stern.de für unterwegs
. .
News am 20.03.2010
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

 
9. März 2009, 10:11 Uhr

Seltene Krankheiten Waisen der Medizin

Zoom
Krankheit, Diagnose, Selbsthilfegruppe

Wilder wuchs: Florian Frei*. Der 40-Jährige hat die Von-Hippel-Lindau-Erkrankung. In seinem Körper wachsen immer neue Tumoren, schon 25 Geschwüre wurden entfernt. Die Krankheit trifft etwa einen von 35.000 Menschen© Dieter Eikelpoth

Florian Frei* leidet an der Von-Hippel-Lindau-Erkrankung (VHL). Das ist eine seltene Tumorerkrankung, die ganz unterschiedliche Organe befallen kann. Er war 26 und mitten im Studium, als der erste Tumor aus seinem Kleinhirn entfernt wurde. Das ist 14 Jahre und 24 weitere Tumor-OPs her; elf im Hirn, fünf an Augen und Rückenmark, einen im Innenohr, vier an der linken und drei in der rechten Niere. "Im Moment wachsen ein weiterer am Kleinhirn, ein paar im Rücken, einer am Sehnerv, und - ganz neu - es gibt auch zwei an der Bauchspeicheldrüse", sagt er und greift ungerührt nach seinem Becher Tee.

Dieser Griff ist so schnappend wie seine Atmung, wenn er spricht. Auch spreizt er die Finger etwas zu stark, führt den Becher in einer langsamen, ausladenden Bewegung an den Mund. "Ich muss mich sehr darauf konzentrieren", sagt der Kölner, und jedes seiner Worte scheint ihm so viel Mühe zu machen wie der Griff nach dem Gefäß. Mit der vorletzten Kleinhirn-OP sind ihm Gleichgewicht, Feinmotorik, seine Fähigkeit zu sprechen und zu schlucken teilweise abhandengekommen. "Der Tumor war weg und ich noch am Leben: Rein medizinisch war die OP, so sagte man mir, ein voller Erfolg. Ich sehe das naturgemäß ein bisschen anders." Bis zu dieser OP vor zwei Jahren muss Florian Frei ein eloquenter Mann gewesen sein. Seine Augen wollen viel mehr erzählen, als es seine Zunge noch vermag.

Seltener Griff zum Skalpell

Auch für ihn gibt es keine Heilung. "Die einzige Therapie ist das Messer", sagt er. Dass kaum ein VHL-Fall dem anderen gleicht, macht die Erforschung des Leidens schwierig - und das Szenario einer Heilung durch Gentherapie bislang zur Utopie. Auch bei Florian Frei scheint eine ganz eigene, spontane Genmutation das Tumorsyndrom zu verursachen. Außerdem sind längst nicht alle Entwicklungen der Krebsmedizin auch auf VHL-Patienten übertragbar. Nur die VHL-typischen Nierentumoren gelten überhaupt als Krebsgeschwüre. Und während bei anderen Krebsleiden meist sofort operiert wird, beobachten die Ärzte VHL-Tumoren oft über Monate oder Jahre. Die Mediziner greifen meist erst zum Skalpell, wenn der Tumor so groß ist, dass er die Funktion von Organen bedroht oder Gefahr läuft zu streuen.

Um dafür nicht plötzlich zu spät dran zu sein, lässt sich Florian Frei alle paar Wochen in die Röhre schieben. Per Computertomografie und anderen bildgebenden Verfahren überwachen seine Ärzte den Wildwuchs in seinem Körper. Alle ein bis zwei Jahre folgen dann die Operationen. Für ihn, seine Familie und seine Lebensgefährtin ist das ein ständiger Nervenkrieg. Denn niemand weiß, in welchem Zustand er aufwacht. Und nach der OP ist vor dem nächsten Tumorfund.

"Ausgerechnet dann, wenn es in die heiße Phase geht", sagt er, "beginnt auch die Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten im System, das einfach nicht auf so seltene Krankheiten ausgerichtet ist." Immer wenn wieder ein Tumor im Kopf, am Rückenmark, an den Nieren oder sonst wo entfernt wird, muss er vor der Kasse rechtfertigen, weshalb die Behandlung nur in dieser oder jener Klinik möglich ist, weshalb Fahrtkosten getragen oder teurere Reha-Maßnahmen bezahlt werden sollen. "Jedes Mal wieder muss ich darlegen, welche besonderen Probleme meine besondere Erkrankung aufwirft - und dass die eben nicht jeder x-beliebige Arzt lösen kann."

Einen Panzer fürs Leben

In diesem jahrelangen Kampf hat er sich "emotional einen dicken Panzer zugelegt". Einen Panzer, der ihn für ein Leben mit der Krankheit rüstet. "Es geht weiter, ob mir das nun passt oder nicht", sagt er. "Die Lebenserwartung für VHL-Kranke ist inzwischen genauso hoch wie bei anderen Menschen. Und ich möchte das nicht in Zweifel ziehen."

Kraft gibt ihm, wie auch Susan Wanzenberg und Hannahs Mutter Sabine Daby, das Engagement in einer Selbsthilfegruppe. "Da versteht jeder, was der andere durchmacht", sagt Daby. Oft habe jemand die Lösung für ein Problem gefunden, vor dem andere zum ersten Mal stehen. Das kann viel Energie sparen und geben", sagt sie. Und so düst sie durch halb Norddeutschland, wenn irgendwo ein EB-Baby zur Welt kommt, informiert das Klinikpersonal, hat auch spätabends noch ein Ohr für die Anrufe der geschockten Eltern. "Die Gruppe ist zu unserer zweiten Familie geworden."

Eine Familie, in der Hannah-Lisa vor allem eines sein kann: wie die anderen. Normal zu sein, das ist ihr wichtig. Deshalb bestand sie schon in der ersten Klasse darauf, wie alle anderen mit dem Bleistift schreiben zu lernen, auch wenn es ihr Schmerzen bereitete, ihn mit dem nötigen Druck über das Papier zu ziehen - und die Lehrerin ihre zarten Striche kaum entziffern konnte. Und genau deshalb lief sie bei einem Benefizlauf in den Delmenhorster Graften auch sieben Runden, während ihre älteren Brüder schon nach zwei und vier Runden aufgaben. Danach war sie unendlich stolz. Und jede Fußsohle drei Wochen lang offen. Sieben Runden? "Ja, echt!", sagt Hannah, und ihre Augen leuchten.

*Name von der Redaktion geändert

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 10/2009

Von Katharina Kluin
1 2 3
weiter  
KOMMENTARE (2 von 2)
 
D.Reuter (09.03.2009, 17:28 Uhr)
seltene Krankheit
Bei mir hat es auch 39 jahre gedauert bis man mich entlich ernst nahm ..........und dann kam auch ne seltene Krankheit dabei raus .......aber was ich mir bis da hin alles anhören mußte ist kaum zu glauben.
Und soll ich euch meine seltene Krankheit verraten ( TRPS1,Trichorhinophalangeal-Syndrome 1) viel spaß beim suchen nach Informationen.
onkel.erwin (07.03.2009, 18:08 Uhr)
Ja ja. Die Ärzte sind alle ganz doof.
Wozu gibt es eigentlich 35 Universitätskliniken in Deutschland?
MEHR ZUM ARTIKEL
Eva Luise Köhler "Wir sind auf einem guten Weg ..."

"... aber es muss sich noch viel tun", sagt die Frau des Bundespräsidenten, Eva Luise Köhler. Sie ist Schirmherrin der Allianz chronischer seltener Erkrankungen (Achse). Ihre Tochter Ulrike verlor durch eine seltene Erkrankung das Augenlicht. mehr...

Seltene Krankheiten Waisenkinder der Medizin

Vier Millionen Deutsche leiden an Krankheiten, die kaum erforscht sind. Viele Betroffene rennen verzweifelt von Arzt zu Arzt. Und klagen: "Wir sind die Versuchskaninchen der Mediziner." Auf stern.de berichten zwei Patientinnen über ihre Qualen und Hoffnungen. mehr...

Seltene Erkrankungen Wilder Wuchs und zarte Haut

Mehr als vier Millionen Deutsche leiden an einer seltenen Erkrankung - wie zum Beispiel dem systemischen Lupus Erythematodes. Hier finden Sie Informationen über Lupus, die Von-Hippel-Lindau-Erkrankung und Epidermolysis Bullosa. mehr...

Seltene Krankheiten Das Horrorkabinett der Krankheiten

Schon einmal vom Alien-Hand-Syndrom gehört? Oder von der Fischgeruchs-Krankheit? Oder vom so genannten Madenfraß, einer Erkrankung, bei der Maden unter der Haut umherkriechen? stern.de stellt die übelsten Krankheiten vor. mehr...

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage