
Bei minus 196 Grad liegen die Samenspenden in flüssigem Stickstoff© Tom Krausz
Jasper war 14, als er die Wahrheit erfuhr. Er hatte mit seiner Mutter gestritten, wie schon so häufig, und wie immer ging es darum, dass er und sein Vater nicht zusammenpassten, und seine Mutter hatte stillgehalten all die Jahre, aber jetzt brach es aus ihr heraus. Er habe Hodenkrebs gehabt, er konnte keine Kinder bekommen. Sie hätten sich an einen Arzt am Kommunehospital Århus gewandt. Damals gab es noch keine kommerziellen Samenbanken. Beim dritten Versuch wurde sie schwanger. Jasper ist eines der ersten Spenderkinder in Dänemark, gezeugt 1973.
Seine Mutter strich ihm über das Haar, küsste ihn auf die Stirn: "Ich bin deine Mutter. Du bist mein Großer. Und was ich dir gesagt habe, ist unser Geheimnis. Kein Wort an deinen Vater." Als er dann spazieren ging, wurde ihm Schritt für Schritt klar: Mein Onkel ist nicht mein Onkel, mein Großvater nicht mein Großvater. Und mit jedem Schritt wurde er einsamer. Gerade der Großvater, den er so mochte. Von ihm, dachte er immer, hatte er das Grüblerische, das Philosophische.
Die großen Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Woher komme ich? Jasper kann sie nicht einmal mehr im Kleinen beantworten. Jasper weiß nur, dass sein Erzeuger Medizinstudent an der Uni Århus war, dunkle Haare hatte und blaue Augen, nach diesen Merkmalen hatte man ihn ausgewählt, denn blaue Augen und dunkle Haare hatte auch sein Ziehvater. Jasper sagt manchmal: "Nicht der Storch hat mich gebracht, sondern Fedex." Oder er sagt: "Ich bin wie die Figuren aus dem Film ‚Blade Runner‘", ein Replikant, ein künstlich erzeugtes Wesen, hineinversetzt in eine Familie, die nicht seine ist. Deren Liebe er sich erschlichen hat, als falscher Neffe, falscher Cousin, falscher Enkel.
Aber eigentlich sei er nicht mal das. Ein weißes Nichts sei er, sagt Jasper. Weiß und leer wie das Zimmer, in dem er gemacht wurde, mit Reagenzgläsern, Pipette und Gummihandschuhen. "Ich hatte immer so eine romantische Vorstellung von Familie." Zweifel hatte er schon früh. Sein Vater hat Unterarme, dick wie seine Oberschenkel. Ein Automechaniker, der wenig redet und nächtelang Fernsehen guckt. Jasper ist schmächtig, hat Literatur und Philosophie studiert. Er hat immer versucht, sich und seinen Vater zusammenzubringen, zu etwas, das er begreifen konnte. Das sie verband, außer einem Bindestrich im Nachnamen.
Wenn es hieß, Jasper hat die Ohren vom Vater, fuhr dieser mit den Fingern über die Muster der Tischdecke und schwieg. Dass ein anderer Mann seiner Frau das brachte, was er nicht konnte, wollte er wegschweigen. Lange wusste er nicht einmal, dass Jasper eingeweiht war. Bis er vor zwei Jahren die Zeitung aufschlug, darin das Bild seines Sohnes, darunter die Zeile, "Ich will wissen, wer mein Vater ist."
Damals, als Ole Schou im Fernsehen auftrat, wollte Jasper nicht länger schweigen. Er schrieb Artikel gegen die Bevormundung. Er hat geglaubt, sein Vater erfährt nichts, der lebt in einer anderen Welt, der liest keine Zeitung, jedenfalls keine anspruchsvollen. Seine Mutter hat ihn am Tag der Veröffentlichung angerufen und am Telefon geweint. Wie kannst du uns das antun? "Seitdem die Wahrheit raus ist", sagt er, "fühle ich mich befreit. Ich muss meinen Vater nicht mehr lieben. Ich kann entspannen." Vor einem Jahr hat er ihn aus seinem Namen tilgen lassen.
Manchmal stellt er sich vor: der große, starke Papa, der auftaucht, nach all den Jahren, und sagt, ich habe dich vermisst. "Er kann doch nicht verschwunden sein", sagt Jasper. "Die vom Krankenhaus müssen doch wissen, wer er ist, welche Kinder er noch hat, die müssen doch sicherstellen, dass ich nicht zufällig meine Schwester heirate." Aber die vom Krankenhaus sagen nichts. Den Namen, mehr will er nicht, vielleicht ein Foto oder eine Telefonnummer. Nicht, dass er ihn unbedingt anrufen würde. Die Möglichkeit zu haben reicht.
Einmal hat ihn eine Freundin aus dem Schlaf geklingelt: Da sei einer in die Kneipe gekommen. Der sehe aus wie er, Jasper. Sie hat ihn angesprochen, und tatsächlich, sein Vater sei Arzt, er habe Anfang der 70er Jahre Medizin in Århus studiert. Jasper bekam die Telefonnummer, trug sie Wochen mit sich herum, dann wurde seine Tasche geklaut, mit der Nummer. "Vielleicht ist es besser, dass ich ihn nie kennen werde", sagt Jasper. "Für ihn waren es ein paar Handgriffe auf dem Klo. Für mich ist es das Leben."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 40/2008