
Dieter Bollmann, Anwalt aus Berlin, fühlt sich von den Innsbrucker Ärzten getäuscht - und zog vor Gericht© Mirco Taliercio
Ein Insider der Innsbrucker Klinik berichtet von 30 bis 40 Patienten, denen die Therapie nichts nützte - wie dem Münchner Patienten Manfred Enzensperger. "Ich war sehr enttäuscht", sagt er. Ein anderer Patient reichte 2006 Klage ein. "Ich ahnte nicht, dass es nur ein Experiment war", sagt Dieter Bollmann, Rechtsanwalt aus Berlin. Im Mai 2008 bekam er erstinstanzlich Recht. Weitere Patienten aus Deutschland, Kanada und den USA wollen vor Gericht ziehen. Und Bollmanns Anwalt Thomas Juen reicht demnächst Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck ein.
Dabei geht es nicht allein um enttäuschte Hoffnungen. Mindestens zwei Patienten ging es nach der Behandlung viel schlechter. Bei ihnen verschloss sich die Harnröhre, nachdem Muskelzellen in die Harnblase gespritzt worden waren. Daran konnte auch eine Nachoperation nichts mehr ändern. "... Es gelingt auch hier ein vorsichtiger Versuch nicht, den Draht ... bis in die Blase vor zu schieben", so der OP-Bericht des einen Patienten. Die Ärzte mussten ihm einen Dauerkatheter implantieren.
Mindestens 13.000 Euro hat jeder deutsche Patient bezahlt. Allein die Firma Innovacell verlangt für Aufbereitung und Züchtung der Zellen 9000 Euro. Strasser ist Gesellschafter der Firma, ebenso wie bis Anfang August auch der Innsbrucker Rechtsanwalt Dietmar Czernich. Er vertritt den Leiter der urologischen Klinik Georg Bartsch in juristischen Angelegenheiten.
Bartsch steht auch als einer von zwei Operateuren auf dem OP-Bericht eines der Patienten mit Harnröhrenverschluss. Er firmiert neben anderen Kollegen als Autor der umstrittenen Lancet-Publikation, wurde jedoch im Prüfbericht der Ages von jeglicher Verantwortung freigesprochen. Er sei an der Studie nicht beteiligt gewesen.
Berichte von Insidern zeichnen ein anderes Bild. Bartsch, als autoritärer Klinikchef bekannt, soll seinen Oberarzt Strasser unter Druck gesetzt haben, seine Daten endlich an Lancet zu schicken - was Bartsch bestreitet. Unheimlich wichtig sei die Publikation gewesen, um aufkommende Zweifel an der Methode im Keim zu ersticken.

Das Klinikgebäude in der Tiroler Landeshauptstadt. Hier fanden die zweifelhaften Stammzell-Behandlungen statt© Andreas Fischer
Georg Bartsch gilt als mächtiger Mann in Österreich, mit Seilschaften in Politik und Wirtschaft. So mächtig, dass er sich einer Aufforderung des Ärztlichen Direktors seiner Universität, Wolfgang Buchberger, widersetzen kann - ohne Konsequenzen. Der hatte ihn im Dezember 2006 ermahnt, keine Patienten mehr außerhalb von genehmigten klinischen Studien mit den Muskelzellen zu behandeln. Offenbar liefen die Therapien jedoch einfach weiter. Denn im November 2007 schrieb Buchberger: "Ich darf Sie ... nochmals dringend ersuchen - wie vereinbart - Stammzelltherapien der Harninkontinenz nur mehr im Rahmen von ... klinischen Studien durchzuführen."
Bartsch bleibt - doch seine Mitarbeiter verlassen die Klinik. Seit Januar 2008 sind elf Ärzte gegangen, und selbst aus der Distanz möchten sie nicht über die Vorfälle reden. "Man gilt in der Medizin schnell als Nestbeschmutzer", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Klinik. Es sei besser, den Zuständigen der Universität Innsbruck die Aufklärung der Vorfälle zu überlassen. Wenn sie denn dazu Gelegenheit haben.
Clemens Sorg etwa, vormals Rektor der Medizinischen Universität, wurde am 21. August vom Universitätsrat abgesetzt. Mit seiner Ankündigung, die Vorfälle rasch aufzuklären, habe die Maßnahme jedoch nichts zu tun, versichert Christoph Huber, Mitglied des Gremiums. Sorg hat rechtliche Schritte eingeleitet. Und der Skandal weitet sich aus: Bei mehr als sechs weiteren Studien der urologischen Klinik fehlt die Zustimmung der Ethikkommission, bei einer sollen Kinder mit einer nicht zugelassenen Arznei therapiert worden sein.
Immerhin wird im Oktober 2008 erstmals die "Nationale Stelle für Verstöße gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis" in Österreich ihre Arbeit aufnehmen. Sie soll Forscher entlarven, die ihrer Karriere zuliebe Daten manipulieren. Oder die Studien veröffentlichen, die gar nicht stattgefunden haben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 37/2008