Der Doping-Experte Fritz Sörgel zweifelt an den Aussagen von Claudia Pechstein. Die Eisschnellläuferin macht eine genetische Blutkrankheit oder eine Infektion für ihren überhöhten Blutwert verantwortlich. "Nach meiner Erkenntnis gibt es keine genetisch bedingte Erkrankung, die mit den Werten kompatibel wäre", sagte der Nürnberger Professor im stern.de-Interview.

Beim Blutdoping steigen eigentlich auch die Hämoglobinwerte© Colourbox
Bei den Retikulozyten handelt es sich um unreife, junge Blutkörperchen. Diese Vorstufe der Erythrozyten ensteht im Knochenmark. Von dort gelangen sie ins Blut und werden in reife rote Blutkörperchen umgewandelt. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Körper mit Sauerstoff zu versorgen. Ein erhöhter Retikulozytenwert kann Hinweise darauf geben, ob verbotene Substanzen eingesetzt wurden, zum Beispiel Erythropoetin. In Versuchen haben wir gesunden Menschen das sogenannte Epo verabreicht. Bei keinem der Probanden haben wir einen so hohen Anstieg des Retikulozytenwertes gefunden, wie er bei Claudia Pechstein nachgewiesen wurde.
Auch bei gesunden Menschen schwankt der Wert. Er liegt aber etwa zwischen 0,5 und 1,5 Prozent.
Bei Hochleistungssportlern schwankt der Retikulozytenwert auch physiologisch, ohne dass manipuliert wurde. Die Gründe für die Ausreißer nach oben oder unten sind meistens nicht bekannt. Innerhalb dieser Grenzen sind die Veränderungen aber unbedeutend. Wenn sich die Retikulozytenwerte bei Sportlern immer wieder vor Wettbewerben verändern, muss man genau hinsehen. Das hat man im Fall Pechstein auch gemacht.
Nein, bisher nicht. Daher wurden die Sanktionen gegen Frau Pechstein ausgesprochen. Wobei man sagen muss, dass die Sperre sich nicht nur auf die enormen Ausreißer bei den Werten in Hamar bezieht. Im Langzeitblutprofil der Sportlerin sind ihre Retikulozytenwerte ein knappes Dutzend Mal unnatürlich hoch. Auch wir haben jetzt die Blutwerte zur Verfügung gestellt bekommen. Wir können daher mit Untersuchungen beginnen und prüfen, ob das Urteil nachvollziehbar ist. Denn gerade, was den wissenschaftlichen Teil betrifft, ist die Begründung in dem Urteil knapp gefasst.
Im Prinzip ist festgehalten, dass es diese abnorm hohen Werte gegeben hat und diese nur schwer erklärbar sind. Auch eine Reihe an Gründen ist angeführt, warum diese Werte erhöht sein könnten.
Derartig erhöhte Werte stammen entweder von extrem seltenen Krankheiten, Erkrankungen des blutbildenden Systems oder sind durch eine klinische Bluttherapie bedingt. Infektionen oder genetische Abnormalitäten werden für einen erhöhten Retikulozytenwert immer wieder ins Feld geführt. Auch Stress könnte dafür verantwortlich sein. Wenn Doping zur Debatte steht, sind eine genetische Blutkrankheit und Infektionen aber die beiden Gründe, die zuerst genannt werden. Daher bin ich bei diesen Argumenten auch misstrauisch und reagiere fast allergisch, denn sie kommen immer wieder und automatisch.
Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass ein solcher Wert durch eine Infektion verursacht werden kann. Nach meiner Kenntnis gibt es auch keine genetisch bedingte Erkrankung, die mit den Werten von Frau Pechstein kompatibel wäre, daher bin ich reserviert, was diese Erklärung angeht. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Blutbild durch eine genetische Abnormalität zu erklären ist, irgendwo zwischen 1:50.000 und 1:100.000 liegt. Aber dazu muss man sich jetzt erst einmal das Gesamtbild der Blutwerte über die Jahre anschauen und studieren.
Da eine genetische Abnormalität, die allein die Retikulozytenwerte erhöht, nicht bekannt ist, ist der Nachweis schwer. Bei einem finnischen Läufer hatte man ebenfalls erhöhte Werte festgestellt und diese konnten tatsächlich durch eine Anomalie begründet werden. Allerdings erst 15 Jahre später.
Das ist sicher wissenschaftlich interessant. Denn ein Blutdoping ergibt nur dann Sinn, wenn mehr Hämoglobin im Blut ist, ansonsten hat man keinen Leistungsvorteil. Warum nur die Retikulozytenwerte erhöht sind und weder das Blut verdickt, noch mehr Blutkörperchen nachweisbar sind, ist auch für Wissenschaftler rätselhaft. Wie der Fall der Skilangläuferin Evi Sachenbacher gezeigt hat, kann man die Hämoglobin- und Hämatokritwerte allerdings mit viel Flüssigkeitsaufnahme auch wieder auf das normale Niveau absenken.
Das ist ein wenig tragbares Argument, da diese Stoffe (Dopingmittel, Anm. d. Red.) kurze Abbauzeiten haben oder auch so neu sind, dass sie durch den Test nicht erfasst werden. Viele Sportler haben in den vergangenen Jahren Katz und Maus mit den Testern gespielt. Wenn wir die Stoffe chemisch nicht kennen, können wir daher nur den indirekten Weg über das Blutbild gehen und nachhaken, wenn etwas auffällig ist.
Das Urteil nimmt bis jetzt Bezug auf eine Untersuchung von 10.000 Probanden, wovon acht abnormale Retikulozytenwerte hatten, und ein Wert war in der Größenordnung von Frau Pechstein. So kann wissenschaftlich natürlich ein Vergleich gezogen werden, dass ein so hoher Retikulozytenwert in der Bevölkerung eher selten ist. Aber das muss noch überprüft werden. Jetzt müssen sich Experten mit Statistikern an einen Tisch setzen und eine Wahrscheinlichkeit ermitteln, wie häufig so ein Retikulozytenwert in der Bevölkerung überhaupt entstehen kann. Ich vergleiche das gerne mit der Arzneimittelforschung. Durch Studien klären wir dabei Fragen wie: Wie hoch ist die Chance, mit einem Mittel geheilt zu werden? Und wie hoch ist das Risiko, Nebenwirkungen zu bekommen? Die Aussagen treffen wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent. Wollte man mehr Sicherheit, müsste man so viele Patienten untersuchen, dass dies nicht mehr finanzierbar wäre. Bei der Arzneimittelforschung reicht das auch. Aber in diesem Fall, wenn man die Karriere einer erfolgreichen Sportlerin zerstört, muss man sich klarmachen, ob 99 Prozent Sicherheit reichen. Oder braucht man 99,9 Prozent oder gar 99,99 Prozent? Das ist dann eine sportpolitische Frage. Auf jeden Fall müssen mehr Fakten auf den Tisch.
Zur Person Seit 1987 ist Professor Fritz Sörgel Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Heroldsberg bei Nürnberg. Der Wissenschaftler hat sich vor allem in den vergangenen Jahren als Doping-Experte einen Namen gemacht. Er gehörte unter anderem der im Juni 2007 berufenen Anti-Doping-Kommission des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) an. Aufgrund von Differenzen mit BDR-Präsident Rudolf Scharping beendete das Gremium jedoch bald seine Arbeit. Ergebnisse des Nürnberger Instituts haben immer wieder für Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gesorgt. 2003 untersuchte das IBMP Anteil und Wirkung von Krebs erzeugendem Acrylamid in Nahrungsmitteln wie Plätzchen, Pommes Frites oder gebratenen Fischen.