Brav besuchen werdende Väter Vorbereitungskurse. Doch das, was bei einer Geburt wirklich passiert, sagt ihnen niemand, hat stern-Redakteur Jan Schweitzer, Vater von zwei Kindern, festgestellt.

Vater im Kreißsaal: "Wenn die Sexualität ein Jahr pausiert, nur weil der Mann genauer hingeschaut hat bei der Geburt, ist das sicher nicht sinnvoll"© Okapia/Picture-Alliance
Es ist ein Drama, und es beginnt schon mit der Vorbereitung. Da werden aus Machos dufte Typen, die ihre Frauen streicheln und mit geschlossenen Augen genießerisch "Oooohh" brummen. Die die Pobacken ihrer Partnerin in die Hand nehmen, sie in zärtlichen Wackelbewegungen vibrieren lassen und hinterher optimistisch vom "Äpfel-Schütteln" schwärmen.
"Geburtsvorbereitungskurs" nennt sich der Anlass, bei dem derartige Methoden Anwendung finden. Und von jedem "anständigen" Mann wird erwartet, daran teilzunehmen. Doch vorbereitet wird nur die eine Hälfte der Teilnehmer: die weibliche. Die Herren hingegen werden meist reduziert auf Anhängsel ihrer Partnerinnen und nicht richtig ernst genommen. So bekommen sie in der Vorbereitung oft simpelste Dinge nicht mitgeteilt, die ihnen ihre Assistenzrolle erleichtern und die Geburt ihres Kindes zu einem schönen Erlebnis werden lassen könnten. Und manchmal werden ihnen selbst beziehungsrettende Tipps verschwiegen.
Etwa der, sich nicht zu den Füßen der Frau zu stellen. "Die Männer sollten an der Seite ihrer Frau sitzen, nicht direkt am Ort des Geschehens", sagt Edith Wolber, Pressesprecherin des Bundes Deutscher Hebammen. So einfach ist das - und doch so unbekannt. Noch immer stehen im Kreißsaal die Stühle für die Männer häufig am Bettende der Frau. Warum auch sollte sich das Klinikpersonal über solche Nichtigkeiten Gedanken machen? Ist doch die Geburt der natürlichste Vorgang auf der Welt.
Sicher ist sie das. Aber muss Mann sie deswegen gleich aus nächster Nähe frontal betrachten? Die Folgen können weitreichend sein, sagt Klaus Vetter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: "Wenn die Sexualität ein Jahr pausiert, nur weil der Mann genauer hingeschaut hat bei der Geburt, ist das sicher nicht sinnvoll."
Vernachlässigt wird oft auch das Thema "Packen für die Geburt". In allen Einzelheiten sprechen Kursleiterinnen zwar über den optimalen Packzeitpunkt und die ideale Ausstattung der Tasche - die der Frau. Doch Männer bekommen auf die zaghafte Frage, was sie denn mitnehmen sollten, nur die lapidare Antwort: "Was zu lesen und was zu essen. Das reicht."

Plazenta nach der Geburt: Auf diesen Anblick sind viele Väter nicht vorbereitet© DPA/Picture-Alliance
Ist ja auch richtig. Meistens zumindest. Aber: Muss ein Mann nicht jede Situation im Griff haben? Muss er nicht für alle Eventualitäten gerüstet sein? Wer in Deutschland einen großen Geländewagen mit Allradantrieb fährt, um jeden kleinen Feldweg bewältigen zu können, möchte sich auch auf ungemütliches Gelände in der Geburtsklinik vorbereiten können. Nur: Dazu muss er wissen, welche Herausforderungen auf ihn zukommen könnten. Etwa, dass eine Geburt auch mal 36 Stunden dauern kann. Und dass es Kreißsäle gibt, die keinerlei Liegemöglichkeiten für den Mann aufbieten bis auf einen harten Klinikboden.
Doch davon erzählen die wenigsten Kursleiterinnen. Andernfalls gäbe es Tipps wie: "Nimm dir eine bequeme, sich selbst aufblasende Matratze mit. Sich selbst aufblasend deswegen, weil du dann, wenn du sie brauchst, nicht mehr die Kraft haben wirst, sie aufzupusten."
Am wichtigsten aber sollte in der Vorbereitung eine gewisse Ehrlichkeit sein. Zwar ist die Geburt seines Kindes in der Regel einer der schönsten Momente im Leben eines Mannes. Und ja, manche Frau ist sicher froh über den Beistand ihres tapferen Gatten - wenn sie denn in ihrem Delirium-ähnlichen Zustand registriert, dass er neben ihr sitzt. Nur: Nicht die ganze Zeit der Entbindung ist ein Vergnügen. Wer generell kein Blut sehen kann, mag es wahrscheinlich auch nicht, wenn es aus seiner Frau rinnt oder auf dem Neugeborenen klebt. Wer seine Liebste schon nicht leiden sehen kann, wenn sie sich den Fuß verstaucht oder den Kopf blutig stößt, wird nicht ungerührt den "Kicker" lesen, während sie vor Schmerzen abwechselnd wimmert, schreit und Laute ausstößt, wie er sie noch nie gehört hat - zumindest nicht von einem Menschen.
Nein, in so einer Situation heißt es für den echten Kerl: aktiv werden. "Männer wollen bei einer Geburt oft das tun, was sie auch im Alltag tun: handeln. Da kommen dann, wenn es mal nicht richtig weitergeht, Sätze wie: "Jetzt mach mal" oder "Jetzt müssen wir aber was unternehmen." Doch genau das wird während der Geburt nicht erwartet", sagt Edith Wolber.
Genau das sollte den Männern vielleicht mal jemand vorher sagen. Und auch das: "Eigentlich müsste in Geburtsvorbereitungskursen angesprochen werden, was auf die Männer zukommt: die starken Schmerzen ihrer Frau, der Stress, dass es auch mal bluten kann. Noch wird das aber nur selten getan", sagt Martina Klenk, Präsidiumsmitglied des Bundes Deutscher Hebammen.
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Stern
Ausgabe 49/2006