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3. Oktober 2008, 08:00 Uhr

Ein paar Tropfen zum Glück

Bei minus 196 Grad liegen die Samenspenden in flüssigem Stickstoff© Tom Krausz

Jasper war 14, als er die Wahrheit erfuhr. Er hatte mit seiner Mutter gestritten, wie schon so häufig, und wie immer ging es darum, dass er und sein Vater nicht zusammenpassten, und seine Mutter hatte stillgehalten all die Jahre, aber jetzt brach es aus ihr heraus. Er habe Hodenkrebs gehabt, er konnte keine Kinder bekommen. Sie hätten sich an einen Arzt am Kommunehospital Århus gewandt. Damals gab es noch keine kommerziellen Samenbanken. Beim dritten Versuch wurde sie schwanger. Jasper ist eines der ersten Spenderkinder in Dänemark, gezeugt 1973.

Philosoph vs. Automechaniker

Seine Mutter strich ihm über das Haar, küsste ihn auf die Stirn: "Ich bin deine Mutter. Du bist mein Großer. Und was ich dir gesagt habe, ist unser Geheimnis. Kein Wort an deinen Vater." Als er dann spazieren ging, wurde ihm Schritt für Schritt klar: Mein Onkel ist nicht mein Onkel, mein Großvater nicht mein Großvater. Und mit jedem Schritt wurde er einsamer. Gerade der Großvater, den er so mochte. Von ihm, dachte er immer, hatte er das Grüblerische, das Philosophische.

Die großen Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Woher komme ich? Jasper kann sie nicht einmal mehr im Kleinen beantworten. Jasper weiß nur, dass sein Erzeuger Medizinstudent an der Uni Århus war, dunkle Haare hatte und blaue Augen, nach diesen Merkmalen hatte man ihn ausgewählt, denn blaue Augen und dunkle Haare hatte auch sein Ziehvater. Jasper sagt manchmal: "Nicht der Storch hat mich gebracht, sondern Fedex." Oder er sagt: "Ich bin wie die Figuren aus dem Film ‚Blade Runner‘", ein Replikant, ein künstlich erzeugtes Wesen, hineinversetzt in eine Familie, die nicht seine ist. Deren Liebe er sich erschlichen hat, als falscher Neffe, falscher Cousin, falscher Enkel.

Romantische Vorstellung von Familie

Aber eigentlich sei er nicht mal das. Ein weißes Nichts sei er, sagt Jasper. Weiß und leer wie das Zimmer, in dem er gemacht wurde, mit Reagenzgläsern, Pipette und Gummihandschuhen. "Ich hatte immer so eine romantische Vorstellung von Familie." Zweifel hatte er schon früh. Sein Vater hat Unterarme, dick wie seine Oberschenkel. Ein Automechaniker, der wenig redet und nächtelang Fernsehen guckt. Jasper ist schmächtig, hat Literatur und Philosophie studiert. Er hat immer versucht, sich und seinen Vater zusammenzubringen, zu etwas, das er begreifen konnte. Das sie verband, außer einem Bindestrich im Nachnamen.

Wenn es hieß, Jasper hat die Ohren vom Vater, fuhr dieser mit den Fingern über die Muster der Tischdecke und schwieg. Dass ein anderer Mann seiner Frau das brachte, was er nicht konnte, wollte er wegschweigen. Lange wusste er nicht einmal, dass Jasper eingeweiht war. Bis er vor zwei Jahren die Zeitung aufschlug, darin das Bild seines Sohnes, darunter die Zeile, "Ich will wissen, wer mein Vater ist."

Damals, als Ole Schou im Fernsehen auftrat, wollte Jasper nicht länger schweigen. Er schrieb Artikel gegen die Bevormundung. Er hat geglaubt, sein Vater erfährt nichts, der lebt in einer anderen Welt, der liest keine Zeitung, jedenfalls keine anspruchsvollen. Seine Mutter hat ihn am Tag der Veröffentlichung angerufen und am Telefon geweint. Wie kannst du uns das antun? "Seitdem die Wahrheit raus ist", sagt er, "fühle ich mich befreit. Ich muss meinen Vater nicht mehr lieben. Ich kann entspannen." Vor einem Jahr hat er ihn aus seinem Namen tilgen lassen.

Ein paar Handgriffe

Manchmal stellt er sich vor: der große, starke Papa, der auftaucht, nach all den Jahren, und sagt, ich habe dich vermisst. "Er kann doch nicht verschwunden sein", sagt Jasper. "Die vom Krankenhaus müssen doch wissen, wer er ist, welche Kinder er noch hat, die müssen doch sicherstellen, dass ich nicht zufällig meine Schwester heirate." Aber die vom Krankenhaus sagen nichts. Den Namen, mehr will er nicht, vielleicht ein Foto oder eine Telefonnummer. Nicht, dass er ihn unbedingt anrufen würde. Die Möglichkeit zu haben reicht.

Einmal hat ihn eine Freundin aus dem Schlaf geklingelt: Da sei einer in die Kneipe gekommen. Der sehe aus wie er, Jasper. Sie hat ihn angesprochen, und tatsächlich, sein Vater sei Arzt, er habe Anfang der 70er Jahre Medizin in Århus studiert. Jasper bekam die Telefonnummer, trug sie Wochen mit sich herum, dann wurde seine Tasche geklaut, mit der Nummer. "Vielleicht ist es besser, dass ich ihn nie kennen werde", sagt Jasper. "Für ihn waren es ein paar Handgriffe auf dem Klo. Für mich ist es das Leben."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 40/2008

Von Dimitri Ladischenski
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Hallo Århus Samen Samenbank Spender Sperma Spermien Tropfen
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Hanesi (04.10.2008, 14:35 Uhr)
blindriver - Ihre Interpretation
Wo interpretieren sie in meinen Kommentar die Fixierung auf die biologische Abstammung rein? Was soll das Gerede von Gefängnis etc? Die von mir zitierte Motivation, Kinder zu bekommen, finde ich auch bei biologischen Eltern schrecklich. Punkt.
Kinder sollte man nicht haben, weil man sonst einsam ist, und ihnen dann die gesamte Last des eigenen Lebensglückes aufbürden. Man soll sie um ihrer willen bekommen und irgendwann in ihr eigenes Leben entlassen - *das* allerdings ist eine Entscheidung, die man nach einem one night stand mit Folgen ebenso privat und emanzipiert treffen kann wie nach einem jahrelangen Adoptionsmarathon.
Das Zitat, daß ich explizit angeführt habe, jagt mir einen Schauer über den Rücken. "Ein Kind bekommen, weil es mich nicht verlassen kann." Auf die Abhängigkeit des Kindes setzten, damit man nicht mehr alleine ist. Dabei geht es beim Kindergroßziehen jedes Lebensjahr mehr ums ziehenlassen. Davon können sie halten, was sie wollen. Wenn sie mich aber das nächste mal direkt ansprechen, dann beziehen sie sich bitte auf Dinge, die ich auch wirklich gesagt habe.
blindriver (04.10.2008, 02:53 Uhr)
@ Hanesi, @OnceKnown - Dann sollte . . .
Dann sollte man am besten auch gleich Adoptionen verbieten, Babyklappen abschaffen und die alleinstehenden Muetter, die sich nach 9 Monaten partout nicht mehr an den Namen des Vaters erinnern koennen, gehoeren sowieso ins Gefaengnis.
Ich goenne jeder Frau diese zusaetzliche Option und bin immer wieder von dieser Fixierung auf die biologische Abstammung ueberrascht.
Das so mancher emotional instabiler Teenager fuer jeden weiteren Grund, die Welt im allgemeinen und seine Eltern im besonderen zu hassen, dankbar ist, ist noch lange kein rationales Argument gegen Samenbanken.
Hanesi (04.10.2008, 02:01 Uhr)
"Ausgelieferte" Kinder
Zitat: ""Ich wollte immer ein Kind", sagt sie, "lieber noch als einen Mann. Ein Kind kann mich nicht verlassen.""
Oh. Mein. Gott. Irgendjemand, der nicht schaudert bei diesem Satz?
Erinnert mich an die "Klavierspielerin" von E. Jelinek.
Das arme Kind. DAS finde ich fast schlimmer als die Vaterfrage...
OnceKnown (03.10.2008, 23:53 Uhr)
Ätzend...
Kinder sollten ihren Vater kennen. Es ist einfach zum Kotzen: Frauen mit dem perfekten Leben, d.h. perfekter Wohnungseinrichtung und perfektem Beruf möchten zu ihrer perfekten Designerkleidung jetzt auch noch ein dazu passendes Kind. Also erstmal im Katalog nachschlagen, vielleicht ist ja was Passendes drin. Krank. Und wenn die Kinder später mal wissen möchten, wer denn ihr biologischer Vater ist: Tut mir leid. Keine Chance.
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