Die Sexualwissenschaftler haben eine Therapie entwickelt, die auf mehreren Säulen ruht. Auch Medikamente können dabei eingesetzt werden, allerdings nur kurzfristig und unter therapeutischer Aufsicht.
Eine Pille gegen den vorzeitigen Orgasmus gibt es zwar nicht; doch einige Psychopharmaka können die Phase vor dem Orgasmus verlängern. Etwa so genannte Serotoninwiederaufnahmehemmer, wie sie gegen Depressionen eingesetzt werden. Keiner weiß, warum sie den Orgasmus hinauszögern, doch sie wirken etwa zwei bis vier Stunden, nachdem man sie eingenommen hat.
"Etwa 50 Prozent unserer Patienten mit vorzeitigem Orgasmus verordnen wir, wenn sie einverstanden sind, kurzfristig Antidepressiva", berichtet Christoph Ahlers. Das geschieht, damit sie überhaupt ein Gespür dafür entwickeln, wie sich das anfühlt: länger durchzuhalten. Medikamente sind auf die Dauer aber keine Lösung, unter anderem, weil sie die Lust auf Sex verringern. Klar, dass sich dann eine Sexualstörung erst recht nicht beseitigen lässt.
Deshalb setzt zeitgleich mit dem Pillenschlucken die Therapie ein. Psychologe Ahlers: "Sie schlägt am besten an, wenn der Betroffene Partnerin oder Partner mitbringt - sofern er in einer Beziehung lebt." Der Therapeut spricht mit dem Paar einzeln und getrennt über sexuelle Vorlieben, Ängste und Erwartungen. Mit diesen Gesprächen bauen viele Patienten erste Ängste und Vorurteile ab.
Dann beginnt, was die Therapeuten "Love Dates" nennen: Übungen, mit denen die Partner lernen, sich möglichst unbelastet mit dem eigenen und dem Körper des anderen zu beschäftigen. Zunächst ohne Sex. Denn nur dann wird der betroffene Mann von Erwartungen an sein Durchhaltevermögen befreit, die ihn normalerweise blockieren.
Die Übungen beginnen damit, dass sich beide gegenseitig streicheln, ohne die Genitalien zu berühren. Später ist auch das erlaubt; in der nächsten Stufe darf der Penis eingeführt werden. In diesem Stadium können die Patienten außerdem die Stopp-Start-Technik ausprobieren, die schon in den 50er Jahren erfunden wurde. Dabei führt der Mann seinen Penis ein, seine Partnerin oder sein Partner übernimmt dann die aktive Rolle. Nähert sich der Mann der Orgasmusschwelle, gibt er ein Stopp-Signal. Er wartet, bis sich seine Erregung verringert hat (die Erektion aber noch nicht verschwunden ist), dann bewegt sich die Partnerin oder der Partner wieder. Diesen Ablauf wiederholen beide drei- oder viermal. Zum Schluss darf der Mann ejakulieren.
Männer ohne feste Liebesbeziehung können diese Übungen nur sehr eingeschränkt anwenden: beim Masturbieren. In jedem Fall gilt: Je früher Betroffene fachliche Hilfe suchen, umso schneller können sie das Problem loswerden. "Solange nicht noch Begleitsymptome wie depressive Verstimmung oder Paarkonflikte dazukommen, brauchen wir vielleicht zehn Sitzungen, um unseren Patienten zu helfen", sagt Hartmut Bosinski. Und Christoph Ahlers hat folgende Erfahrung gemacht: Kaum ein Mann wird von der Partnerin verlassen, weil er regelmäßig einen vorzeitigen Orgasmus hat.
Schließlich bestimmen auch Persönlichkeit, Charakter und Verhalten die Qualität einer Beziehung. Der Mensch könne 80 Jahre alt werden, ohne einen Orgasmus erlebt zu haben. Aber ohne liebevollen Körperkontakt geht er zugrunde.
Sigrun Albert