
Grillenzirpen: Karl Heinrich Brandt, 56, arbeitete zu viel, sorgte sich um die pflegebedürftigen Eltern. Mit jeder weiteren Aufgabe nahm der Krach im Kopf zu© Alfred Steffen
Frank Groth, 45, kannte das Rauschen und Pfeifen in seinen Ohren schon seit Jahren, doch Leistungsdruck und Schichtarbeit nagten irgendwann so stark an den Nerven, dass der Tinnitus immer mehr in seine Aufmerksamkeit dringen konnte. "Das Geräusch ist so laut geworden, dass ich nicht mehr schlafen konnte, stattdessen nachts auf dem Balkon saß und rauchte. Beruhigen konnte mich das nicht, ich lief nur noch gekrümmt herum. So bedrückt war ich, ständig gejagt von dem Teufel im Ohr."
Genau dann, wenn der Patient mit starken Emotionen wie Abwehr, Furcht oder Verzweiflung auf den Tinnitus reagiert, rückt dieser umso mehr in den Fokus der Wahrnehmung. Einerseits spielt dabei die Qualität des Geräuschs eine Rolle. "Wenn mir jemand von Vogelzwitschern berichtet, wird er damit wahrscheinlich gut zurechtkommen", sagt Klinikchef Gerhard Hesse. "Aber wenn er von einer Kreissäge spricht, bin ich alarmiert."
Andererseits ist auch das Verhalten von Familie, Freunden und Ärzten ausschlaggebend. Es gibt Fälle, in denen HNO-Ärzte ihre Patienten mit dem Verdacht allein lassen, ihrem Tinnitus könne ein Hirnturmor zugrunde liegen - die zur Diagnose nötige Kernspin-Untersuchung erfolge wegen zu großer Auslastung aber erst in acht Wochen. Und nicht selten reagieren Verwandte oder Bekannte des Patienten mit eigenen Tinnitus-Horrorgeschichten.
So kann das Störgeräusch eine ungesunde Allianz mit Gefühlen wie Angst, Hilflosigkeit und regelrechter Panik eingehen. Eine Verbindung, die sich schnell auch ins Gehirn einschreibt. Wolfgang Bremer wurde nach der Feier, bei der ihn das Rauschen packte, zunächst mit "Verdacht auf Schlaganfall" ins Krankenhaus eingeliefert. Bis heute, drei Jahre danach, ist ihm diese Angst geblieben.
So wichtig die erste Reaktion des Umfeldes und der Ärzte ist, so bedeutend ist auch die seelische Stabilität des Patienten. Auch wenn Stress Tinnitus nach bisherigen Erkenntnissen nicht direkt auslösen kann, berichten die meisten Patienten, dass sie bei großer alltäglicher Belastung stärker leiden. "Wenn ich schwach bin, bist Du stark", schreibt Wolfgang Bremer in seinem Brief an den Tinnitus.
Er hat erlebt, wie groß die Angriffsfläche für den Nervenräuber wird, wenn rundherum nur Überlastung ist. Bremer arbeitete deutlich mehr als 60 Stunden pro Woche, zwischenzeitlich wurde eines seiner Kinder krank, in der Gemeinschaftspraxis kam es immer wieder zu Konflikten. "Das alles hat mir so viel Energie geraubt, dass ich den Tinnitus einfach nicht mehr bewältigen konnte."
In direkterem Zusammenhang steht Stress offenbar mit dem Hörsturz - der extremen, plötzlichen Hörminderung, welcher oft ein Tinnitus folgt. Auch die Ursachen des Hörsturzes und seine Mechanismen sind noch kaum ergründet. Doch scheinen meist die sogenannten Haarzellen im Innenohr Schaden zu nehmen, zum Teil sterben sie sogar ab. Zwar ist auch hier Stress als Ursache nicht bewiesen, doch berichten viele, den Hörsturz erlitten zu haben, als sie im Wortsinne "zu viel um die Ohren" hatten.
Als Jana Capone, 27, ihren Freund eines Morgens nicht mehr sprechen hörte, sondern nur sah, wie er seine Lippen bewegte, dachte sie, das sei einer seiner Späße. "Aber dann hob ich meinen Kopf vom Kissen, und als mein rechtes Ohr frei wurde, hörte ich ihn." Schon am Abend zuvor hatte sie auf dem Heimweg ein Kreischen im Ohr überfallen. Sie hatte viel gearbeitet. Gut 14 Stunden stand die Kellnerin beinahe täglich im Job. Dazu das Klappern der Gläser, das Dröhnen der Dunstabzugshauben in der Küche, das Hallen der Gespräche in dem großen Raum. "Der Hörsturz war wohl der notwendige Schuss vor den Bug", sagt sie sich jetzt.
Schritt Nummer eins auf dem Weg zur erfolgreichen Therapie: die schnelle Hilfe. Zwar ist ein plötzlich auftretendes Geräusch im Ohr noch kein Grund zur Panik - oft verschwindet es in den ersten beiden Tagen ganz von allein. Doch spätestens am dritten Tag sollte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt konsultiert werden. Jana Capone ging nach ihrem morgendlichen Hörsturz gleich ins Krankenhaus und bekam die in Deutschland bislang übliche Therapie: Infusionen mit Blutverdünnern und Cortison. Die Mittel sollen das Innenohr besser durchbluten helfen, sodass sich die angegriffenen Haarzellen womöglich erholen.
Im Gegensatz zur Cortisonbehandlung konnte die Wirksamkeit der Verdünner allerdings nicht sicher belegt werden, weshalb Experten in Zukunft auf sie verzichten wollen. "Doch auch beim Cortison wissen wir nicht, warum es dem einen Patienten hilft und dem anderen nicht", sagt Mediziner Hesse. Die Infusionstherapie nützt also nicht zuverlässig, ist aber besser als nichts. Hesse sieht zudem einen psychologisch wichtigen Nebeneffekt: "Der Patient liegt für einige Stunden flach am Tropf und kommt zur Ruhe." Damit sei insbesondere den chronisch überlasteten Workaholics geholfen. Auch Jana Capone begriff erst im Krankenhaus, wie ausgelaugt sie war. Sie hatte Glück: Die Infusionen dämpften den Tinnitus auf ein erträgliches Maß.
Bei vielen anderen Patienten aber klingt der Lärm im Kopf nicht ab. Ihnen jedoch bleibt die erstaunlich heilsame Kraft der Gewöhnung. Denn in der schicksalsträchtigen Erkenntnis, dass der Tinnitus offenbar Folge der Fähigkeit des Hirns ist, auf Veränderungen und Fehler mit Umstrukturierung und Anpassung zu reagieren, liegt auch die große Chance für Tinnituskranke. Gerade diese Flexibilität ist es, die ein Ertragen des Dauertons ermöglicht. Wie manche Schlaganfallpatienten das Gehen oder Sprechen wieder erlernen und Schmerzpatienten manche Pein verlernen können, lässt sich auch der richtige Umgang mit Tinnitus üben. Das lehren spezialisierte Ambulanzen, Tageskliniken und psychosomatisch ausgerichtete Krankenhäuser.
Ein wesentliches Element der dort bewährten Bewältigungstherapie ist zunächst die Behandlung des Ohrschadens, beispielsweise mit einem Hörgerät. Es verstärkt den echten Höreindruck auf den geschädigten Frequenzen und mindert dadurch, relativ betrachtet, das Phantomgeräusch. Schon die Erfahrung, das Problem mit einem einfachen technischen Hilfsmittel zu zügeln, macht vielen Geräuschgequälten Mut. Doch anders als manche Brille gilt ein Hörgerät nicht als sexy, weshalb es viele Patienten große Überwindung kostet, es zu tragen. "Ich dachte, das ist etwas für alte, tatterige Leute", sagt Wolfgang Bremer, der häufig auf seinen "Knopf" im Ohr angesprochen wird. Mittlerweile reagiert er gelassener auf die neugierigen Fragen. Das technische Hilfsmittel hat den Ton in seinem Kopf heruntergedreht, außerdem kann er in nebengeräuschreichen Situationen besser zuhören.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2009