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6. Juli 2009, 19:47 Uhr

"Ich bin misstrauisch"

Der Doping-Experte Fritz Sörgel zweifelt an den Aussagen von Claudia Pechstein. Die Eisschnellläuferin macht eine genetische Blutkrankheit oder eine Infektion für ihren überhöhten Blutwert verantwortlich. "Nach meiner Erkenntnis gibt es keine genetisch bedingte Erkrankung, die mit den Werten kompatibel wäre", sagte der Nürnberger Professor im stern.de-Interview.

Claudia Pechstein, Blutdoping, Retikulozytenwert, Doping

Beim Blutdoping steigen eigentlich auch die Hämoglobinwerte© Colourbox

Herr Professor Sörgel, die fünfmalige Olympiasiegerin und erfolgreichste deutsche Wintersportlerin, Claudia Pechstein, steht unter Dopingverdacht. Grund ist ein erhöhter Retikulozytenwert. Was versteht man darunter?

Bei den Retikulozyten handelt es sich um unreife, junge Blutkörperchen. Diese Vorstufe der Erythrozyten ensteht im Knochenmark. Von dort gelangen sie ins Blut und werden in reife rote Blutkörperchen umgewandelt. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Körper mit Sauerstoff zu versorgen. Ein erhöhter Retikulozytenwert kann Hinweise darauf geben, ob verbotene Substanzen eingesetzt wurden, zum Beispiel Erythropoetin. In Versuchen haben wir gesunden Menschen das sogenannte Epo verabreicht. Bei keinem der Probanden haben wir einen so hohen Anstieg des Retikulozytenwertes gefunden, wie er bei Claudia Pechstein nachgewiesen wurde.

Bei der jetzt gesperrten Sportlerin wurde im Februar ein Retikulozytenwert von 3,5 Prozent gemessen. Wo liegt der Wert normalerweise?

Auch bei gesunden Menschen schwankt der Wert. Er liegt aber etwa zwischen 0,5 und 1,5 Prozent.

Bei Sportlern wurde das Limit auf 2,4 Prozent hochgesetzt. Warum?

Bei Hochleistungssportlern schwankt der Retikulozytenwert auch physiologisch, ohne dass manipuliert wurde. Die Gründe für die Ausreißer nach oben oder unten sind meistens nicht bekannt. Innerhalb dieser Grenzen sind die Veränderungen aber unbedeutend. Wenn sich die Retikulozytenwerte bei Sportlern immer wieder vor Wettbewerben verändern, muss man genau hinsehen. Das hat man im Fall Pechstein auch gemacht.

Haben Sie einen so hohen Wert bei Gesunden schon einmal gefunden?

Nein, bisher nicht. Daher wurden die Sanktionen gegen Frau Pechstein ausgesprochen. Wobei man sagen muss, dass die Sperre sich nicht nur auf die enormen Ausreißer bei den Werten in Hamar bezieht. Im Langzeitblutprofil der Sportlerin sind ihre Retikulozytenwerte ein knappes Dutzend Mal unnatürlich hoch. Auch wir haben jetzt die Blutwerte zur Verfügung gestellt bekommen. Wir können daher mit Untersuchungen beginnen und prüfen, ob das Urteil nachvollziehbar ist. Denn gerade, was den wissenschaftlichen Teil betrifft, ist die Begründung in dem Urteil knapp gefasst.

Was steht drin?

Im Prinzip ist festgehalten, dass es diese abnorm hohen Werte gegeben hat und diese nur schwer erklärbar sind. Auch eine Reihe an Gründen ist angeführt, warum diese Werte erhöht sein könnten.

Welche Gründe könnten das sein?

Derartig erhöhte Werte stammen entweder von extrem seltenen Krankheiten, Erkrankungen des blutbildenden Systems oder sind durch eine klinische Bluttherapie bedingt. Infektionen oder genetische Abnormalitäten werden für einen erhöhten Retikulozytenwert immer wieder ins Feld geführt. Auch Stress könnte dafür verantwortlich sein. Wenn Doping zur Debatte steht, sind eine genetische Blutkrankheit und Infektionen aber die beiden Gründe, die zuerst genannt werden. Daher bin ich bei diesen Argumenten auch misstrauisch und reagiere fast allergisch, denn sie kommen immer wieder und automatisch.

Wie wahrscheinlich ist es, dass dieser hohe Wert durch eine Infektion oder eine genetische Abnormalität verursacht wurde?

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass ein solcher Wert durch eine Infektion verursacht werden kann. Nach meiner Kenntnis gibt es auch keine genetisch bedingte Erkrankung, die mit den Werten von Frau Pechstein kompatibel wäre, daher bin ich reserviert, was diese Erklärung angeht. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Blutbild durch eine genetische Abnormalität zu erklären ist, irgendwo zwischen 1:50.000 und 1:100.000 liegt. Aber dazu muss man sich jetzt erst einmal das Gesamtbild der Blutwerte über die Jahre anschauen und studieren.

Wie kann eine genetische Abnormalität nachgewiesen werden?

Da eine genetische Abnormalität, die allein die Retikulozytenwerte erhöht, nicht bekannt ist, ist der Nachweis schwer. Bei einem finnischen Läufer hatte man ebenfalls erhöhte Werte festgestellt und diese konnten tatsächlich durch eine Anomalie begründet werden. Allerdings erst 15 Jahre später.

Wie erklären Sie sich, dass die Hämoglobin- und Hämatokritwerte normal waren?

Das ist sicher wissenschaftlich interessant. Denn ein Blutdoping ergibt nur dann Sinn, wenn mehr Hämoglobin im Blut ist, ansonsten hat man keinen Leistungsvorteil. Warum nur die Retikulozytenwerte erhöht sind und weder das Blut verdickt, noch mehr Blutkörperchen nachweisbar sind, ist auch für Wissenschaftler rätselhaft. Wie der Fall der Skilangläuferin Evi Sachenbacher gezeigt hat, kann man die Hämoglobin- und Hämatokritwerte allerdings mit viel Flüssigkeitsaufnahme auch wieder auf das normale Niveau absenken.

Frau Pechstein beruft sich darauf, dass sie nie positiv getestet worden sei. Wie brauchbar ist so eine Aussage als Argument?

Das ist ein wenig tragbares Argument, da diese Stoffe (Dopingmittel, Anm. d. Red.) kurze Abbauzeiten haben oder auch so neu sind, dass sie durch den Test nicht erfasst werden. Viele Sportler haben in den vergangenen Jahren Katz und Maus mit den Testern gespielt. Wenn wir die Stoffe chemisch nicht kennen, können wir daher nur den indirekten Weg über das Blutbild gehen und nachhaken, wenn etwas auffällig ist.

Sie fordern, die Untersuchungen statistisch auf eine höhere Ebene zu ziehen. Was meinen Sie damit?

Das Urteil nimmt bis jetzt Bezug auf eine Untersuchung von 10.000 Probanden, wovon acht abnormale Retikulozytenwerte hatten, und ein Wert war in der Größenordnung von Frau Pechstein. So kann wissenschaftlich natürlich ein Vergleich gezogen werden, dass ein so hoher Retikulozytenwert in der Bevölkerung eher selten ist. Aber das muss noch überprüft werden. Jetzt müssen sich Experten mit Statistikern an einen Tisch setzen und eine Wahrscheinlichkeit ermitteln, wie häufig so ein Retikulozytenwert in der Bevölkerung überhaupt entstehen kann. Ich vergleiche das gerne mit der Arzneimittelforschung. Durch Studien klären wir dabei Fragen wie: Wie hoch ist die Chance, mit einem Mittel geheilt zu werden? Und wie hoch ist das Risiko, Nebenwirkungen zu bekommen? Die Aussagen treffen wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent. Wollte man mehr Sicherheit, müsste man so viele Patienten untersuchen, dass dies nicht mehr finanzierbar wäre. Bei der Arzneimittelforschung reicht das auch. Aber in diesem Fall, wenn man die Karriere einer erfolgreichen Sportlerin zerstört, muss man sich klarmachen, ob 99 Prozent Sicherheit reichen. Oder braucht man 99,9 Prozent oder gar 99,99 Prozent? Das ist dann eine sportpolitische Frage. Auf jeden Fall müssen mehr Fakten auf den Tisch.

Zur Person

Zur Person Seit 1987 ist Professor Fritz Sörgel Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Heroldsberg bei Nürnberg. Der Wissenschaftler hat sich vor allem in den vergangenen Jahren als Doping-Experte einen Namen gemacht. Er gehörte unter anderem der im Juni 2007 berufenen Anti-Doping-Kommission des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) an. Aufgrund von Differenzen mit BDR-Präsident Rudolf Scharping beendete das Gremium jedoch bald seine Arbeit. Ergebnisse des Nürnberger Instituts haben immer wieder für Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gesorgt. 2003 untersuchte das IBMP Anteil und Wirkung von Krebs erzeugendem Acrylamid in Nahrungsmitteln wie Plätzchen, Pommes Frites oder gebratenen Fischen.

Interview: Lea Wolz
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
butcher99 (07.07.2009, 13:03 Uhr)
pinoccio
lügen haben lange nasen und schnelle kurze beine
JanvanHelsing (07.07.2009, 10:43 Uhr)
Wie soll das funktionieren ???
Nehmen wir als aktuelles Beispiel die Tour deFrance, 33000 Höhenmeter, 3500 km in 21 Tagen, Durchschnittsgeschwindigkeit 40km/h.
--
Wie soll dies in der Zeit zu bewältigen sein, ohne Leistung substituierende Mittel?
Wir wollen Höchstleistungen, schneller, höher, weiter, sonst schaut keiner mehr hin.
Die Faszination das ein Mensch sich so schnell bewegt begeistert und lässt vergessen das dies durch normales gesteigertes Training nicht erreichbar ist.
Aber Sponsoren, Medien und nicht zuletzt das Publikum verlangt danach, denn sonst könnte man auch Sonntags am Radweg stehen und den Touris beim radeln zuschauen.
Na dann bis Sonntag
GordonBleu (07.07.2009, 10:36 Uhr)
1000 veschiedene erklärungsversuche
die eine hat ne genetische infektion, beim anderen wurde das dopingmittel heimlich in seine zahnpasta gemischt, und die dritte wollte mit dem präparat aus der humanmedizin bloß ihrem kranken pferd helfen. ich bin gespannt, wann so ein dopingsportler den ersten außeridischen verantwortklich macht.
endbenutzer (07.07.2009, 10:26 Uhr)
Kommt es mir nur so vor...
...oder handelt es sich in der Hauptsache um Ex-DDRler unter den deutschen Sportlern, die mit Doping ihre Leistungen verbessern wollen?
Katastrophenjunkie (07.07.2009, 10:04 Uhr)
@ screne
So ist es wohl. Ist es aber nicht sehr interessant, dass obwohl "man" sich nicht wirklich sicher ist, trotzdem ein solches Urteil spricht?
.
Wie voll wären unsere Gefängnisse mit Unschuldigen, wenn man auf diese Weise verführe. Nach 15 Jahren stellt man dann fest: Ach ja, er (oder sie) war unschuldig. Pech gehabt!
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Bin sicherlich weder Leistungssportler noch "Sportarzt" und auch kein Fan von Doping. Und ich weiß, dass Gerechtigkeit ein Gut ist, das sehr selten zu seinem Recht kommt. Trotzdem oder vielleicht besonders deshalb sollte man erst recherchieren, dann urteilen.
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Selbstverständlich kann ich auch schon nachvollziehen, warum dieses Urteil so ergangen ist. Irgerndwo muß man den Strich ziehen und tatsächlich ist es ja meistens eine Schutzbehauptung...
petermeyer (07.07.2009, 09:43 Uhr)
1 und 1 zusammenzählen
verdächtiges blutbild , mit 37jahren nochmal einen leistungssprung gemacht ...
und 37 ist -mit verlaub -ein biblisches alter für dieses sportart!
Gallagher (07.07.2009, 08:36 Uhr)
Es dopen alle...,
...soviel ist klar. Nur - nicht bei allen wirkt Doping gleichermaßen leistungsfördernd. Insofern ist ein Bestreben nach einem dopingfreien Sport wichtig. Denn nur dann wird es faire Wettbewerbe geben.
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Zur Pechstein kann ich nur sagen, sie wäre die erste Athletin, bei der sich ein Verdacht als unbegründet herausstellt.
you_me_2 (07.07.2009, 07:52 Uhr)
Der Wert
"Auch bei gesunden Menschen schwankt der Wert. Er liegt aber etwa zwischen 0,5 und 1,5 Prozent"
Da habe ich mir mal die Mühe gemacht und etwas gesucht, was die Werte anbelangt. Da scheint man sich in der Medizin auch nicht ganz so einig zu sein, die Werte von 0,5-1,5% kamen recht oft vor, aber es gab auch Quellen, bei denen der obere Wert als Normalwert 4,1% beträgt und das in einem Lehrbuch für internistische Medizin.
Mein Schluss daraus ist, man kann sich wohl die Werte heraussuchen, die einem am genehmsten ist, die Doper die hohen, die profilierungssüchtigen Dopingjäger die niedrigen.
screne (07.07.2009, 07:51 Uhr)
@Katastrophenjunkie
Wieso *Vor*verurteilung? Pechtein IST verurteilt worden, zu 2 Jahren Sperre. Für mich sind das von Experten gefällte Urteile, nicht aus der Luft gegriffene Hirngespinste.
Katastrophenjunkie (06.07.2009, 23:17 Uhr)
Dann gabs da auch irgendwann mal die "Unschuldsvermutung"...
die man gerne und sofort für sich in Anspruch nimmt, wenn einem selbst etwas vorgeworfen wird, von dem man weiß, man ist unschuldig. Bei anderen Menschen, ja bei anderen ist das natürlich völlig anders.
.
"Bei einem finnischen Läufer hatte man ebenfalls erhöhte Werte festgestellt und diese konnten tatsächlich durch eine Anomalie begründet werden. Allerdings erst 15 Jahre später." Das hieß mit absoluter Sicherheit für diesen Sportler das - ungerecht(fertigt)e - Ende der Karierre.
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Immer wieder denke ich, wenn ich die Kommentare hier bei Stern.de lese: Man man selber denkt und tut...
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