Menschen dopten sich schon immer. Ging es jedoch früher darum mit Drogen Hungersnöte und Kriege auszuhalten, wurde Doping erst mit der Ausbildung der gnadenlosen Leistungsgesellschaft zum Massenphänomen. Von Eva-Maria Schnurr

Paracelsus-Gemälde nach Hirschvogel. Im 16. Jahrhundert mischt der Arzt und Naturkundler sein Geheimmittel Laudanum, eine Mixtur aus 90 Prozent Alkohol und 10 Prozent Opium© Picture-Alliance
Ein letzter Schluck Kaffee, einen Energieriegel in der Hosentasche verstaut, dann fällt die Eingangsluke der Zeitmaschine zu. Die Reise in die Vergangenheit beginnt, die Suche nach den Mitteln, die den Menschen vor Jahrhunderten schon halfen, ihre Fähigkeiten, ihre Leistung, ihr Können zu steigern. Die Elektromotoren surren schon, da knattert noch einmal das Funkgerät, die Gegenwart ist dran: "Es wird schwierig", meldet sich Jakob Tanner, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich. "Denn die Idee von Leistung, wie wir sie heute haben - möglichst effizient immer mehr zu schaffen, immer besser zu sein - setzte sich erst im 19. Jahrhundert in breiten Bevölkerungsschichten durch. Erst mit der Industrialisierung, dem Aufstieg des Bürgertums, wurde Leistung zum Wert an sich."
Die letzten Worte klingen bereits verrauscht, die Zeitmaschine hat abgehoben. Eine aussichtlose Reise? "Nein. Historisch gesehen haben sich die Menschen in allen Bevölkerungsschichten und wohl auch in allen Kulturen immer gedopt. Aber bis in die jüngere Zeit ging es dabei nicht um Leistungssteigerung. Es ging darum, den Alltag erträglich zu machen und überhaupt die Leistung zu bringen, die zum unmittelbaren Überleben notwendig war", funkt Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Professorin am Institut für Sozial-und Wirtschaftsgeschichte der Universität Wien und Spezialistin für Drogengeschichte.
Im Mittelalter ernten Menschen bei Hungersnöten auch solche Felder ab, die mit dem halluzinogenen Mutterkornpilz verseucht waren. Außerdem verlängern sie das Getreide mit Hanfsamen. Diese Kost verursacht Halluzinationen - und das lässt die Krise weniger schlimm erscheinen.
Im 16. Jahrhundert mischt der Arzt und Naturkundler Paracelsus sein Geheimmittel Laudanum, eine Mixtur aus 90 Prozent Alkohol und 10 Prozent Opium. Es wirkt schmerzstillend, stimmungsaufhellend und leicht euphorisierend. Im 18. und 19. Jahrhundert ist es quer durch alle Bevölkerungsschichten verbreitet wie heute Aspirin, selbst Kindern wird das Mittel zur Beruhigung gegeben.

Roggen mit Mutterkornpilz. Im Mittelalter ernteten Menschen bei Hungersnöten auch solche Felder ab, die mit dem halluzinogenen Mutterkornpilz verseucht waren, um die Krise zu überstehen© Picture-Alliance
Im 18. und 19. Jahrhundert nehmen Sennerinnen, Bergbauern, Hüttenarbeiter und Jäger in den österreichischen Ostalpen das aufputschende Arsenik, ein Abfallprodukt des Erzabbaus: Damit verkraften sie tagelange Touren und die harte Arbeit auf dem Berg.
Die Zeitmaschine piepst, sie sucht nach neuen Zielkoordinaten. Gab es vor dem 19. Jahrhundert wirklich keine Leistungssteigerung durch Drogen? "Wenn, dann nur bei Wettkämpfen wie im antiken Olympia oder in Ausbeutungsbeziehungen wie in der Sklaverei", sagt Jakob Tanner. In den Silberbergwerken Südamerikas nutzen die spanischen Kolonisten im 16. Jahrhundert das Wissen der Ureinwohner um die Wirkung der Kokablätter: Arbeiter könnten damit 36 Stunden ohne Essen und Schlaf durcharbeiten behaupteten sie. Die Kirche hatte die Droge verboten - doch in den Bergwerken wird ein Teil des Arbeitslohns in Kokablättern ausgezahlt.
Die gedopte Gesellschaft Was normale Menschen alles einwerfen, um leistungsfähiger zu werden - mehr dazu im neuen