gesundheitscheck durchlaufen. Und den Sympathietest bestehen. Den Bauchentscheid der Cryos-Leute. Würde ich ihn meiner Tochter antun? Und so fiel der Exorzist durch, der die Augen verdrehte und abwechselnd mal mit tiefer, mal mit hoher Stimme, mal dänisch, mal englisch sprach. Aber einen wie Spender 8888 kann man verantworten. Findet auch der Spender: "So schlecht sind meine Gene nicht. Meine Freundin hat auch nichts gegen meinen Job. Sie meint, es wäre schön, wenn mehr Menschen wären wie ich."
Er ist laut Selbstauskunft im Spenderprofil "aufgeschlossen, fröhlich und kreativ". Sein Lieblingsauto ist der Ford Granada. Er hat im Kosovo gedient und möchte später als Entwicklungshelfer arbeiten. Im Bewerbungsschreiben hat er eine Botschaft an die zukünftigen Eltern hinterlassen: "Ich weiß, dass eines Tages Kinder an meine Tür klopfen könnten, aber das macht mir nichts. Im Gegenteil: Ich würde es schön finden, Besuch aus dem Ausland zu bekommen." Die Eisentür zur Samenbank geht auf, Fedex will abholen. Eine Kühlbox mit Trockeneis soll nach Belgien.
Olaf ist an einem Freitag angekommen. Sie hat ihn zuerst neben den Mülleimer gestellt und sich über die Ähnlichkeit gewundert. Dann hat sie ihn nach draußen geschleppt, auf dem Rücksitz ihres Toyotas angeschnallt und ist mit ihm ins Grüne gefahren. Später hat sie ihn auf die Couch gesetzt, im Fernsehen lief "Ally McBeal". Abends hat sie ihm erzählt, dass sie wieder mit Kaffeetrinken angefangen hat und glücklich darüber ist. Er schwieg. Was hatte sie anderes erwartet? Er war ja erst 22: Olaf, Spender 0821, Traummann und Traumvater. Eine gelbe, pyramidenförmige Kühlbox.
Sie hatte mit vielen Männern an diesem Tisch gesessen. Sie hatte geflirtet, geprüft und gehofft, aber keiner war wie Olaf gewesen. Olaf würde sie nicht verletzen oder verlassen. Er würde mit ihr nie über die Erziehung streiten. Es störte ihn nicht, dass sie 39 und ein bisschen mollig war.
Das Rendezvous mit der Kühlbox hatte sie aus Jux veranstaltet. Sie wollte es ein bisschen lustig haben, denn die Sache war schon traurig genug. Weit entfernt von dem, was sie einmal wollte: ein großes Haus in Ottawa, zwei Kinder, zwei Katzen, zwei Hunde. Und einen Mann, der ihr alles besorgte. Jetzt war sie Ende 30, lebte in Yonkers bei New York und beschäftigte sich mit Spermawäsche, Trockeneis und Insemination. Und war so allein, dass sie sich nicht auch noch zu Hause selbst befruchten mochte. Das, wenigstens, sollte ein Mann besorgen, Dr. Bakas.
Alexandra Soiseth war 39, als sie beschloss, die Reihenfolge umzukehren. Erst das Kind, dann den Mann. Sie war so in Eile, schwanger zu werden. Mitte Juli 2003 hat sie gegoogelt, "Sperma" und "Bank", die dänische Samenbank war einer der ersten Treffer. Dänemark, das klang gut. Ihre Mutter ist Dänin, ihr Vater Norweger. Sie fühlte eine Verbindung. Sie hat bei Cryos in New York angerufen. Nach dem Gespräch hat sie eine Mappe angelegt und die Kosten darin aufgelistet: "Drei Spermastrohhalme à 200 Dollar, 150 Dollar für die Zustellung aus Dänemark, 175 für die Zustellung zum Arzt, 250 Inseminationsgebühr, macht zusammen 1175 Dollar." Sie hat ein Herz danebengemalt.
Alexandra Soiseth wollte ein blondes Kind, "nur gelungener" als sie selbst. Also suchte sie nach Spendern, die größer waren, schlanker und gebildeter. Einerseits fühlte sie sich schäbig, dass sie ein Kind machte. Mit Zutaten aus dem Onlinekatalog. Andererseits: Tun das nicht viele Frauen - den Mann aussuchen nach dem Kind, das er verspricht? Sie klickte sich durch die Profile. Boris gefiel ihr. Er studiert Literatur, schreibt an seiner Doktorarbeit und interessiert sich für Kunst. Und er sagt, er möchte Kinderlosen helfen, glücklich zu sein. Sie träumte von ihm, und in ihrem Traum gingen sie durch Kopenhagen und aßen Hotdogs, und er fand sie sexy dabei.
Sexy? Halt! Sie will keinen Sex, jedenfalls nicht jetzt. Sie will ein Kind. Boris ist klein, hat braune Augen. Vielleicht jemand für später, aber kein idealer Nachwuchsproduzent. Sie schickte ein Foto von sich an Cryos, nach drei Wochen Urlaub, braun gebrannt und schlank, wie sie sonst nie war. Ob sie nicht was Passendes hätten? Die Frauen bei Cryos fanden, Olaf passe. Olaf sieht aus wie sie. Sie lud sein Profil aus dem Internet. Er ist blond und groß, aber Betriebswirt und ein bisschen steif. "Frage 10: Lieblingstier? Deutscher Schäferhund, loyal und clever. Frage 11: Lieblingsessen? Pata Negra - eine spanische Delikatesse. Am besten mit einem guten Rotwein zu genießen. Frage 12: Lieblingsmusik? Spiegelt meine Interessen wider: Klassik für Reflexion. Pop und Rock bei sozialen Veranstaltungen." Und er scheint nicht ganz ehrlich. "Frage 35: Kinder? Nein." Aber sie mochte, dass er Linkshänder ist. Viele Kreative sind Linkshänder. Sie nahm ihre Kreditkarte und klickte hinter "Olaf " auf den Einkaufswagen.
Der Kanister kam vier Wochen später. Eine Woche darauf fuhr sie mit Olaf zu Dr. Bakas. Eine halbe Stunde musste er auftauen, zwei Minuten später streifte Bakas die Gummihandschuhe ab und fragte: Willst du eine Zigarette? Danach legte sie sich zu Hause auf die Couch, Füße nach oben. Am Montag sagte sie, ich bin schwanger. Sie hat noch gedacht, gleich beim ersten Mal schwanger: Wer glaubst du eigentlich, wer du bist - die Fruchtbarkeitsgöttin? Doch neun Monate später verschickte sie tatsächlich eine Rundmail, "nach 39 Stunden Arbeit ist Kaj gekommen". In der Geburtsurkunde hat sie unter "Vater" nichts eingetragen.
Drei Jahre ist das her. Alexandra Soiseth lebt jetzt mit ihrer Tochter in Yonkers und unterrichtet kreatives Schreiben am Sarah Lawrence College. "Ich wollte immer ein Kind", sagt sie, "lieber noch als einen Mann. Ein Kind kann mich nicht verlassen." Sie ist praktisch angezogen, trägt Jeans, Schlappen und ein rosa Hemd. Auch Kaj trägt gern Rosa. Rosa ist ihre gemeinsame Lieblingsfarbe. Was hat Kaj vom Vater? "Ich war als Kind nicht so blond. Und nicht so intelligent."
Alexandra Soiseth hat jetzt drei weitere Phiolen von Olaf geordert. Phiolen sagt sie. Das klingt besser als Strohhalme. Geheimnisvoller. Sie will mehr Kinder. Schnell! Sie ist 43. Vergangenen Sommer kam Kaj zu ihr und sagte: "Ich habe einen Daddy. Daddy sagt, ich darf im großen Bett schlafen." "Und?", fragte sie. "Ich hatte Angst. Aber Daddy sagte, alles wird gut." Ein paar Tage später: "Daddy kommt uns besuchen." "Wirklich?", fragte sie. "Er kommt und wohnt bei uns." "Nein, Kaj, dein Daddy wird nicht mit uns leben. Er lebt in Dänemark, wir kennen ihn nicht." "Doch, er kommt." "Nein, er lebt in Dänemark. Ich wollte dich so sehr, und er gab mir den Samen, den ich brauchte, dich zu machen."
Genauso steht der Satz in dem Buch, das sie sich vorsichtshalber besorgt hatte. Abteilung Pädagogik. "Bevor Du geboren wurdest. Mein Wunsch nach einem Kind. Von Janice Grimes, Band 11: Samenspende."
Jasper Carlsen-Holm (Name geändert) ist ein nachdenklicher Mann von 34 Jahren, aber manchmal hat er Anwandlungen, sagt er, Fantasien, dann sieht er sich über die Autobahn nach Århus rasen, vor dem Krankenhaus aussteigen und eine Waffe ziehen. Das Fernsehen unterbricht sein Programm, es wird live nach Århus geschaltet, auf den Bildschirmen erscheint Jasper, mit flackerndem Blick, die Pistole an die Schläfe einer Geisel gedrückt. Er sagt: Ole Schou, du redest viel von deiner Karriere, von Geld und von den Menschen, die du glücklich gemacht hast. Dabei redest du über etwas sehr Persönliches, du redest über mich. Hör auf zu sagen, wie ich mich fühle, das kann ich selbst. Ich bin nicht glücklich. Ich will wissen, wer mein Vater ist.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 40/2008