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News am 27.05.2012
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Komm nicht zu früh, kleiner Freund!

häufigste Sexualstörung des Mannes

Mediziner vermuten, dass bis zu 30 Prozent der deutschen Männer im Laufe ihres Lebens an Ejaculatio praecox leiden, die meisten an der primären Form. "Er ist die häufigste Sexualstörung des Mannes", sagt Professor Hartmut Bosinski von der Sexualmedizinischen Forschungs- und Beratungsstelle der Universität Kiel. Und eine, über die kaum gesprochen wird.

Offenbar probieren viele lieber, sich selbst zu kurieren. Zählen Schäfchen, während sie Sex haben, lösen im Kopf Rechenaufgaben oder tragen Salben auf ihren Penis auf, die die Haut betäuben sollen. "Alles Versuche, das Erregungsniveau zu senken", erklärt Sexualmediziner Bosinski. Meist verschlimmern diese Bemühungen das Problem. Die Partnerin oder der Partner fühlt sich missachtet. "Du bist beim Sex nicht bei der Sache", diesen Vorwurf hören Männer mit Ejaculatio praecox häufig. Kein Wunder, wenn sie beim Schäferstündchen an Schäfchen denken.

Der Spaß am Sex geht verloren

Der Mann setzt sich selbst unter Druck: Ich halte nicht lang genug durch, also muss ich dafür sorgen, dass meine Erregung niedrig bleibt. Folge: Sein Penis wird höchstens halb steif, trotzdem kommt er weiter zu früh - verliert jetzt aber auch noch den Spaß am Sex, weil er wegen der unzulänglichen Erektion den Orgasmus schwächer empfindet als früher. "Solche Patienten sind oft schwer in ihrer Lebensfreude beeinträchtigt", berichtet Hartmut Bosinski. "Sie leiden unter depressiven Verstimmungen, häufig ist außerdem ihre Paarbeziehung nachhaltig gestört."

Die Ursache der sekundären Form ist relativ klar: Auslöser ist meist eine Erektionsstörung, die man mit Medikamenten wie Viagra behandeln kann. Schwieriger liegt der Fall beim primären Orgasmus. Mit ihm haben sich bisher nur wenige Wissenschaftler auseinander gesetzt. Aktueller Stand der Forschung, so Harmut Bosinski. Er sagt: "Wir gehen mittlerweile davon aus, dass es sich um ein biopsychosoziales Phänomen handelt." Das bedeutet: Bestimmte körperliche Abläufe tragen dazu bei, dass eine Störung entsteht, dazu kommen psychische Probleme und möglicherweise Schwierigkeiten in der Partnerschaft.

Fehlschaltung im Nervensystem

Was die biologischen Auslöser der Störung angeht, so nehmen die Ärzte an, dass bei den Betroffenen eine Art Fehlschaltung im vegetativen Nervensystem vorliegt. Dieses Nervensystem besteht aus einem parasympathischen und einem sympathischen Teil. Der Parasympathikus ist unter anderem dafür zuständig, die Erregung anwachsen zu lassen. Hat sie ihren Höhepunkt erreicht, wird der Sympathikus aktiv: Er veranlasst, dass sich der Blasenmuskel schließt, während sich der Schließmuskel für die Harnröhre öffnet - der Orgasmus tritt ein. Das Zusammenspiel zwischen diesen beiden Systemen ist bei Patienten mit vorzeitigem Orgasmus aus der Balance geraten. Der Sympathikus löst den Parasympathikus zu früh ab.

Viele Betroffene sind ganz allgemein "stärker aufgeregt als andere Menschen", so Bosinski. Dazu kommt, dass viele Betroffene nicht in der Lage sind, ihren Körper ohne Angst und Vorurteile zu beobachten. Beginnen sie aber nun, über die Abläufe nachzudenken, wird alles noch schlimmer. Sie sehen, dass sie nicht so lange durchhalten, wie sie möchten, versuchen, mit Tricks die Kontrolle zu übernehmen, um dann zu merken: Ich habe schon wieder versagt. Viele entwickeln darüber hinaus noch Schuldgefühle, der Partnerin oder dem Partner gegenüber. Um so angespannter gehen sie beim nächsten Sex zu Werke - ein Teufelskreis ist entstanden.

Das Gehirn muss neu lernen

"Die Hirnforschung hat belegt, dass sich mit wiederholten, intensiven Erfahrungen Nervenverbindungen verändern. Die Nervenbahnen lernen regelrecht eine Fehlreaktion", sagt Psychologe Christoph Ahlers. "Man kann dann von einem chronischen Leiden sprechen." Das ist allerdings mit Hilfe von Ärzten und Psychologen durchaus in den Griff zu kriegen. Denn das Gehirn kann vieles neu lernen - auch den Orgasmus zur richtigen Zeit. "Der Mensch ist in der Lage, neue Nervenverbindungen zu knüpfen, die alten, ungünstigen zu überschreiben", sagt Christoph Ahlers.