. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
17. April 2008, 21:41 Uhr
Schriftgröße: A A A

Wenn dem Kind die Luft wegbleibt

Sport kann einen Asthmaanfall auslösen, langfristig aber auch die Krankheit lindern. Asthmakinder sollten daher am Schulsport teilnehmen, raten Mediziner. Das Problem dabei: Die meisten Lehrer haben keine Ahnung, wie sie bei akuter Atemnot helfen können. Von Martina Janning

Sport kann asthmakranken Kindern helfen© Picture-Alliance/DPA

Sportunterricht in einer Grundschule: Plötzlich muss Tom husten und kann gar nicht wieder aufhören. Er japst und sein Kopf läuft rot an. Tom kann kaum atmen und gerät mehr und mehr in Panik. Genau wie seine Lehrerin. Sie weiß nicht, wie sie dem Jungen helfen soll, den Asthmaanfall zu überstehen. Ein Defizit, das sie mit vielen Kollegen teilt, wie eine Studie der Universität Kiel zeigt. Die Wissenschaftler befragten in Schleswig-Holstein 120 Grundschullehrer, die Sport unterrichten. Das Ergebnis ist schockierend: Nur fünf Lehrkräfte konnten die Schritte des Notfallplans bei einem Asthmaanfall vollständig benennen, und lediglich ein Lehrer besaß umfangreiches Wissen zum Thema Asthma und Sport. 115 der 120 Pädagogen hatten keine Ahnung, wie sie mit Asthmakindern umgehen müssen. Dabei wussten 71 Prozent von ein bis zwei betroffenen Jungen und Mädchen in ihrem Unterricht. Hinzu kommen die Inkognito-Asthmatiker: In Deutschland ist etwa jedes achte Kind unter zehn Jahren und jedes zehnte Kind unter 15 Jahren asthmakrank. Damit ist Asthma bronchiale die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter.

Vermeidbare Fehler

Doch nicht genug damit, dass Lehrer nicht wissen, wie sie bei akuter Atemnot Hilfe leisten können, viele verhalten sich außerdem im Sportunterricht falsch und können damit sogar einen Asthmaanfall provozieren. Die Kinder zu Beginn einer Sportstunde einige Runden laufen zu lassen, ist weit verbreitet. Und grundfalsch, sagt Andreas Märzhäuser, einer der Studienautoren: "Wenn ein Asthmakind seine Leistung von Null auf Hundert steigern soll, werden seine Atmungsorgane zu stark belastet." Die Muskeln der Bronchien verkrampfen, die Schleimhäute schwellen an und bilden vermehrt zähen Schleim. Dadurch verengen die Bronchien, der Asthmatiker kann noch einatmen, aber das Ausatmen fällt ihm schwer - der Notfall ist da.

Welche Sportarten sind geeignet?

Um keinen Anfall zu riskieren, schließen manche Lehrer Asthmakinder vom Schulsport aus. Auch falsch, urteilt Märzhäuser. Die meisten Experten betonen heute, dass Asthmakranke von Sport profitieren können. Er kräftigt die Atemmuskeln, erhöht das Volumen der Lungen und fördert die Ausdauer - vorausgesetzt der Asthmakranke trainiert richtig. Um zu starke Anstrengung zu vermeiden, rät Diplom-Sportlehrer Märzhäuser zu intervallartiger Belastung: "Ungeübte Asthmakinder sollten zunächst im Wechsel etwa 20 Sekunden laufen und dann rund 120 Sekunden gehen." So können sie ganz langsam Kondition aufbauen. Grundsätzlich empfehlen Mediziner Asthmapatienten Ausdauersport mit sanften Bewegungen. Hierzu zählt der Bundesverband der Pneumologen Schwimmen, Joggen, Radfahren und Walking. Auch Tai Chi und Yoga könnten sich positiv auf die Atmung auswirken, sagen die Lungenfachärzte.

Außerdem: Bewegung fördert die körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes. Zudem macht es kleine Patienten selbstbewusst, wenn sie ihre Krankheit durch Sport besser beherrschen können. Das Asthma sollte jedoch so behandelt sein, dass dem Kind "spontanes bewegungsreiches Spielen und Sporttreiben möglich ist", betonen die Experten vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Dazu gehört, dass ein Asthmakind seine Medikamente wie verordnet einnimmt und stets ein Notfallspray dabei hat.

Umweltbelastungen berücksichtigen

Sportlehrer sollten jedoch nicht nur darauf achten, dass Asthmakinder sich nicht überanstrengen. Sie müssten auch auf Umweltbelastungen Rücksicht nehmen, sagt Märzhäuser. Starken Pollenflug, hohe Ozonwerte oder Kälte können die empfindlichen Atemwege von Asthmakranken nämlich reizen und einen Anfall auslösen. Bei widrigen Bedingungen muss Sport im Freien also ausfallen.

Einen wichtigen Ansatzpunkt sehen die Kieler Wissenschaftler in der Ausbildung von Lehrern: Nur 2,5 Prozent der Befragten hatten in Studium und Referendariat mit Asthma zu tun. Die meisten Lehrkräfte eigneten sich ihr vorhandenes Wissen selbst an. "Es besteht ein dringender Schulungsbedarf", diagnostizieren Märzhäuser und seine beiden Kollegen in der Fachzeitschrift Pneumologie, die die Studie veröffentlicht hat.

Aber auch die Eltern sind gefragt. Sie müssen Lehrer über die Erkrankung und den Umgang mit ihrem Asthmakind informieren. Allen hilft es außerdem, wenn das Kind so früh wie möglich eine Asthmaschulung mitmacht. Dort lernt es, worin seine Krankheit besteht, wie es Auslöser vermeidet und was es bei einem Anfall tun muss.

Was tun im Notfall? Droht ein asthmatischer Anfall, sollte das Kind eine Körperstellung einnehmen, die ihm das Atmen erleichtert, und die sogenannte Lippenbremse anwenden. Das ist eine Atemtechnik, bei der der Betroffene ruhig durch die Nase einatmet und langsam durch die zusammengepressten Lippen ausatmet. Dieses langsame und betonte Ausatmen verhindert, dass die Atemwege beim Ausatmen zusammenfallen. Dann sollte das Kind ein Betasympathikomimetikum mittels Dosieraerosols inhalieren. Tritt nach zehn Minuten keine Besserung ein, sollte der Patient erneut inhalieren. Bessert sich der Zustand danach immer noch nicht, muss die Lehrkraft einen Arzt benachrichtigen. Weitere Informationen zu Asthma unter www.patientenleitlinien.de/Asthma/asthma.html oder www.asthma.versorgungsleitlinien.de .

Von Martina Janning
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Sukadev (18.04.2008, 13:36 Uhr)
Yoga hilft Kindern, die Asthma haben
Wir haben hier im Haus Yoga Vidya regelmäßig Seminare "Yoga für Kinder". Erschreckend viele Kinder leiden unter Asthma. Sehr viele Kinder spüren Linderung, wenn sie ein Mal pro Woche an einem Kinderyoga Kurs teilnehmen. Kann ich also nur empfehlen. Inzwischen gibt es in den meisten deutschen Städten Kinderyoga Lehrer.
Rostlaube (18.04.2008, 09:14 Uhr)
Lehrer und Asthma
Die Kieler Studie überrascht mich nicht.
Sportunterricht einer 4. Klasse in Schleswig-Holstein Randgebiet von Hamburg (Kr. Pinneberg) im Hochsommer. Das Radio meldet schon seit Stunden: Extrem hohe Ozonbelastung, körperliche Anstrengungen sollten vermieden werden. Und was macht die Sportlehrerin meiner Tochter: Es ist 12.30 Uhr und es steht Sport auf dem Programm. Draußen in sengender Sonne müssen die Schüler/innen um den schattenlosen Sportplatz rennen. Trinken dürfen sie nicht!! Kinder, die versuchen sich unter dem einige Meter entfernten Baum in den Schatten zu stellen, werden böse angefahren und ausgeschimpft.
Meine Tochter brach mit einem Asthma-Anfall zusammen, konnte eine Woche nicht mehr zur Schule gehen, mehrere weitere Kinder erlitten schwere Sonnenbrände, eines einen Sonnenstich.
Die Lehrerin hat ihr Fehlverhalten nicht eingesehen und hat so weitergemacht. Auch in der Schule gab es keine Konsequenzen.
Ich habe meiner Tochter als Konsquenz daraus verboten am Sportunterricht teilzunehmen.
salz63 (17.04.2008, 23:16 Uhr)
Lehrer und Erste Hilfe
Nach ettlichen Jahren Rettungsdiensterfahrung kann ich nur sagen: Die wenigsten Lehrer haben einen blassen Schimmer von erster Hilfe, was aber noch empöhrender ist:
In vielen Schulen wird dann einfach ein Schulsanitätsdienst gebildet und die Verantwortung wird auf Minderjährige abgewälzt, die dann ihre Mitschüler versorgen dürfen. Das nennt sich dann soziales Engagement...
MEHR ZUM ARTIKEL
Asthma bei Kindern Was tun, wenn kein Atemzug selbstverständlich ist?

In der Medizin gibt es eine alte Regel, die beinahe immer stimmt: "Alles, was pfeift, ist Asthma." Das heißt, dass ein Arzt einen Patienten mit Asthma schon allein daran erkennen kann, dass beim Ausatmen ein pfeifendes Geräusch in der Lunge und den Atemwegen zu hören ist. mehr...

Allergisches Asthma Wenn Allergene den Atem nehmen

Was sind die ersten Anzeichen von allergischem Asthma? Welche Berufsgruppe ist besonders gefährdet? Und was tut man bei einem allergischen Anfall? Testen Sie Ihr Wissen im stern.de-Quiz. mehr...

 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...