
Hundepfeife: Daivis Silva D'Almeida, 16, blieb nach einer Disconacht ein Fiepen im Ohr. Erst drei Tage später ließ es nach© Alfred Steffen
In anderen Fällen helfen Rauschgeräte, die das Sausen, Pochen oder Summen überdecken. Der Tinnitus tritt in den Hintergrund, je mehr er von anderen Geräuschen begleitet wird, vergleichbar mit einer brennenden Kerze: Im Dunklen sticht sie ins Auge, in einem hellen Raum nehmen wir sie kaum wahr.
Bei der Wahrnehmung setzen die Elemente der Therapie an, die das Verhalten und die Aufmerksamkeit der Patienten betreffen. Am Anfang steht die größte Hürde: Patienten mit chronischem Tinnitus müssen akzeptieren, dass das Ohrgeräusch sie vielleicht ein Leben lang begleitet, dass sie ihm aber ihre Aufmerksamkeit entziehen können. "Nur wer von der Hoffnung auf eine vollständige organische Heilung Abschied nimmt, kann anfangen, gut mit dem Tinnitus zu leben", sagt Sven Tönnies, Psychotherapeut in Hamburg. Ein gutes Leben mit dem Ohrgeräusch bedeutet, weghören zu lernen, ihm möglichst wenig Beachtung zu schenken.
"Manchmal gelingt es, dem Patienten eine positive Wahrnehmung der Geräusche zu vermitteln", erklärt Tönnies. So fragt er beispielsweise, ob der Betroffene sein Tinnitusgeräusch so oder ähnlich schon früher einmal gehört hat und vielleicht sogar angenehm fand. Einen erinnerte das "Wumm-wumm-wumm" im Ohr an eine Urlaubsreise auf einem Mississippi-Dampfer. "Die positiven Erinnerungen helfen ihm nun, trotz des Tinnitus einzuschlafen", sagt Tönnies.
Ergänzt werden die Trainings durch Wahrnehmungsaufgaben, bei denen die Übenden etwa in den Wald gehen, um Vogelstimmen zu unterscheiden oder die Richtung zu bestimmen, aus der ein Geräusch tönt. "Wir fördern so die Fähigkeit, Störgeräusche aus der Wahrnehmung zu filtern", erläutert Gerhard Goebel, Chefarzt der Roseneck-Klinik am Chiemsee. Ähnlich wie ein Parfüm, das man nach einer Weile nicht mehr riecht, kann so auch der Tinnitus aus der Aufmerksamkeit schwinden. Entspannungstechniken wie Yoga, Muskelrelaxation und Sport helfen, Stress als Verstärker von Ohrgeräuschen zu reduzieren.
Zudem lässt es sich lernen, das eigene Denken und Verhalten vom Tinnitus zu lösen. Denn oft setzen sich die Genervten mit Leistungswillen und Ängsten unter neuen Druck und begeben sich so in einen Teufelskreis. "Ich hatte immer starke Schultern und konnte nicht akzeptieren, dass ich am Ende meiner Kräfte war", sagt Wolfgang Bremer. "So wurde sowohl der Tinnitus als auch meine Frustration über die Leistungsschwäche immer schlimmer." Am Ende musste Bremer sich mit der Diagnose Burnout in einer Klinik behandeln lassen.
Tatsächlich gehen Depressionen, Angst- und Panikstörungen oft mit Tinnitus einher. Manche Betroffene stürzen so tief in die Verzweiflung, dass sie nur im Freitod einen Ausweg sehen. "Doch ob der Tinnitus Ursache oder Folge der seelischen Erkrankung ist, lässt sich meist nicht genau sagen", erklärt der Mediziner Goebel. Viele Denkmuster, die Ohrgeräusche verstärken, sind fest in der Persönlichkeit des Patienten verwurzelt - lange bevor das erste Sausen auftritt. Andere sind vielleicht erst aufgrund der dauerhaften Belastung durch den Tinnitus entstanden. "Dies auseinanderzuhalten ist unmöglich. Deshalb behandeln wir nicht einzelne Symptome, sondern den ganzen Menschen", so Goebel.
Die Erkenntnis, den wichtigsten Hebel für die Genesung selbst in der Hand zu halten, gewinnen viele erst nach Monaten oder gar Jahren. Zuvor durchleiden sie eine Odyssee von Arzt zu Arzt, sie probieren eine Therapie nach der nächsten, immer auf der Suche nach schneller Heilung. Marianne Felden, 36, hört ein Summen im Ohr wie von einem alten Kühlschrank. Sie war bei verschiedenen HNO-Ärzten. Der eine verschrieb Wärmebehandlungen mit Infrarotlicht, der andere maß den Innendruck des Ohres und wusste danach nicht weiter. Ein weiterer Kollege machte einen Hörtest, der keinen Befund brachte. "Er unterstellte schlicht, ich würde simulieren", erzählt die Kölnerin. Sie probierte es mit Akupunktur, ließ ihren Kiefer zahnärztlich untersuchen. Nichts davon hat Felden von ihrem Ohrgeräusch befreit. Nach Jahren mit einem stetig sich verschlimmernden Tinnitus zieht sie ein bitteres Fazit: "Niemand weiß, woher er kommt und wie man ihn behandeln kann."
Mit der Hoffnung auf eine wundersame Heilung machen unseriöse Anbieter gute Geschäfte. Auf dem bunten Markt der Tinnitustherapien gibt es Laserbestrahlung, Magnetmatten, Vitaminpillen, Akupunktur, homöopathische Mittel und weitere klingende Verheißungen. Bestenfalls schaden sie nicht. Die Vielfalt des Halbseidenen aber zeigt nur, wie hilflos die Wissenschaft dem Phänomen Tinnitus gegenübersteht. Doch immerhin zeichnen sich erste Fortschritte der Forschung ab.
Als einer der ersten Tinnitusexperten weltweit erprobt Tobias Kleinjung von der Universität Regensburg mit Kollegen die Wirkung der sogenannten transkraniellen Hirnstimulation (TMS). Mit einer starken Magnetspule wird bei den Experimenten die akustische Hirnrinde der Patienten gereizt. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Je nach Frequenz der Stimulation bleibt der Tinnitus für eine Weile leiser oder verstummt in einzelnen Fällen kurzfristig sogar ganz. Doch wie genau der Magnetbeschuss wirkt, ist noch unklar. Denn bislang, sagt auch Kleinjung, gebe es nur modellhafte Vorstellungen, was man da an welcher Stelle eigentlich genau bewirke. "Wir sind da noch ganz am Anfang, TMS bei Tinnitus ist ein Thema für die Wissenschaft, nicht für die Praxis."
Andere Forscher arbeiten daran, die bei Tinnitus so oft geschädigten Haarzellen im Innenohr mithilfe von Stammzellen neu wachsen zu lassen, um sie den Patienten eines Tages einpflanzen zu können. "Zurzeit laufen Versuche bei Ratten und Mäusen", sagt der Tinnitus-Arzt Hesse, dämpft aber Hoffnungen auf schnellen Erfolg: "Für den Menschen liegt diese Chance in weiter Ferne."
Jeder von Tinnitus Verschonte sollte einstweilen darüber Bescheid wissen - denn Vorsorge ist hier wirklich die beste Medizin. "Lärmschutz ist das Wichtigste. Das fängt schon zu Hause beim Heimwerken an. Bei Konzerten gehören Ohrstöpsel dazu. Und wer sich oft in lauter Umgebung aufhalten muss, sollte Lärmpausen einlegen - mit Ausflügen an ganz ruhige Orte", sagt Hesse. Und auch der richtige Umgang mit Stress, wie ihn die Patienten in der Bewältigungstherapie erlernen, kann schützen.
In seinem Brief an den Tinnitus schreibt Wolfgang Bremer: "Ich werde mir etwas einfallen lassen, um für Dich unattraktiv zu werden. Das kann ich, indem ich negativen Stress und extreme Belastungen aus meinem Leben verbanne." Bremer hat die Botschaft seines Tinnitus verstanden und ist dabei, sein Leben zu vereinfachen. Er will deutlich weniger arbeiten, will den Erwartungen anderer ab jetzt Grenzen setzen und sich selbst Schwächen erlauben. "Damit werde ich Energie freisetzen, um Dich zu bändigen. Du hast mich jetzt drei Jahre lang geärgert. Das reicht."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2009