
Das Versprechen von Google, die Daten zu schützen, sei zweifelhaft, sagt Rainer Glück vom Chaos Computer Club© Darren Staples/Reuters
Auch die Münsteraner Forscher hatten bereits eine ähnliche Studie erarbeitet. Dabei zeigte sich: "Die Funktionen, die die Patienten selbst mit Daten befüllen mussten, sind während unseres Projekts kaum genutzt worden", sagt Ückert. Aufgrund dieses Befunds zweifelt der Wissenschaftler daran, dass Microsoft und Google weltweit erfolgreich sein können. "Als Geschäftsmodell funktionieren elektronische Patientenakten in Deutschland nur schwer."
Ückert sieht zwei Möglichkeiten: Man könne zum einen Nischen besetzen, beispielsweise mit Angeboten für chronisch Kranke. Allein in den USA gibt es 50 Millionen Patienten mit Bluthochdruck und mehr als 20 Millionen Diabetiker. "Oder man setzt auf den Massenmarkt der heranwachsenden neuen Generation, die technikaffiner ist. Bei Google habe ich überhaupt kein Problem, diesen langen Atem zu unterstellen."
Doch selbst die Amerikaner, die es gewohnt sind, Gesundheitsdienstleistungen auch als Konsumgut zu betrachten, sind bislang zurückhaltend. Die wenigsten verfügen über eine online verwaltete Krankenakte: Laut Microsoft-Manager Conn sind es gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung. Eine der vielen Hürden sei der Umstand, dass sich die Akten und Daten bei unterschiedlichen Kliniken, Ärzten und den Patienten befinden und oft nicht in digitaler Form vorhanden seien.
Ein wesentliches Konfliktfeld bleibt der Datenschutz. Es ist das zentrale Streitthema in der Debatte um die deutsche Gesundheitskarte - nun erhält es auch in den USA immer größere Aufmerksamkeit. Das zeigen nicht zuletzt die Beteuerungen der IT-Manager selbst. "Unser Modell sieht vor, dass der Eigentümer der Daten die Kontrolle darüber hat, wer sie sehen kann", sagte Google-Chef Schmidt bei der Präsentation der Onlineakte.
Auch Microsoft-Manager Conn versichert, die Suche auf Healthvault sei sicherer als jene mit der regulären Microsoft-Suchmaschine: "Ohne ausdrückliche Zustimmung des Nutzers bekommen Dritte keinen Zugang zu den Daten." Gerade Google aber steht mit seinen zahlreichen Diensten seit Jahren in der Kritik. "Die kommerziellen Anbieter dieser online verfügbaren persönlichen Krankenakten sind kaum reguliert", warnt Joy Pritts, Chefin des Center on Medical Record Rights and Privacy an der Georgetown University in Washington.
"Außerdem braucht man ein rechtswissenschaftliches Diplom, um ihre Privacy-Richtlinien zu lesen und um zu verstehen, was sie mit den Nutzerdaten anstellen dürfen." Pritts empfiehlt Patienten, genau zu überlegen, welche Daten sie online stellen, und das Kleingedruckte zu lesen. "Kaum einer tut das, vor allem nicht online", sagt Pritts.
Das bestätigt ein Experte, der sich nicht nur mit Google, sondern auch mit Informationstechnologie in der deutschen Gesundheitsbranche auskennt. Beim Chaos Computer Club, der einst als mysteriöse Hackervereinigung galt, sich aber längst einen guten Ruf erarbeitet hat, ist Rainer Glück sehr skeptisch: "Das Versprechen, etwa von Google, die Daten zu schützen, ist zweifelhaft."
Für Glück, der selbst schon Analysesoftware für große Datenbanken von Krankenversicherungen und Kassenärztliche Vereinigungen geschrieben hat, ist klar: "Die klassischen Phishing-Methoden, die man vom Onlinebanking kennt, funktionieren hier genauso. Wie kann man sich sicher sein, dass der Patient wirklich der einzige ist, der diese Daten sieht? Man kann es nicht." Für die Werbe- und Marketingabteilungen sämtlicher Gesundheitsdienstleister seien diese Daten hochinteressant, aber auch für die Pharmaindustrie. "Darüber hinaus wären Datensätze, die Patienten auch noch selbst pflegen, für Krankenversicherungen unschätzbar wertvoll, um ihre Risiken besser zu kalkulieren."
Franz-Josef Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik der Bundesärztekammer, sieht genau in solch einer Nutzung der Daten den Sinn der neuen US-Projekte: "Wir dürfen nicht zulassen, dass Patientendaten zur Handelsware werden." Jeder könne einer Weitergabe zwar widersprechen, aber es sei leicht möglich, bei der Einrichtung des Zugangs zu vergessen, das entsprechende Häkchen zu setzen. "Reiner Altruismus, um Menschen etwas Gutes zu tun, ist in diesen Strukturen nicht denkbar." Die großen US-Konzerne werben daher intensiv um Vertrauen - und entwerfen die Vision eines mündigen Patienten, der durch die Technik mehr Macht im Gesundheitssystem erhält: Die Vision des Patient Empowerment. "Vertrauen ist für Google die wichtigste Währung im Internet", sagt Google-Chef Schmidt. "Anders können wir mit diesen Angeboten gar nicht erfolgreich sein", sagt auch Microsoft-Manager Conn.
Trotz aller Bedenken wegen der Datensicherheit teilen diese Vision auch die Kritiker. "Unter dem sozialen Aspekt ist es sehr zu begrüßen, wenn Menschen über ihre eigenen Daten verfügen können", sagt etwa Glück vom Chaos Computer Club. Patient Empowerment bedeute aber auch, dass die Patienten mehr Verantwortung für ihre Daten übernehmen - und sich genau überlegen, was sie online stellen.
Ähnlich sieht es auch Wolfram-Arnim Candidus. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten empfindet Misstrauen gegenüber kommerziellen Anbietern. Die Weiterentwicklung elektronischer Gesundheitsakten sei jedoch im Grundsatz nicht nur sinnvoll, sondern auch nötig. "Die schnelle Verfügbarkeit der Fakten zum Gesundheitszustand senkt die Risiken in der Behandlung.
Die Diagnose und Therapie wird beschleunigt. Und gleichzeitig wird die Qualität der Behandlung und die Wirtschaftlichkeit verbessert", sagt Candidus. "Wir brauchen die elektronischen Akten, sonst steigt der Kassenbeitrag bald auf 20 Prozent." Patienten sollten aber gemeinsam mit dem Arzt entscheiden, welche medizinischen Daten hinterlegt werden - und welche nicht.
Denn wie leicht diese missbraucht werden können, zeigt ein aktueller Fall: Die private Signal-Krankenversicherung soll von den gesetzlichen Kassen IKK Hamburg und IKK Weser-Ems Versichertendaten erhalten und damit Telefonwerbung für Zusatzpolicen gemacht haben. Die Staatsanwaltschaften in Hamburg und Oldenburg ermitteln. Die Versicherungen äußern sich dazu nicht. "Dass es sich auch um medizinische Daten gehandelt hat, ist nicht ausgeschlossen", sagt ein Behördensprecher.