Jedes zehnte Kind in Deutschland hat Asthma. Viele von ihnen werden nicht optimal behandelt - weil Ärzte das Leiden zu spät diagnostizieren oder Eltern zu ängstlich sind. Von Janina Behrens

Marcel Kobalt und seine Mutter Sabine. Inzwischen hat die Familie das Asthma des Jungen im Griff - aber bis zum richtigen Befund hat es lange gedauert© Monika Höfler
Es ist einer der ersten warmen Frühlingstage. Die E-Jugend des SC München kickt in der Nachmittagssonne gegen den TSV Grünwald. Ein schnelles Spiel, es laufen die letzten Minuten. SC-Rechtsaußen Marcel dribbelt den Ball am Gegner vorbei, flankt zum Stürmer - Tor! Die Jungs jubeln, vor allem Marcel. "Ich kann's wieder", sagt er strahlend, "das ist super!"
Bis vor Kurzem blieb dem Neunjährigen spätestens nach der ersten Halbzeit die Luft weg. Keuchend und nass geschwitzt musste er den Platz verlassen. Lange wusste niemand, warum. Erst vor einigen Wochen kam ans Licht: Marcel hat Asthma. Endlich bekam er die nötigen Medikamente.
Dass Ärzte die Atemwegserkrankung bei Kindern nicht richtig behandeln, ist keine Seltenheit, wie eine Studie der DAK jetzt zeigt. Zusammen mit dem unabhängigen Berliner Forschungsinstitut Iges befragte die Krankenkasse 1367 Eltern von Kindern mit Asthma. Über die Hälfte von ihnen saß bei mehr als einem Arzt, fast jede fünfte Familie klapperte sogar drei oder mehr Praxen ab, bis sie mit der richtigen Therapie beginnen konnte.
Rund ein Viertel der befragten Eltern berichtete, dass die Krankheit sogar noch unerkannt blieb, als ihr Kind bereits mit Atemwegsbeschwerden im Krankenhaus behandelt wurde. Und das, obwohl Asthma im Kindesalter die häufigste chronische Erkrankung ist: Jedes zehnte Kind in Deutschland ist betroffen - in jeder Schulklasse gibt es etwa zwei Asthmatiker.
"Die Ergebnisse der Studie sind erschreckend", sagt Professor Ulrich Wahn, Leiter der Berliner Charité-Kinderklinik mit Schwerpunkt Lungenheilkunde und Immunologie. Auch bei ihm werden die kleinen Patienten eingeliefert - oft mit schweren, manchmal lebensbedrohlichen Anfällen. "Dabei sollte ich gar keine Asthma- Patienten haben: Ein gut therapiertes Kind sieht die Klinik nicht von innen."
Auch Marcel legte einen langen Weg zur richtigen Behandlung zurück. "Jedes Jahr kämpften wir mit schweren Infekten, sogar Lungenentzündungen - mit Luftnot, Pfeifen in der Brust und bellendem Husten", sagt seine Mutter Sabine Kobalt. Der Kinderarzt verschrieb meist Antibiotika. Erst ein Spezialist für Lungenheilkunde und Allergien diagnostizierte Asthma.
Doch für den Verlauf der Krankheit ist gerade die frühe Diagnose wichtig. "Entscheidend ist der frühe Therapiebeginn - am besten vor dem fünften Lebensjahr. Da werden die Weichen gestellt", sagt Wahn. Denn richtig behandelt, kann Asthma auch wieder verschwinden. Bei jedem zweiten Patienten wird die Atemnot in der Pubertät zur Kindheitserinnerung.
Die Behandlung besteht in der Regel aus einer Kombination verschiedener Wirkstoffe. Denn das Leiden, bei dem es durch ein überreagierendes Immunsystem zur Entzündung und krampfartigen Verengung des Lungengewebes kommt, lässt sich am besten auf zwei Ebenen bekämpfen: mit der Reaktion auf akute Anfälle und der ständigen Kontrolle der Entzündungsprozesse.
Immer in der Tasche haben die Kinder ein Notfallspray (Reliever). Dieses sogenannte kurz wirksame Betamimetikum entspannt in Sekundenschnelle die kleinen Muskeln der Bronchien, sodass die Luft wieder strömen kann. Damit es möglichst gar nicht erst zum Anfall kommt, verschreibt der Arzt meist auch Entzündungsunterdrücker (Controller) - fast immer sind das Sprays, deren Wirkstoffe dem körpereigenen Entzündungshemmer Cortison ähnlich sind: die Corticosteroide, umgangssprachlich ebenfalls Cortison genannt.
Die DAK-Studie zeigt aber: Vielen Eltern machen diese Sprays Angst. Bei fast jedem fünften Kind reduzieren sie die Medikamente aus Furcht vor Nebenwirkungen so weit wie möglich - und in mehr als 15 Prozent der Fälle lassen Mama und Papa den Entzündungshemmer ganz weg, wenn ihr Spross sich gerade gut fühlt.
Tatsächlich kann Cortison in hohen Mengen zum Beispiel das Immunsystem schwächen. Doch Asthmaspezialisten verordnen das Mittel ohnehin nur in kleinen Mengen - es gilt: "So viel wie nötig, so wenig wie möglich."
Eltern, die das Cortison weglassen, riskieren das genaue Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen: Sie erhöhen so das Risiko von Medikamentennebenwirkungen. Denn wenn die Kinder zu wenig entzündungshemmendes Cortison inhalieren, brauchen sie oft mehr bronchienerweiternde Sprays. "Und deren Nebenwirkungsrisiko kann in zu großen Mengen höher sein als das von Cortison", sagt Kinderarzt Wahn. Sowohl die kurz wirksamen Notfallmittel als auch die in besonders schweren Fällen nötigen lange wirksamen Betamimetika erhöhen nämlich - zu oft verwendet - die Gefahr lebensgefährlicher Luftnot. Das zeigen zumindest Studien an erwachsenen Asthmatikern.
"Jeder gute Arzt versucht, so wenig Medikamente wie möglich zu verschreiben - aber eben dazu braucht man Cortison", sagt Charité- Experte Wahn. "In der richtigen Dosis übersteigt der Nutzen der Asthmamedikamente ohne jeden Zweifel das Risiko."
Mitarbeit: Katharina Kluin
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Ausgabe 19/2009
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