
"Für den 'Totalverweigerer' werden Sie mit Ihrem Regionalleiter eine Lösung finden", schreibt der Leiter des Apotheken-Außendienstes
Ein anderes Mal bietet Ratiopharm seinen Außendienstlern Espressomaschinen für Ärzte an:
"Sehr geehrte Damen und Herren, es sind noch 433 Stück Espressomaschinen vorhanden. Sie haben nun die Möglichkeit, maximal drei Espressomaschinen anzufordern. Bitte knüpfen Sie die Abgabe der hochwertigen Espressomaschine an ein Verordnungsversprechen! Wir grüßen Sie sehr herzlich aus Ulm."
Der Wert einer dieser Espressomaschinen beträgt laut Hersteller 250 Euro. Daneben lieferten die Ratiopharm-Außendienstler an Ärzte auch Mikrowellen-/Grillgeräte (Wert 332 Euro), Artemide-Tischleuchten (Wert 225 Euro) und die Kaffeemaschine Milano thermline (Wert 85 Euro). Seit 2003 haben die teuren Werbegeschenke nachgelassen, die Ärzte müssen sich nun mit Personenwaagen, Wasserkochern, Yogamatten, Radios, Sporttaschen, Wein-Sets und Ähnlichem begnügen. Ratiopharm erklärt dazu: "Der Einsatz von Werbegeschenken ist im Wirtschaftsleben üblich." Heute befänden sich aber "nur noch Gegenstände im Katalog, die im Rahmen der ärztlichen Praxis nutzbar sind".
Viel wichtiger als all diese Werbegeschenke, die Ärzte auch von anderen Konzernen en masse bekommen, bleibt aber schnödes Geld. Und Geld gibt's bei Ratiopharm nicht nur über V.O.M.-Schecks, sondern auch getarnt als "Referentenhonorar" oder "Patientenseminar". Dem stern liegen mehr als hundert solcher Formulare vor, die nach Angaben von Ratiopharm-Mitarbeitern vor allem dazu dienen, Ärzten auf verstecktem Weg Geld zukommen zu lassen, wenn diese sich bereit erklären, viele Ratiopharm-Pillen zu verschreiben. Offenkundig wird der Zusammenhang zwischen Zahlung und Verschreibungsverhalten, wenn man die Bemerkungen der Außendienstmitarbeiter auf den Honoraranträgen liest. Hier einige Beispiele für gelegentliche Honoraranmeldungen von Ärzten, deren Namen dem stern alle bekannt sind:
Ratiopharm stellt die Praxis gegenüber dem stern so dar: Bezahlt werde nur für Leistungen, die "von den Ärzten uns gegenüber detailliert dargelegt werden". Ein Missbrauch "im Einzelfall" sei aber "nie auszuschließen". Unterlagen darüber habe das Unternehmen freilich keine. Die Überprüfung obliege den Außendienstmitarbeitern.
Zu welch ungeheurem Reichtum man es als Hersteller von Billigmedizin bringen kann, beweist Adolf Merckle, der nahezu unbekannte Besitzer von Ratiopharm. Der öffentlichkeitsscheue Merckle gründete Ratiopharm 1974 in Blaubeuren zusammen mit Heinrich Zinken, der mehr als 20 Jahre Geschäftsführer war. Die beiden ließen mit kleinstmöglichem Aufwand ASS herstellen. Zuvor, als das Patent noch nicht abgelaufen war, gab es ASS nur teuer vom Bayer-Konzern unter dem Namen Aspirin. Die US-Zeitschrift "forbes" schätzt Merckles Vermögen mittlerweile auf 5,7 Milliarden Euro und platziert ihn auf der Liste der reichsten Menschen weltweit auf Platz 65.
Wohlmeinende bezeichnen Merckle als sparsam, weil er mit dem Zug immer noch in der zweiten Klasse fährt. Sein Ex-Partner Zinken hält ihn dagegen für einen "egoistischen Menschen, missgünstig und hinterlistig", so Zinken zum stern. Neben Ratiopharm gehören Merckle Anteile am Pharmagroßhändler Phoenix (Umsatz 5,3 Milliarden Euro), an den Firmen Heidelberg Cement und dem Pistenbully-Hersteller Kässbohrer - von Wäldern und diversen Vermögens-Beteiligungs-GmbHs unter anderem im Steuerparadies Norderfriedrichskoog einmal abgesehen. "Das Merckle-Imperium ist so verschachtelt, dass keiner durchblicken kann", sagt sein ehemaliger Geschäftsführer Zinken.
Weil Merckles Ratiopharm lange Zeit der Platzhirsch auf dem deutschen Generikamarkt war, profitiert seine Firma enorm von den hohen Generikapreisen hierzulande. Nach einer Studie des Marktforschungsinstituts IMS Health sind die Generikapreise in Deutschland 56 Prozent höher als in Großbritannien - was nicht zuletzt am aufgeblähten Pharmaaußendienst liegt.
Auch der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach, ein enger Berater von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, hat Generikapreise in Apotheken mehrerer europäischer Länder verglichen. Demnach kostet zum Beispiel eine einzelne Tablette des Herz-Kreislauf-Medikaments Metoprolol in Großbritannien im Schnitt 5 Cent, in Spanien 6 Cent, in Frankreich 7 und in Italien 8, in Deutschland aber 13 Cent. Vier von zehn der von Lauterbach geprüften Arzneimittel sind in Deutschland so teuer wie in keinem anderen der untersuchten Länder. Daran hat auch die Gesundheitsreform der rot-grünen Bundesregierung nichts geändert.
Im Gegenteil. Im Jahr 2002 wurde die so genannte Aut-idem-Regel eingeführt, nach der Apotheker auch ein anderes, gleichwertiges Medikament abgeben können als jenes, das auf dem Rezeptzettel steht. Seither umwerben Firmen wie Ratiopharm verstärkt auch die Apotheker. Denn was immer der Arzt auf seinen Rezeptblock schreibt - am Ende entscheidet jetzt der Apotheker. Ratiopharm reagierte auf die Gesetzesänderung: mit einer Geschenkewelle an die Apotheker. Sie bekommen zwar keine Schecks wie Ärzte, dafür Berge von Gratismedikamenten, die sie anschließend bei den Krankenkassen abrechnen. Neben diesen in der Branche bekannten "Naturalrabatten" gewährt Ratiopharm den Apothekern auch lukrative Preisnachlässe bei der regulären Medikamentenbestellung. Am 16. Juli 2004 schickte der Leiter des Apothekenaußendienstes bei Ratiopharm eine Jubel-E-Mail an seine Mitarbeiter:
"Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, seit vier Wochen revolutionieren Sie den Rabattmarkt so, dass alle wesentlichen Mitbewerber uns folgen. Das hat es noch nie gegeben."
Revolutionär war in der Tat die Höhe des Rabatts bei Bestellungen: "maximal acht Prozent"! Da können sich jene Ärzte mit ihren 2,5 Prozent Umsatzbeteiligung doch ein wenig benachteiligt fühlen. In der E-Mail heißt es weiter:
"Zielgruppe: Apotheken, die mit Ihnen zu Jahresbeginn eine VERBINDLICHE Vereinbarung getroffen haben UND auf dem Weg sind, diese Vereinbarung auch zu erfüllen."
Um den lukrativen Rabatt für seine normale Bestellung zu bekommen, muss der Apotheker dem Außendienstmitarbeiter Einblick in seine Verkaufszahlen ("POS-Daten") gewähren - was Ratiopharm bestreitet. Für den Fall, dass der Apotheker "keine Daten liefern will", gibt die Zentrale in Ulm aber in einer E-Mail vom 19. Juli 2004 die Devise aus:
"Bleiben Sie hartnäckig und versuchen, diese Daten zu erheben. Für den 'Totalverweigerer'werden Sie mit Ihrem Regionalleiter eine Lösung finden." Im September 2004 animiert der zuständige Ratiopharm-Manager seine Außendienstler erneut, von den Rabatten Gebrauch zu machen:
"Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, Sie haben die Möglichkeit, ab sofort weitere 15 Quartalsboni (Rabatte für 15 Apotheker, d. Red.) in Ihrem Gebiet zu vereinbaren! Sprechen Sie bitte die Kunden ... auf den Zusatzbonus für das aktuelle Quartal an!! Hierbei handelt es sich um CASH, das Sie dem Apotheker für seine Leistung in der SUBSTITUTION am Handverkaufstische zukommen lassen. Leistung lohnt sich, auch beim Apotheker!! In diesem Sinne einen schönen Abend."
Die Substitution, die in der E-Mail angesprochen wird, hat wohl jeder Patient schon erlebt: Stellen Sie sich vor, Sie haben erhöhtes Cholesterin, und Ihr Arzt verschreibt Ihnen Simvastatin von der Generikafirma 1-A-Pharma. Sie gehen mit dem Rezept in die Apotheke. Der Apotheker hat aber kein Interesse, Ihnen Simvastatin von 1-A-Pharma zu geben, weil er einen ganzen Packen Simvastatin-ratiopharm geschenkt bekommen hat. Also sagt er: Das, was Ihr Arzt aufgeschrieben hat, habe ich nicht. Aber ich habe Simvastatin von Ratiopharm, das ist genauso gut. Wollen Sie das haben, oder soll ich Ihnen das andere bestellen? Natürlich nehmen Sie das Ratiopharm-Präparat. Der Apotheker rechnet nun die Packung, die er von Ratiopharm geschenkt bekommen hat, mit 46,67 Euro bei Ihrer Krankenkasse ab.
Es gibt Statistiken darüber, wie häufig Apotheker verschriebene Medikamente austauschen. So hat das Institut NDC Health ermittelt, dass von März 2004 bis Februar 2005 Ärzte 122.500-mal Simvastatin von 1-A-Pharma verordneten, die Apotheker aber nur 99.800 Packungen abgaben. Simvastatin-ratiopharm dagegen haben die Ärzte im gleichen Zeitraum 1,2 Millionen Mal auf Rezept geschrieben - die Apotheker verkauften aber mehr als 2 Millionen Packungen: ein Überhang von 73 Prozent. Andere große Generikahersteller wie Hexal, Stada oder Sandoz werden übrigens in gleicher Weise bevorzugt, was diese, vom stern damit konfrontiert, aber bestreiten. Hexal und Sandoz erklären, dass ihnen zur Substitution keine genauen Daten vorlägen, und Stada will, wie erwähnt, "aus prinzipiellen Gründen" keine Stellung nehmen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 46/2005