
Bitter: Für manche Paare bleibt das eigene Kind ein unerfüllter Wunsch© Colourbox
Nach Möglichkeit sollten Paare mit dem Thema Kinderwunsch unbefangen umgehen und mit Freunden und Verwandten offen darüber reden. Das ist aber nicht jedermanns Sache. Manche ziehen sich im Laufe der Zeit immer mehr von Freunden, Bekannten und der Familie zurück. Auf ihren Kinderwunsch angesprochen, greifen sie zu einer Notlüge wie "Wir wollen jetzt noch kein Kind". Es wird als Makel empfunden, keine Kinder zu bekommen, und das Sprechen darüber wird aus Scham vermieden.
Generell rate ich Paaren immer dazu, sich einen Plan B zu überlegen, nicht alles auf eine Karte zu setzen - und das schon bevor sie mit der künstlichen Befruchtung beginnen. Von vielen höre ich zwar, dass sie daran noch gar nicht denken wollen. Aber bei der Strategie können Paare nur gewinnen: Entweder bleibt der Ersatzplan in der Schublade, wenn die künstliche Befruchtung klappt, andernfalls hat man sich zumindest gedanklich bereits mit einem Misserfolg auseinandergesetzt. Zudem sollte sich jedes Paar vor dem Beginn der Behandlung einen Fahrplan zurechtlegen, indem es sich die Grenzen selbst setzt: Wie lange wollen wir es versuchen? Nach dem wievielten Mal hören wir auf? Das gibt das Gefühl, die Dinge noch selbst in der Hand zu behalten. Der Blick in die USA zeigt, wie weit das Geschäft mit der Hoffnung gehen kann. Daher ist es auch in der Reproduktionsmedizin nötig, Abbruchkriterien für ärztliche Eingriffe zu definieren.
Dass Paare es elf, zwölf oder dreizehn Mal mit einer künstlichen Befruchtung versuchen und ins Ausland gehen, erlebe ich zum Glück eher selten. Man sollte dem Kinderwunsch zwar Raum geben, die Sehnsucht aber auch begrenzen. Wenn die Frau nur noch in Internetforen zum Thema "Künstliche Befruchtung" unterwegs ist, keine Zeit für einen Kurzurlaub hat und auch an anderen Freizeitaktivitäten kein Interesse mehr zeigt, kann es pathologisch werden. Dann sollte man darüber nachdenken, ob es Zeit ist, loszulassen, oder zumindest eine Pause zu machen.
Ja, dabei beobachten wir häufig eine bestimmte Rollenverteilung. Frauen versinken eher in Depressionen. Männer hingegen versuchen, das Problem zu lösen, neue Perspektiven aufzuzeigen, die Situation hinter sich zu lassen. Hier ist Kommunikation wichtig, denn die Partnerin vermisst manchmal die Anteilnahme.
Auch für diese Fälle hat sich im Jahr 2000 das "Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland" gegründet, ein deutschlandweiter Zusammenschluss psychosozialer Berater. Das Netzwerk bietet Frauen und Männern mit unerfülltem Kinderwunsch Hilfe bei der Vermittlung psychosozialer Beratung.
Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, führt das in den meisten Fällen zu einer Lebenskrise. Selbstwertgefühle und Lebensplanung sind betroffen. Die Trauerarbeit dauert in der Regel Monate, manchmal auch Jahre, und eine Narbe bleibt, die im Alltag wieder aufbrechen kann - zum Beispiel, wenn bei Freunden Enkelkinder kommen. Aber diese Krise ist meisterbar, und sie schweißt zusammen, wenn man darüber spricht und Trauer zulässt.
Das Problem dabei ist, dass man von etwas Abschied nehmen muss, das man nie besessen hat. Besonders schmerzhaft ist es, wenn das Kinderzimmer schon eingerichtet war und nun wieder ausgeräumt werden muss, wenn die Möbel verschenkt werden, oder die Kleider. Dann wird eine Hoffnung begraben. Rituale oder symbolische Handlungen können dabei eine heilsame Funktion haben. Manche Paare pflanzen ein Bäumchen. In einem anderen Fall haben die Ehepartner auf eine Bergwanderung Steine mitgenommen, für jedes gewünschte und ersehnte Kind einen, und diese Steine auf dem Gipfel liegen gelassen. Dann gilt es, sich neu zu orientieren und andere Lebensaufgaben zu suchen.
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