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8. März 2008, 16:09 Uhr

"Wir müssen über Fehler reden!"

Auch Ärzte irren - nur spricht kaum einer von ihnen darüber. Einige Doktoren und Krankenschwestern haben nun dieses Tabu gebrochen und erzählen in einer Broschüre von ihren Fehlgriffen - und was man aus ihnen lernen kann. Einer der Mutigen ist der Chirurg Matthias Rothmund.

Fehler abtrainieren: Ein Assistenzarzt übt unter der Aufsicht von Rothmund am Simulator die Operation einer Gallenblase. Erst wenn er das beherrscht, darf er an Menschen heran© Dorothe van Boemmel

Herr Rothmund, Sie haben vor zwölf Jahren bei einer Darmoperation eine Klemme im Bauch eines Krebspatienten vergessen. Wie kam es dazu?

Es ist mir bis heute nicht ganz klar, wie das geschehen konnte. Ich operierte gemeinsam mit einem Assistenten, mit dem ich noch nicht so oft zusammengearbeitet hatte. Ein paarmal schon hatte ich ihn korrigieren müssen. Als er dann eine Klemme an einer Stelle anbrachte, an der ich es üblicherweise vermied, schwieg ich, um ihn nicht nochmals zu kritisieren. Es war wohl dieses Instrument, das drinblieb. Sicher ist, dass mich als leitender Chirurg die Schuld traf.

Sie haben sich jetzt entschlossen, in der Broschüre des Aktionsbündnisses Patientensicherheit öffentlich über Ihren Fehler zu berichten. Ist Ihnen das schwergefallen?

Ich musste mich schon überwinden. Aber ich glaube, dass gerade Leute wie ich über ihre eigenen Fehler sprechen sollten - Menschen, die lange im Beruf stehen, die eine gewisse Position erreicht haben. Nur dann werden sich auch jüngere Kollegen trauen, darüber zu sprechen, was bei ihnen falsch gelaufen ist.

Wie haben Sie damals reagiert?

Ich war unterwegs, als die Klemme ein paar Tage nach der OP zufällig im Bauch des Patienten entdeckt wurde. Sie fiel den Kollegen auf, als ein Röntgenbild der Lunge gemacht wurde. Mein Stellvertreter rief mich an und erzählte mir davon. Zunächst habe ich mich wahnsinnig geärgert und gedacht: "Verdammt, wie kann mir so etwas passieren!" Dann sagte ich meinem Kollegen: "Ihr müsst es sofort dem Patienten sagen, und ihr müsst die Klemme wieder herausholen." Noch am selben Tag wurde die Wunde wieder eröffnet und das Gerät entfernt.

Haben auch andere Kollegen in der Klinik davon erfahren?

Wir haben nichts unter den Teppich gekehrt. Seit 21 Jahren gibt es an meiner Klinik regelmäßige Treffen, in denen jeder Patient besprochen wird, der in unserer Klinik eine größere Komplikation hatte oder gestorben ist. Wir besprechen gemeinsam, wie es dazu gekommen ist, und prüfen, ob möglicherweise etwas schiefgelaufen ist. Es steckt ja nicht hinter jedem Todesfall ein Fehler. Bei diesem Treffen wurde auch mein Erlebnis vorgestellt. Alle meine Kollegen wussten also davon.

So etwas funktioniert aber nur, wenn in der Klinik ein gutes Klima herrscht.

Es darf keine Schuldzuweisungen geben, auch keine Rachefeldzüge gegen Kollegen. Es muss offen über Fehler geredet werden und auch ganz klar gesagt werden, wenn etwas nicht in Ordnung war. Aber es darf niemand unmöglich gemacht werden. Der Kollege soll ja auch am nächsten Tag wieder gern in die Klinik kommen.

"Ein Arzt macht keine Fehler", heißt es aber oft, gerade unter Medizinern.

Das mag es gegeben haben, als wir noch als Halbgötter in Weiß galten. Vielleicht dachten manche Kollegen damals tatsächlich, dass sie unfehlbar seien und sein müssten. Wer sich heute so aufführt, macht sich lächerlich.

Dennoch fürchten viele Mediziner um ihre Karriere, wenn sie einen Fehler zugeben.

Ich denke, meist zu Unrecht. Wenn sie den richtigen Chef haben, nützt ihnen der ehrliche Umgang mit Fehlern sogar. Denn sie gewinnen das Vertrauen ihres Vorgesetzten. Er kann sicher sein, dass sie nichts vor ihm vertuschen. Als ich noch Assistenzarzt war, hat zum Beispiel ein Kollege bei einer Operation der Gallenblase versehentlich den Gallengang durchtrennt. Er unterbrach die Operation, ging zu unserem Chef und erzählte ihm, was passiert war. Gemeinsam brachten sie die Sache wieder in Ordnung - und mein Kollege wurde für seine Ehrlichkeit gelobt.

Darauf können sich Mediziner aber nicht verlassen. Erst einmal schwächt ein Arzt damit seine eigene Position.

Natürlich gibt es noch Chefärzte, die lospoltern, wenn jemand über einen Fehler berichtet: "Wir müssen uns mehr anstrengen!", heißt es dann. Tatsächlich stehen wir erst am Anfang einer neuen Bewegung, die zu weniger Fehlleistungen in der Medizin führen soll.

Als Sie mit dem Thema vor drei Jahren erstmals an die Öffentlichkeit gingen, haben Sie viel Prügel einstecken müssen.

Ich war damals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und musste den alljährlichen Kongress ausrichten. Ich beschloss, das Thema Patientensicherheit zum Kongressthema zu machen und stellte Hochrechnungen aus den USA vor. Die besagen, dass dort jedes Jahr zwischen 44.000 und 98.000 Patienten an den Folgen von Therapiefehlern in Krankenhäusern sterben. Das sind weit mehr Tote als durch Aids oder Autounfälle! Bei Aids gibt es eine Riesenkampagne, bei diesem Thema nicht.

Wie haben die Kollegen reagiert?

Die Zahlen sind wie eine Bombe hochgegangen. Ich bin heftig kritisiert worden - von der Presse wie von meinen Kollegen. Die Chirurgen haben nicht verstanden, warum ich mich zu diesem Schritt entschlossen hatte. Und die Zeitungen berichteten vom "Ärztepfusch".

Die Angst ist nun einmal groß, dass manche Ärzte schlampig arbeiten.

Natürlich hätten wir alle gern einen unfehlbaren Superarzt. Ein Arzt ist jedoch immer ein Mensch. Leider gilt aber ein Arzt, der einen Fehler macht, noch immer als schlechter Arzt. Es wird nicht akzeptiert, dass auch einem guten Arzt mal ein Fehler unterlaufen kann.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 10/2008

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
MDry (09.03.2008, 10:57 Uhr)
Nicht nur die Mediziner
Das betrifft nicht nur die Ärzte. Es ist ein allgemeiner Merkmal der insbesondere deutschen Leistungsgesellschaft. Dabei vergisst man die alte Maxime: „Nur der, der nichts tut mach auch keine Fehler“. Aufklärung wird als was peinliches empfunden, was es zu vermeiden gilt und nicht als Chance auf Verbesserung der eigenen (persönlich oder auch des Teams) Leistungen angesehen. Erst wenn die Missstände nicht mehr zu leugnen sind wird ein Sündenbock gesucht und man füllt sich wieder wohl.
Wie lange kann so was gut gehen?
stwberlin (08.03.2008, 22:30 Uhr)
Weitermachen
Es ist gut und richtig, dass die Presse die Arbeit dieses Arztes unterstützt. Er hat Recht, wenn er sagt, dass man aus den Fehlern nur lernen kann.
Wichtig auch sein Hinweis, dass der Patient aufmerksam sein sollte.
Kein Arzt wird je perfekt sein. Aber sie müssen alles Mögliche zur Qualitätssicherung tun. Und : sie brauchen auch unser Vertrauen dazu. Auch das hat dieses Interview gezeigt.
Journalisten - fragt mal genauso offen die, die nicht denken wie er !
"Warum" ?
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