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18. April 2006, 11:25 Uhr

Greenpeace rechnet mit 90.000 Toten

Wie viele Menschen werden an den Folgen der atomaren Katastrophe von Tschernobyl sterben? Über diese Frage gibt es unter Wissenschaftlern heftigen Streit. Jetzt hat die Umweltorganisation Greenpeace neue, erschreckende Zahlen vorgelegt.

Spätfolge des GAU? Der elfjährige Andriy Zubenko leidet an Krebs© Damir Sagolj/Reuters

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 20 Jahren ist laut Greenpeace vermutlich für den Krebstod von mehr als 90.000 Menschen verantwortlich. Die Umweltschutzorganisation übte harsche Kritik am Tschernobyl-Forum, das mit insgesamt nur 4000 Menschen rechnet, die wegen des Unfalls bislang gestorben sind oder noch sterben könnten. Bislang seien lediglich 56 Todesfälle mit der Katastrophe vom 26. April 1986 in Zusammenhang zu bringen, hatte das Tschernobyl-Forum erklärt, dem unter anderem die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) angehört.

"Es ist empörend, dass die IAEO die Folgen des schwersten nuklearen Unfalls in der Geschichte der Menschheit schönfärbt", sagte Iwan Blokow vom Greenpeace-Büro in Russland. Damit würden "tausende Opfer beleidigt".

Auch andere Quellen schätzen zehntausende Opfer

Auch der von der Europaabgeordneten Rebecca Harms in Auftrag gegebene Torch-Report kommt auf erheblich mehr Krebstodesfälle als das Tschernobyl-Forum. 30.000 bis 60.000 Opfer werden in dem Report geschätzt - ein Großteil davon in Europa außerhalb der Risikogebiete in der Sowjetunion. Die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges geht sogar von noch weit höheren Zahlen aus, insbesondere für die Aufräumarbeiter.

Albrecht Kellerer, ehemaliger Direktor des Instituts für Strahlenbiologie am GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg, nennt den Bericht "vernünftig und objektiv". Die Menschen in Deutschland haben laut Kellerer durch Tschernobyl im Durchschnitt insgesamt eine halbe Jahresdosis der natürlichen Strahlung erhalten. Von 40.000 Menschen, so schätzt Kellerer, könnte daher einer zusätzlich an Krebs sterben.

Dies sei zwar im Vergleich zu den in dieser Gruppe ohnehin zu erwartenden 10.000 Krebstodesfällen verschwindend gering. "Andererseits entspräche die so errechnete Erhöhung unter den 82,5 Millionen Deutschen insgesamt immerhin mehr als 2000 zusätzlichen Krebstodesfällen", berichtet Kellerer und kritisiert die WHO: "Geringe Dosen unter ein Millisievert wurden im WHO-Bericht weggelassen."

Wirkung geringer Strahlenmengen umstritten

Einig sind sich die meisten Forscher darin, dass mehrere Dutzend Aufräumarbeiter direkt an akuter Strahlenerkrankung gestorben sind und weitere an Leukämie. Zudem gibt es Hinweise auf vermehrte Brustkrebsfälle in einigen stark betroffenen Gebieten der Sowjetunion. Unstrittig ist ein Anstieg der Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs insbesondere bei damaligen Kindern in dieser Region. Ursache war vor allem radioaktives Jod aus der Milch belasteter Kühe. Dies zerfällt zwar relativ rasch, der Krebs aber kann Jahre und Jahrzehnte später ausbrechen. Kellerer verweist auf den erheblichen Verlust an Lebensqualität dieser Patienten: Nötig seien meist eine Operation und die lebenslange Einnahme von Hormonen.

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