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7. November 2006, 12:34 Uhr

Das Wunder der Spontanheilung

Um den Erfolg als solchen anzuerkennen, fordert die Schulmedizin, dass der Behandlungserfolg jederzeit bei einem anderen Patienten wiederholt werden kann. Der Leiter der Hufeland-Klinik, Wolfgang Wöppel, wehrt sich gegen diese Forderung: "Die Reproduzierbarkeit von Behandlungserfolgen ist doch ein generelles Problem. Auch bei der Chemotherapie kann der Arzt im Vorhinein nicht sagen, ob sie erfolgreich sein wird."

Wöppel wirbt für seine Medizin mit Zahlen, die von der anderen Seite als Provokation empfunden werden: Statistisch komme nur bei einem von 80 000 Krebskranken eine Spontanheilung vor, in der Hufeland-Klinik aber erfahre einer von 600 Patienten nicht nur eine Besserung oder Verlängerung seines Lebens, sondern eine Spontanheilung, die über Jahre andauere. Wie Armin Schütz. Den Schulmediziner Kappauf beeindrucken solche Zahlenspiele nicht: "Die Häufigkeit von Spontanremissionen ist bei verschiedenen Krebsarten sehr unterschiedlich. Bei Metastasen von schwarzem Hautkrebs ist das Verhältnis etwa 1 zu 400."

Die Heilungen werden nicht systematisch protokolliert

Tatsache ist, dass keine der beiden medizinischen Schulen derzeit eine Antwort auf die Frage geben kann, wer oder was Armin Schütz geheilt hat. Spontanheilungen sind noch immer ein großes schwarzes Loch in der Forschung. "Die Medizin hat Probleme, das Phänomen zu durchschauen", sagt der Münchner Onkologe Lothar Böning, "zum einen gibt es nur wenige Fälle, zweitens werden die Fälle nicht systematisch protokolliert, drittens müssten ganz genaue Untersuchungen erfolgen, welche Änderungen im Körper stattgefunden haben, um ein Wirkprinzip zu erforschen."

Viele Krebspatienten suchen verzweifelt nach dem Schlüssel für das Rätsel. Böning macht ihnen wenig Hoffnung: "Ich weiß nicht, ob wir überhaupt dahin kommen, eine Systematik zu finden. Es könnte auch sein, dass es sich bei Spontanheilungen um ein Zusammenspiel von Zufällen handelt. Das ist sogar nach meiner Einschätzung das Wahrscheinlichste."

In einem sind sich Schul- und Alternativmediziner einig: Eine typische Persönlichkeit für Spontanheilungen gibt es nicht. Die Medien haben erzählt, wie Lance Armstrong erst den metastasierenden Hodenkrebs besiegt hat, dann die Alpen und mit ihnen die Konkurrenten bei der Tour de France. Alles durch seinen unbändigen Willen. "Die sportliche Leistung, die ihn zum Helden gemacht hat, hat mit der Heilung gar nichts zu tun", sagt Böning. Lance Armstrong sei mit einer starken Chemotherapie geheilt worden - wie Tausende andere.

"Diktatur des positiven Denkens"

Armstrongs Heldengeschichte zur Genesung ist demnach ein Märchen. Ein gefährliches Märchen. "Es gibt eine Diktatur des positiven Denkens", sagt Böning, "das führt bei Patienten nicht selten dazu, dass sie sich schuldig fühlen, weil sie es nicht schaffen, sich zu heilen."

Die Erfahrungen der Experten sprechen gegen den Einfluss des Willens. Unter den wundersam Geheilten sind Kämpfer und Verzagte. Reuige, die ihr Leben umkrempeln, und Trotzige, die weiterleben wie bisher. Herbert Kappauf kannte eine starke Raucherin, deren Lungenkrebs unheilbar war. Sie rauchte weiter. Der Krebs verschwand. Es gibt kein Muster. Keinen Masterplan zur Heilung.

Der japanische Mediziner Hiroshi Oda ("Spontanremissionen bei Krebserkrankungen aus der Sicht des Erlebenden") hat drei Typen von Patienten ausgemacht. Da ist der Kämpfer, der gegen den Krebs in die Schlacht zieht. Der Gläubige, der sein Schicksal in Gottes Hand legt. Und schließlich der Selbstkritische, der sich und sein bisheriges Leben hinterfragt und nach persönlichen Gründen für den Krebs sucht.

Der Glaube ist geblieben

Armin Schütz würde von Hiroshi Oda sicher zum dritten Typ gezählt werden. Er hat die Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit wieder und wieder durch seinen Kopf laufen lassen. Die Bilder, die er sah, waren Bilder von der Arbeit. Das Gefühl, das damit verbunden war, war kein gutes. Er war fremdbestimmt. Die Unbeschwertheit, die er als junger Mann spürte, war weg. Aber Armin Schütz hat nicht nur nüchtern analysiert. Auf seinen langen Spaziergängen hat sich manchmal Gott zu ihm gesellt. Der Glaube aus der Zeit der Krankheit ist geblieben. Es genügt, Schütz kennen zu lernen, um festzustellen, dass man dem Geheimnis der Spontanheilungen nicht näher kommt, indem man die Glücklichen in Schubladen steckt. Da passen sie nicht rein.

Um Armin Schütz herum stehen dunkle Holzmöbel vor bunten Wänden. Viele Schränke und Tische hat er selbst repariert und gestrichen. Er nimmt sich heute die Zeit, die er früher nicht hatte. Die Karriere, der er nachgerannt war, hat er sausen lassen. Das ist ihm nicht leicht gefallen. Aber er hat sich ein Recht auf ein Leben nach den Arbeitstagen erkämpft.

Einige Jahre lang hatte Schütz streng Diät eingehalten: Keinen Kaffee. Kein Schweinefleisch. Keinen Alkohol. Jetzt trinkt er wieder genüsslich seinen Kaffee, gönnt sich auch mal wieder ein Glas Rotwein. "Ich wollte nicht vom technischen Funktionieren nahtlos zur totalen Kontrolle übergehen", sagt er, "das hieße von einer Sklaverei in die andere zu verfallen."

Gott und die Welt

Er nimmt sich Zeit für Dinge, die er sich früher verboten hat. Und wenn es nur ein Spaziergang ist, um über Gott und die Welt nachzudenken. Sein Leben fühlt sich jetzt manchmal wieder so an wie als Jugendlicher. Unbeschwert. Schütz ist sich nicht sicher, was ihn geheilt hat. Die Fiebertherapie? Die Selbsterkenntnis? Die Besinnung auf seine Persönlichkeit? Es ist ihm auch egal.

Von Michael Kraske
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