. .
News am 28.05.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 

Der Suff bleibt in der Familie

Wenn Eltern süchtig sind, leiden Kinder sehr - und behalten es meist für sich. Um ihren Kummer zu bewältigen, legen sie sich auf bestimmte Rollen fest oft greifen sie schließlich selbst zu Drogen. Einfühlsame Erwachsene können einiges tun, um die Not zu lindern. Von Torben Müller

Kinder von Abhängigen haben ein sechsfach erhöhtes Risoko, später selbst süchtig zu werden© Modelle: Kascha Beyer

Sie nennt sich Cherry-Mausi, ist 15 und hat die Nase voll: "Meine Eltern trinken", schreibt sie in einem Eintrag auf Kidkit, einer Internetseite für Kinder drogenabhängiger Eltern. "Die älteren Schwestern sind lange ausgezogen, und mein Bruder hat sich um mich gekümmert: Essen gemacht, Wäsche gewaschen, mir in der Schule geholfen. Aber jetzt konnte ich einfach nicht mehr, da mein Vater mich ein paarmal geschlagen hat. Nun wohne ich bei meiner Schwester und schlafe auf dem Sofa."

Sabis Mutter trank 14 Jahre heimlich, "aber seit einem Jahr ist sie täglich betrunken. Ich traue mich gar nicht mehr, Freunde mit nach Hause zu nehmen, da es mir so peinlich ist. Kaum einer meiner Freunde darf noch zu mir, da ihre Eltern es ihnen verboten haben. Wir sind schon das Gespräch der ganzen Straße".

So wie Sabi und Cherry-Mausi geht es vielen in Deutschland: Nach Angaben des Kölner Suchtforschers Michael Klein von der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen leben 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Alkoholikerhaushalten.

Kinder in Suchtfamilien wurde lange übersehen

Bei weiteren rund 40 000 konsumiert mindestens ein Elternteil illegale Drogen. "Lange Zeit ist das Problem der Kinder aus Suchtfamilien übersehen worden", sagt Klein, Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychologie. Die Hilfsprogramme zielten auf die Süchtigen und eventuell noch auf deren Partner. An die Kinder dachte meist keiner. Die mussten sich selbst helfen.

Mal mit Fürsorge überschüttet, mal allein gelassen

Dabei leiden sie besonders, wenn Vater, Mutter oder sogar beide ihren Konsum nicht mehr unter Kontrolle halten können. Das Leben der Jungen und Mädchen ist meist von Unsicherheit, Enttäuschung und häufig auch von Gewalt in der Familie geprägt. Die Stimmung zu Hause ist angespannt. Die Abhängigen denken vor allem an den Nachschub, ihre Partner kümmern sich aus Sorge oft besonders um sie. Die Kinder geraten dabei in den Hintergrund, kämpfen vergebens um dauerhafte Aufmerksamkeit und Zuwendung. Meist erleben sie ein Wechselbad der Gefühle: Mal werden sie von den Süchtigen mit Fürsorge überschüttet, dann wieder allein gelassen.

Helden, Clowns und Sündenböcke

Auf die schwierige Situation in der Familie reagieren Kinder ganz unterschiedlich. Die US-amerikanischen Therapeutinnen Sharon Wegscheider Cruse und Claudia Black haben vier typische Rollenmuster bei Mädchen und Jungen in Alkoholikerhaushalten beschrieben:

> Da ist der Held, der versucht, die Familie mit herausragenden Leistungen zu retten und so die Liebe seiner Eltern zu gewinnen. Er glänzt mit besten Schulnoten, kümmert sich – wie Sabis Bruder – um seine Geschwister und übernimmt Verantwortung. Weil er jedoch an seinen Ansprüchen scheitern muss, fühlt er sich unzulänglich und schuldig.

> Sein Gegenstück, der Sündenbock, lässt kaum eine Gelegenheit aus, Streit und Unruhe zu stiften. Als Problemkind terrorisiert er seine Mitschüler, schwänzt die Schule oder klaut im Supermarkt. So hofft er, negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und von den Suchtproblemen der Familie ablenken zu können.

> Der Clown überspielt die Spannungen in der Familie mit Charme und Witz. Er quasselt ständig, spielt Streiche und schneidet Grimassen, nur um seine Mitmenschen zum Lachen zu bringen. Doch die gute Laune ist nur Fassade: Im Inneren verstecken diese Kinder ihre Traurigkeit und Angst. Schnell gehen sie mit ihren Albernheiten den Menschen in ihrer Umgebung auf die Nerven.

> Das stille Kind zieht sich aus dem Brennpunkt des Geschehens. Im Unterricht schweigt es, zu Hause hockt es meist in seinem Zimmer. Auf diese Weise entkommt es Konflikten und hat seine Ruhe. Oft leiden diese Einzelgänger unter Übergewicht, weil sie sich mit Essen belohnen, und isolieren sich noch mehr.

Michael Klein hat mit seinen Forschungskollegen noch einen weiteren Rollentyp entdeckt: das kranke Kind. "Diese Menschen entwickeln häufig Leiden wie Kopfschmerzen oder Allergien und erhalten so Zuwendung", sagt er.

Kinder von Süchtigen sind auf ihre Rolle fixiert

In der Praxis erscheinen diese Typen selten in Reinform. Klein: "Oft sehen wir Mischungen aus Helden und stillen Kindern oder Sündenböcken und Clowns." Dass Kinder solche Rollenmuster annehmen, sei nichts Ungewöhnliches. "Das machen Jungen und Mädchen aus Familien ohne Suchtproblem ebenso." Doch im Normalfall könne ein Kind zwischen Rollen pendeln und zum Beispiel den Helden und dann wieder den Rebellen spielen. "Kinder von Süchtigen sind dagegen auf ihre Rolle fixiert und können sich selten auch einmal fallen lassen. Das ist der Grund, weshalb sie später häufiger psychisch erkranken."

Hilfe für Kinder Auf den folgenden Internetseiten finden Interessierte Informationen zum Thema:

www.kidkit.de
Online-Beratungsangebot für Kinder

www.prolisucht
Umfassende Adressensammlung der regionalen Hilfsangebote für Kinder

www.nacoa.de
Adressen und Informationen für Betroffene, Eltern und Lehrer

www.alateen.de
Verzeichnis von Selbsthilfegruppen für Kinder aus alkoholkranken Familien

  zurück
1 2
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Redaktion (10.11.2008, 13:48 Uhr)
@apfelschorlo
Liebe/r apfelschorlo,
vielen Dank für Ihren Beitrag.
Gern erläutern wir Ihnen die von Ihnen kritisierte Zahl näher. Zunächst einmal handelt es sich um ein Zitat: Michael Klein, Suchtforscher von der Katholischen Fachhochschule NRW, nennt seine Einschätzung der Situatuion. Diese Angabe ist von unserer Dokumentation gegengeprüft und als in Ordnung betrachtet worden.
Da zudem nach unseren Recherchen in Deutschland 10 Millionen Menschen so viel trinken, dass sie ihre Gesundheit gefährden, 1,6 Millionen gelten als dringend behandlungsbedürftig, scheint es uns nicht unplausibel, dass davon Millionen Kinder betroffen sind.
Wir hoffen, Ihnen weitergeholfen zu haben.
Herzliche Grüße,
Ihre stern-Redaktion
apfelschorlo (10.11.2008, 11:01 Uhr)
Fehlerhafte Daten?
Hallo,
ich habe vom Statistischen Bundesamt die Zahl der in Deutschland lebenden Kindern angefordert.
Die Anzahl der in Deutschland lebenden Kindern (unter 18) beläuft sich auf: 13,97 Millionen Individuen.
Die hier genannte Zahl der Kinder in Alkoholikerhaushalten liegt bei 2,65 Millionen, das sind knapp 19%.
Soll das heißen dass jeses fünfte Kind in Deutschland in einem Alkoholikerhaushalt lebt?
Der Artikel ist fehlerhaft, bitte nehmen Sie ihn aus dem Netz bis er korrigiert ist.
Grüße
MEHR ZUM ARTIKEL
Kinder von Alkoholikern Wenn Mami zu viel trinkt

Alkoholabhängigkeit belastet nicht nur den Süchtigen selbst - ganze Familien leiden, wenn Vater oder Mutter trinken. Im stern.de-Interview erklärt Psychologie-Professor Michael Klein, welche traumatisierenden Erfahrungen Kinder von Alkoholikern machen. Und wie ihnen besser geholfen werden könnte. mehr...

Alkoholabhängigkeit Einmal Abgrund und zurück

Rund 1,6 Millionen Deutsche sind laut Schätzungen abhängige Trinker. Mit ihnen leiden ihre Partner und Kinder. Doch zur Selbstaufgabe besteht kein Grund: Denn die Chancen auf Heilung sind besser, als viele glauben. mehr...

Suchtstoffe Das ABC der Rauschmittel

Die hierzulande wichtigsten Drogen im Steckbrief: woraus sie bestehen, wie sie wirken und welche Gefahren von ihnen ausgehen. mehr...