
"Unsere aggressive Rabattpolitik hat gezeigt, dass Ratiopharm Marktführer ist", lobt die Vertriebschefin ihre Mitarbeiter
All diese Firmen verfügen über eine Armee von Pharmareferenten und genug Geld, um Apotheker, die eine bestimmte Menge abnehmen, zusätzlich mit Gratis-Packungen zu Überschwemmen. Das Ziel der Pharmaunternehmen ist es, hohe Umsätze zu machen, selbst wenn man sich diese Erfolge mit vielen Gratis-Packungen erkauft. Der Nutzen besteht schließlich auch darin, kleinere Konkurrenten vom Markt zu drängen. Denn je weniger Firmen ein Medikament anbieten, desto höher können sie den Preis setzen. Beispiel Simvastatin: Insgesamt bieten 24 Firmen ein Generikum mit diesem Wirkstoff an. Folge: Der Preis liegt im Durchschnitt 66 Prozent unter dem Preis des Originalpräparats. Beispiel Gabapentin: Diesen Markt beherrschen drei große Generikahersteller nahezu allein. Folge: Der Preis liegt nur 15 Prozent unter dem Originalpreis.
Wie aggressiv die Apothekerlobby ihre Geschenke verteidigt, erlebte der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach im Juli dieses Jahres, als er die Praxis der Naturalrabatte attackierte. Lauterbach bezifferte den Schaden, der den Krankenkassen durch die Abrechnung der Gratis-Packungen und weiterer Rabatte entsteht, auf zwei bis drei Milliarden Euro pro Jahr. "Es ist das schmutzige Geschäft der Apotheker, dass sie sich solche Geschenke machen lassen", sagte Lauterbach.
Genutzt hat die Kritik nichts. Heinz-Günter Wolf, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, erklärte: "Lauterbach kriminalisiert ohne Not einen ganzen Berufsstand", und in der Apotheker-nahen "Pharmazeutischen Zeitung" erschien unter der Überschrift "Lauterbach pöbelt gegen Apotheker" eine heftige Attacke gegen den Gesundheitsökonomen, dessen Kritik "völlig krude" sei und "unter die Gürtellinie" ziele. Der Verband Pro Generika, zu dem auch Ratiopharm gehört, nannte die Kritik gar "eine Unverschämtheit".
Doch gerade Ratiopharm praktiziert das System der Naturalrabatte mit viel Fantasie: Am 21. Februar 2002 etwa informiert der Apotheken-Außendienstleiter seine Mitarbeiter, dass sie bei den Medikamenten Omeprazol, Cetirizin, Loratadin, Roxithromycin, Ciprofloxacin und NAC "bis 5 plus 5 aufbessern" können.
Das geht so: Bestellt der Apotheker fünf Packungen dieser Präparate, bekommt er fünf weitere gratis dazu. Das macht einen Rabatt von 50 Prozent. Ratiopharm erklärt dazu: "Über die Gewährung von Warenrabatten, die gesetzlich gestattet und marktüblich sind, können wir wegen des hohen Wettbewerbsdrucks in unserer Branche keine Auskunft geben." Im Mai 2003 werden die Rabatte ein wenig reduziert. Dennoch bleibt genug übrig, wie der Leiter des Apotheken-Außendienstes errechnet hat:
"Die in Euro messbaren und relevanten Rabatte summieren sich auf gut 32 Prozent vom Umsatz!!! Unsere Zielrichtung heißt RENTABLES WACHSTUM oder frei Übersetzt, keine Leistung ohne Gegenleistung. Wir wollen die Rabatte gezielt einsetzen und die Kunden (die Apotheker, d. Red.) verstärkt für den Verkauf der ratiopharm Palette motivieren."
Ratiopharm-Geschäftsführerin Siebert fürchtet dagegen, dass die hohen Naturalrabatte direkt an Apotheker (firmenintern: "Top direkt") nach außen dringen könnten. Am 23. Juli 2003 mailt sie an den Apotheken-Außendienst:
"Hallo meine Damen und Herren, Top direkt ist eine ausgezeichnete Maßnahme, um Omeprazol-ratiopharm den Apothekern zu verkaufen... Für diese Aktion gilt absolutes Faxverbot... Wir fordern Sie nochmals und zwar jeden auf, jegliches Faxen von Konditionen, die einen Rückschluss auf bessere Konditionen als 2 plus 1 zulassen, zu unterlassen. Nicht faxen ist angesagt, sondern hingehen (in die Apotheken, d. Red.) und gar nichts, aber auch gar nichts Schriftliches da lassen."
Im Mai 2004, nach einer neuen großen 1-plus-1-Geschenkaktion für die Apotheker, zieht Geschäftsführerin Siebert zufrieden Bilanz und schreibt per E-Mail an alle:
"Die Umsätze sind außerordentlich gut, und unsere aggressive Rabattpolitik hat gezeigt, dass die Ratiopharm uneingeschränkter Marktführer ist."
Nach Berechnungen von NDC Health haben sich die Rabatte für die Apotheker in den vergangenen drei Jahren verdoppelt. Allein 2004 summierten sich, so eine interne Statistik der Generikahersteller, ihre Naturalrabatte für Apotheken auf 660 Millionen Euro (umgerechnet auf den Apothekenverkaufspreis), dazu kommen 210 Millionen Euro Barrabatte, 80 Millionen Euro Rückvergütungen am Jahresende und Kofferraumware für Apotheker im Wert von 80 Millionen Euro. Insgesamt entstehen für die Krankenkassen damit allein bei den Generika Rabattschäden von 1,3 Milliarden Euro.
Die Apotheker halten öffentlich dagegen, dass sie den Krankenkassen ja insgesamt 1,2 Milliarden Euro pro Jahr zurückerstatten: Von den 8,10 Euro Honorar, die jeder Apotheker pro abgegebener Packung von der Krankenkasse erhält, werden ihm zwei Euro abgezogen - auch wegen der den Kassen bekannten Naturalrabatt-Praxis.
Verschwiegen wird dabei, dass die 8,10 Euro pro Rezept eine recht fürstliche Entlohnung sind, von der sich schmerzfrei zwei Euro abziehen lassen. "Vor der Gesundheitsreform mussten die Apotheker sogar mehr abgeben", sagt Professor Gerd Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen, und nennt die Nullsummenrechnung der Apotheker deshalb "einigermaßen absurd". Es stelle sich vielmehr die Frage, so Glaeske, "ob die Substitution mit Gratis-Medikamenten nicht den Tatbestand der Korruption erfüllt, weil die Einkaufsvorteile nicht den Krankenkassen weitergegeben werden."
Doch bisher gibt es kein Gesetz, dass die Abrechnung von Gratis-Medikamenten verbietet. Aus juristischer Sicht gilt ein Apotheker als freier Unternehmer - und wenn der günstig einkauft, schreibt ihm auch niemand vor, sein Produkt entsprechend billiger weiterzuverkaufen. "Die Methoden der Pharmaindustrie sind seit Jahren bekannt, doch den Krankenkassen sind die Hände gebunden", sagt Wolfgang Schmeinck, Vorstandschef des BKK Bundesverbandes. "Der größte Schaden entsteht für die Krankenkassen dadurch, dass die Apotheker statt eines wirklich günstigen Generikums ein relativ teures Generikum abgeben." Das tun sie vor allem wegen der Naturalrabatte, die für den BKK-Chef "reines Pharma-Marketing sind, das am Ende die Krankenkassen bezahlen müssen."
Hoffnung besteht allerdings, dass die große Koalition die Praxis bald abstellt. Ende vergangener Woche haben sich die Unterhändler verständigt, die Naturalrabatte an Apotheker zu verbieten, um die Arzneimittelpreise zu senken.
Ob Gratis-Medikamente, Honorarzahlungen an Ärzte oder Werbegeschenke - für Ratiopharm sind das alles "allgemein marktübliche Instrumente der Absatzförderung für pharmazeutische Produkte bei niedergelassenen Ärzten", wie das Unternehmen auf Anfrage dem stern mitteilte. Sind die Schecks an Ärzte aber überhaupt strafbar? Bisher setzt die Rechtsprechung vor allem für Krankenhausärzte strenge Regeln, weil die sich als Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst strafbar machen, wenn sie Geld annehmen. Bei niedergelassenen Ärzten sieht man das nicht so eng, weil sie wie Apotheker quasi freie Unternehmer sind.
Ein Aufsatz in der "Neuen Zeitschrift für Strafrecht" vom März 2005 vertritt dagegen die Ansicht, dass "ein niedergelassener Kassenarzt als Beauftragter der jeweiligen Krankenkasse" sich strafbar mache, "wenn er einen Vorteil als Gegenleistung dafür annimmt, dass er seinen Kassenpatienten bestimmte Medikamente verordnet". Der Autor Oliver Pragal nennt das "Beauftragtenbestechung nach § 299 StGB".
Pragal schließt mit der für einen Juristen erstaunlich klaren Aussage:
"Die Auswirkungen dieser Erkenntnis auf die Praxis der Strafverfolgung können kaum überschätzt werden. Es ist zu erwarten, dass die erste Anklageerhebung in einem solchen Fall ein mittleres Erdbeben in Teilen der Ärzteschaft, des Berufsstandes der Pharmareferenten und in den Vorstandsetagen der Pharmakonzerne bewirken würde. Angesichts der durch Korruption im Gesundheitswesen verursachten enormen Schäden wäre dies allerdings eine begrüßenswerte Konsequenz."
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) hat festgestellt, dass Deutschland pro Einwohner so viel Geld in sein Gesundheitssystem pumpt wie kaum ein anderes. Nur die USA und die Schweiz geben pro Kopf noch mehr aus. Doch trotz höchster Ausgaben ist die Qualität im internationalen Vergleich nur mittelmäßig (gemessen an der Aufenthaltsdauer im Krankenhaus, der Lebenserwartung oder den Heilungschancen nach Brustkrebs). Warum das so ist und wo das Geld bleibt, zeigt zum Beispiel die Geschichte über die Verkaufsstrategien der Firma Ratiopharm.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 46/2005