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30. Juni 2009, 16:10 Uhr

Kinder erhalten zu schnell Medikamente

Kinder und Jugendliche erhalten in Deutschland zu schnell und zu viele Medikamente. Bei Älteren birgt der Medikamentenmix Gefahren, wie ein aktuelles Gutachten des Sachverständigenrates deutlich macht. Darin werden die Defizite im Gesundheitswesen analysiert.

Sachverständigenrat, Gesundheitssystem, Medikamente, Defizite im Gesundheitswesen

Kinder und Ältere erhalten in Deutschland oft unnötig oder riskant viele Medikamente, bemängelt der Sachverständigenrat© Colourbox

Kinder schlucken zu häufig Psycho-Stimulanzien und alte Menschen leiden unter Nebenwirkungen ihres Medikamentenmixes, das stellt der siebenköpfige Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen jetzt in seinem Gutachten 2009 fest. Erstellt wurde der 900 Seiten starke Bericht im Auftrag von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Alle zwei Jahre liefert der Sachverständigenrat ein Gutachten, in dem die Schwachstellen im Gesundheitssystem und die Möglichkeiten der Weiterentwicklung aufgezeigt werden. In diesem Jahr ist die generationenspezifische Versorgung das Hauptthema.

In ihrem Gutachten bemängeln die Sachverständigen, dass Kinder und Ältere oft unnötig oder riskant viele Medikamente erhalten. Bei den über 65-Jährigen bekämen 35 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen neun oder mehr Wirkstoffe in Dauertherapie. Nebenwirkungen seien ein Kernproblem. Zwei von drei über 65-Jährigen hätten mindestens zwei chronische Krankheiten. "Trotz der steigenden Bedeutung der Mehrfacherkrankungen (...) gibt es nur sehr wenige Leitlinien, die sich auf ältere Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen beziehen", bemängeln die Forscher. Sie fordern die Einführung von Listen mit problematischen Mitteln.

Drohender Ärzte- und Pflegermangel

Auch bei der Versorgung von Kindern sehen die Forscher trotz insgesamt positiver Ergebnisse Verbesserungsbedarf. So bekämen Kinder unbegründet oft Psycho-Stimulanzien. Wichtiger wären breiter angelegte Hilfen, zum Beispiel Verhaltenstherapie, finden die Experten. Derzeit haben bereits acht Prozent der Kinder das sogenannte "Zappelphilipp"-Syndrom. Spezielle Sprechstunden für Heranwachsende sollten erprobt werden. Außerdem erhalten Kinder Antibiotika bei Infektionen mit Viren, obwohl diese nur bei bakteriellen Infektionen helfen.

Der drohende Ärzte- und Pflegermangel macht aus Expertensicht eine völlige Neuordnung des Gesundheitswesens nötig. "Die Gefahr besteht, dass die flächendeckende primärärztliche Versorgung auf Dauer nicht mehr gewährleistet werden kann", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Eberhard Wille. "Wir stellen mit Sorgen fest, dass es zu wenig Hausärzte gibt", meinte auch Ratsmitglied Ferdinand M. Gerlach. Deshalb fordern die Sachverständigen zusätzliche Anreize. Unter anderem sollten die Honorare der Hausärzte im Vergleich zu anderen Medizinern aufgebessert werden.

"Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen steigt", sagte Wille angesichts der immer zahlreicheren Älteren in Deutschland. Die Zahl der Pflegebedürftigen nehme von 2,1 Millionen auf 3,5 bis rund 4,4 Millionen im Jahr 2050 zu. "Der Anteil der Menschen, die für die Versorgung zur Verfügung stehen, schrumpft", warnte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zugleich. Schon heute gibt es laut Gutachter vor allem in Ostdeutschland und manchen Großstadtvierteln zu wenig Ärzte. Nötig sei künftig auch mehr und besser auf die Bedürfnisse abgestimmte Pflege, sagte die Sachverständige Adelheid Kuhlmey. Koordinationsmängel behindern laut Gutachten bereits heute eine optimale Versorgung.

Wille plädierte für ein "Zukunftskonzept". Ärzte, Kliniken und Apotheker sollten künftig stärker nach Bedarf bezahlt werden und nicht mehr nach einzelnen Diagnosen und Behandlungen. Ärzte verdienten dann nicht mehr an Kranken, sondern an Gesunden, sagte Gerlach. "Wir wünschen, dass die Patienten besser betreut werden, dass mehr Zeit für sie bereitsteht." Schmidt sagte, altes Denken in den Einzelsektoren des Gesundheitswesens könne man sich nicht länger erlauben. "Die Analysen und Empfehlungen des Rates werden uns helfen, das Gesundheitssystem besser auf die Bedürfnisse aller Generationen auszurichten." Die SPD-Politikerin unterstützte die Reformvorschläge. Zugleich bekräftigte sie ihre Forderung nach einer Bürgerversicherung, um das System bezahlbar zu halten. Die Sachverständigen äußerten sich zu der Streitfrage nach der künftigen Finanzierung nicht.

DPA/AFP
 
 
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