Lesen Sie, wem die Chirurgie beim Abnehmen helfen kann. Wie die verschiedenen Methoden funktionieren und warum jeder Eingriff eine Ernährungsumstellung erfordert. Von Kirsten Milhahn

Studien zeigen, dass die Eingriffe das Risiko, an einer Folgeerkrankung des Übergewichts zu sterben, senken© Illustration: Martin Freiling
Für die meisten seiner Patienten sei das Leben nur noch eine Qual, wenn er sie kennenlernt, sagt Michael Korenkov. Seit einer Ewigkeit schon könnten sie sich die Schuhe nicht mehr selbst zubinden. Sie seien kaum noch imstande, die Wohnung zu verlassen, weil sie keine Treppen mehr steigen können oder weil sie vermeiden wollen, dass sie auf der Straße von Passanten angestarrt werden. Ihr extremes Übergewicht habe sie in die Isolation getrieben und lebensbedrohliche Ausmaße angenommen.
Erst wenn sie keinen anderen Weg mehr sehen, kommen sie in die Klinik und Poliklinik für Abdominalchirurgie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, in der Korenkov Oberarzt ist. Und nutzen das letzte Mittel gegen ihr zentnerschweres Problem: einen chirurgischen Eingriff an Magen oder Darm. Mit anderen Methoden ist ihren krankhaften Leibesumfängen in diesem Stadium kaum noch beizukommen. Jenseits eines Body-Mass-Indexes von 40 nützen Medikamente, Diäten oder Sport oft nur noch wenig. Im Gegenteil belasten sie den Patienten häufig psychisch, weil er sich nach jeder beendeten Therapie sein Ausgangsgewicht rasch wieder anfuttert. Denn sein Magen ist trotz eines verringerten Energiebedarfs nach wie vor drei- bis viermal so groß wie der eines Normalgewichtigen und das Sättigungsgefühl setzt erst viel später ein.
Seit Jahren steigt die Zahl dieser Superdicken rapide. Deutschland zählt neben den USA und Kuwait zu den Spitzenreitern in punkto Fettleibigkeit. Viele der Schwerstgewichtigen leiden infolge ihrer Fülle an Depressionen, Diabetes, Bluthochdruck, Schlafapnoe und Gelenkverschleiß.
"Die Adipositas-Chirurgie setzt heute auf zwei Prinzipien", sagt Korenkov. "Wer einen kleineren Magen hat, isst weniger. Und wem im oberen Darmtrakt ein Stück fehlt, nimmt nicht so viele Kalorien und Nährstoffe auf, da Fläche fehlt, um sie zu resorbieren."
Studien zeigen, dass die Eingriffe das Risiko, an einer Folgeerkrankung des Übergewichts zu sterben, senken. Jedes abgespeckte Kilo steigert die Lebenserwartung um drei bis vier Monate. Dennoch rät die Deutsche Adipositas-Gesellschaft zur Vorsicht. Einige Verfahren seien mit erheblichen Risiken verbunden. Derartige Operationen sollten grundsätzlich als letzte Möglichkeit bei stark Übergewichtigen und nur bei Erwachsenen vorgenommen werden. "Ob Magenband oder Bypass - bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ist davon eher abzuraten", sagt auch Korenkov. "Bei ihnen sind prophylaktische Maßnahmen wie das Umstellen der Ernährung oder Sport viel wirkungsvoller, denn der Körper entwickelt sich noch."
Übernommen aus ...
GesundLeben
Ausgabe 2/2008