
Geduldig: Karin Sommer blieb bei ihrem Mann. Aber sie sagt: "Noch mal würde ich das nicht mitmachen"© Marcus Vogel
Ende 2005, drei Jahre nachdem ihr Mann angefangen hatte zu trinken, bekam Karin Sommer einen Bandscheibenvorfall. "Das waren höllische Schmerzen", sagt sie, "ich konnte mich kaum noch bewegen." Psychosomatische Beschwerden sind häufig bei Angehörigen von Suchtkranken, sagt Berke: Rückenbeschwerden, Magen- Darm-Krankheiten, Schmerzzustände, Schlafstörungen und auch Depressionen. Unbewusst stecke darin oft auch ratlose Wut auf den Partner, die Botschaft: "Siehst du, wie krank du mich gemacht hast!" Wütend war Karin Sommer damals nicht, sagt sie, höchstens genervt. "Eigentlich habe ich gar nicht gemerkt, wie sehr ich gelitten habe." Trennung, der Gedanke kam ihr nie. "Holger hat mir ja nie etwas getan. Er war nur nicht mehr richtig da." Dass ihr Bandscheibenvorfall mit ihrem trinkenden Partner zu tun haben könnte, wurde ihr erst viel später klar, als der Therapeut in Holgers Suchtklinik sie darauf ansprach. Deutlich mehr Frauen als Männer halten ihrem Partner trotz Alkoholismus die Treue.
Im Januar 2006 näherte sich Holger Sommers Talfahrt ihrem Ende. Nach einer Routineuntersuchung in der Firma wurde er zur Betriebsärztin gerufen: Seine Leberwerte waren 20-fach erhöht. Die Ärztin redete Klartext: "Sie trinken deutlich zu viel Alkohol." Sein Chef gab Holger Sommer Zeit, um den Konsum zu reduzieren, der stimmte dafür unangekündigten Blutkontrollen zu - und trank weiter. Im Mai wurde eines Morgens ein Restalkohol von 0,24 Promille festgestellt. Die Firma ließ ihm die Wahl: Langzeittherapie oder Kündigung. Karin hatte Angst, dass er jetzt den Halt verlieren würde. Aber ihr fiel auch ein Stein vom Herzen: "Endlich passierte etwas!"
Die Chancen, eine Alkoholabhängigkeit in den Griff zu bekommen, sind heute besser als allgemein angenommen: Mit der richtigen Therapie gelingt es immerhin 50 bis 60 Prozent der Behandelten, langfristig trocken zu werden. Die Krankheit an sich ist aber chronisch und nie ganz "heilbar" in dem Sinne, dass ein kontrollierter Umgang mit Alkohol später wieder möglich wird, sagt Falk Kiefer, Professor für Suchtforschung an der Universität Heidelberg und stellvertretender Direktor der Suchtklinik im Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim. Deshalb müsse man auch den Begriff Erfolg flexibler sehen: "Manchmal ist es schon ein Fortschritt, wenn der Kranke am Leben bleibt." Oder zumindest über lange Phasen keinen Alkohol trinkt. Einige von Kiefers Patienten werden pro Jahr einmal rückfällig, was aber nicht zwingend ein Misserfolg sei: "Wenn die Patienten schnell wieder in Behandlung kommen, sind sie nach drei Wochen Klinik wieder trocken und haben damit weniger krankheitsbedingte Ausfallzeiten als Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen wie etwa Multiple Sklerose oder Rheuma." Grundsätzlich "untherapierbare" Alkoholiker gibt es nicht, betont der Mediziner: "Oft schaffen es auch Leute, denen es niemand zugetraut hat."
Karin hat es Holger zugetraut, "von Anfang an". Warum? "Ich wusste es einfach." Seine Firma organisierte ihm einen Platz in einer Suchtklinik mitten im Wald, 50 Kilometer südlich von Hamburg. "Auf der Fahrt dorthin habe ich mich gefühlt, als ob ich in den Knast gehe", sagt Holger, "ich hatte total Angst." Angst wovor? "In mein Innerstes zu schauen." In der Klinik wurde ihm vor Augen geführt, was seine Zukunft mit Alkohol wäre: Von den 16 Männern in seiner Therapiegruppe war er als einziger noch verheiratet. Einer kam im Rollstuhl, ein anderer auf Krücken, fünf aus dem Knast. "Mir wurde klar, was Alkohol für eine Macht hat." Auch über ihn. In vielen, vielen Gruppen- und Einzelsitzungen tastete er sich an die Erkenntnis, dass er krank ist, abhängig. Dass der Alkohol eine Flucht war. In einem Gedicht hielt er seine Gedanken fest: "Ich war ein Träumer, der über brüchiges Eis gelaufen ist und sich oft nasse Füße geholt hat. Meine Familie hat das Knacken gehört. Ich nicht."
Karin fuhr Holger besuchen, jeden Samstag und Sonntag, eine Stunde morgens hin und abends zurück, obwohl sie sich davor fürchtet, im Dunkeln Auto zu fahren. "Aber ich habe gemerkt, dass er mich brauchte." Auch Karin hatte Besuch: Die Sozialtherapeutin der Firma kam zu ihr nach Hause, mit Blumenstrauß. Worüber die beiden Frauen geredet haben, weiß Karin schon gar nicht mehr, "aber es hat mir sehr gutgetan".
Nach vier Wochen in der Klinik wurde Holger Sommer Gruppensprecher und begleitete andere bei Behördengängen in Hamburg. Gemeinsam übten sie, wie sie am besten reagieren, wenn der Drang nach Alkohol wieder über sie kommt. Was sie stattdessen machen können, um zu entspannen. Wie man einen Drink freundlich, aber bestimmt ablehnt.
Zum Ende der Therapie stellten sich die verschiedenen Selbsthilfegruppen in der Klinik vor. Holger gefielen gleich die Guttempler am besten, "die waren sehr sachlich und haben uns mehr reden lassen als dass sie selbst geredet haben". Er schrieb sich die Adresse auf. Am 2. Januar 2007 wurde er entlassen, nach vier Monaten. Ein Vorzeigepatient. Denken alle. "Aber tief drinnen habe ich mich immer noch gesträubt. Ich wollte mir beweisen, dass ich nicht abhängig bin." Am 26. Januar 2007 sollte Holger Sommer zur Blutentnahme bei der Betriebsärztin kommen. Am Abend vorher kaufte er eine Flasche Schnaps und trank sie komplett aus. Eine Katastrophe? Bis heute ist es bei dieser einen Flasche geblieben. "Das war für mich der endgültige Beweis: Ich bin Alkoholiker. Ich darf nie wieder Alkohol trinken."
Daran hat sich Holger Sommer bis heute gehalten. Wenn er jetzt nach Hause kommt, fragt er Karin: "Hast du einen Kaffee?" Dann sitzen sie am Esstisch und reden über den Tag. Sie spielen wieder zusammen Malefiz und Mau-Mau, unternehmen etwas. "Neulich haben wir gemeinsam den Keller aufgeräumt", sagt Karin, "das wäre früher undenkbar gewesen." Regelmäßig gehen die Sommers zur Guttempler- Gruppe. "Das hilft mir, nicht zu vergessen, dass ich immer vor einem Rückfall auf der Hut sein muss", sagt Holger. Mit der Krankheit gehen die beiden offen um, auch ihre Vornamen haben sie für diese Geschichte nicht ändern lassen, "wer uns kennt, weiß es sowieso". Die allermeisten Freunde und Verwandten zeigen Verständnis, haben sogar Respekt, dass Holger es geschafft hat. Nur zu Feiern von Kollegen geht er lieber nicht mit. Er hat Angst: "Wenn die selbst zu viel getrunken haben, kommen vielleicht doch die Sprüche, Holger, einen kannst du doch."
Karin glaubt fest daran, dass die Plage Alkohol für sie und Holger vorbei ist. "Noch mal würde ich das auch nicht mitmachen." Nächstes Jahr haben die beiden Silberhochzeit. Ist Holger seiner Frau dankbar für alles, was sie mit ihm durchgehalten hat, in diesen schlechten Zeiten? Er sieht Karin an und schluckt: "Tierisch. Das kann man gar nicht in Worte fassen."
* Nachname der Familie sowie die Vornamen der Kinder geändert
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 10/2008