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11. August 2008, 09:22 Uhr

Wieso der Kaiserschnitt im Trend liegt

Jedes dritte Kind kommt in Deutschland per Kaiserschnitt zur Welt. Ein möglicher Grund: Kliniken verdienen an der Entbindung mit Messer und Nadel besser als an einer natürlichen. Das erklärt aber nicht, warum es in Sachen Kaiserschnitt ein deutliches West-Ost Gefälle gibt. Von Tim Braun

32 Prozent der Geburten wurden 2008 laut BKK per Kaiserschnitt durchgeführt© Colourbox

Wie schön kann doch gebären sein: Eltern und Ärzte legen gemeinsam den Termin für die Entbindung fest; die gefürchtete Fahrt im Krankenwagen ganz allein und mitten in der Nacht entfallt, das Warten auf die nächste Wehe, die Stunden unter Höllenschmerzen auch. Stattdessen: Ist Ihnen Freitag 15 Uhr recht? Durchschnittlich 60 Minuten später ist die Sache vorbei, die Frau hatte keine Schmerzen, für das Kind war der Kaiserschnitt sowieso sicherer; und bei der Mutter bleibt der Beckenboden unversehrt.

Ist Deutschland "too posh to push"(zu fein zum Pressen) - wie man in englischsprachigen Ländern mit Blick die scheinbar unkomplizierten Kaiserschnitt-Geburten von Promi-Beautys sagt? Klar ist: Es werden immer häufiger Kaiserschnitte durchgeführt. Aus den Daten ihrer rund 14 Millionen Versicherten analysierte die BKK, dass in den beiden ersten Quartalen 2008 rund 32 Prozent der insgesamt 68.000 Geburten durch Kaiserschnitt (in der Sprache der Mediziner: sectio caesarea) zustande kamen. Im Vergleich dazu: 1991 lag die Sectiorate noch bei rund 15 Prozent, 2002 waren es 24 Prozent.

Neben der hohen Zahl an Kaiserschnitten insgesamt, ist auch das Ergebnis der Verteilung auf die Länder interessant: Im Saarland kamen beispielsweise in 40 Prozent aller Fälle Kinder durch eine Sectio auf die Welt, in Sachsen hingegen nur in 22. Generell kann man ein West-Ost Gefälle bei der Kaiserschnittrate beobachten. Hat das mit einer unterschiedlichen Einstellung der Frauen in Ost und West zu tun?

Nur wenige Frauen wünschen sich einen Kaiserschnitt

Zunächst einmal: Es ist ein großer Irrglaube, dass die Mehrzahl der Kaiserschnitt-Frauen schon lange vor der Geburt beschlossen hat, ihr Kind auf diesem Weg zur Welt zu bringen.

In einer Studie der Universität Osnabrück mit 366 Erstgebärenden ohne Risiken gaben gerade einmal 3,8 Prozent der Frauen vor der Geburt eine Präferenz für eine Sectio an. Auch Klaus Vetter, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe "kann nicht nachvollziehen, dass Wunschsectios zugenommen haben".

Seiner Ansicht nach leitet sich der Trend zum Kaiserschnitt eher von Faktoren wie dem vermehrten Auftreten von Übergewicht, dem zunehmenden Gewicht der Kinder zum Geburtstermin und dem Alter der Mütter bei ihrer ersten Geburt ab. "25 Prozent der Erstgebärenden in Berlin sind 35 Jahre und älter", so Vetter. In diesem Alter stiegen nicht nur die Risikofaktoren, sondern auch die Wahrscheinlichkeit für Mehrlingsgeburten. Mit dem Alter lässt sich auch - zumindest teilweise - erklären, warum es in Ostdeutschland weniger Kaiserschnitte gibt: Einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Demographische Forschung zufolge waren von den Frauen des Jahrgangs 1972 im Alter von 27 Jahren 62 Prozent im Westen, aber nur 50 Prozent im Osten kinderlos. Das heißt: Im Osten der Republik sind die erstgebärenden Mütter jünger als im Westen. Daneben gibt es zu der Frage Spekulationen über ein anderes - natürlicheres - Sexualverhalten sowie eine andere Sozialstruktur.

Unsicherheit schafft Angst und die macht manipulierbar

In den einschlägigen Internetforen jedenfalls findet sich ein wichtiger Aspekt über alle Grenzen hinweg: Viele Frauen haben vor der Geburt große Angst und sind unsicher. Hilferufe wie der von "Leyla", 28, sind typisch: "Hallo ihr Lieben. Mensch, jetzt bin ich gradmal erst in der 22.SSW und steigere mich total rein in meine Panik vor der Geburt. Hinzu kommt, dass ich mich nicht entscheiden kann ob ich eine spontane Geburt oder 'nen geplanten Kaiserschnitt machen soll?? Ich weiß, dass ich das selbst entscheiden muss, aber es muss doch Vor- und Nachteile geben, die man abwägen kann, oder?" In diesem, wie in vielen anderen Fällen scheinen die Frauen von ihren Gynäkologen nicht ausrechend - wenn überhaupt - beraten zu werden. In der Geburtssituation fühlen sie sich dann oft ausgeliefert. Eine Untersuchung unter Versicherten der Gmündener Ersatzkasse hatte schon 2006 ergeben, dass nach ihrer Kaiserschnitt-Geburt befragte Frauen als Grund für die Sectio zum überwiegenden Teil (60 Prozent) den Rat ihres Arztes angaben.

Kaiserschnitt lohnt sich für die Krankenhäuser

Dass manche Ärzte bei solchen Unsicherheiten eher zu einem Kaiserschnitt raten, dürfte auch mit der Kostensituation zu tun haben: Die Pauschale für einen Kaiserschnitt liegt nach Angaben des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherungen bei durchschnittlich 2600 Euro und spült damit rund doppelt so viel Geld in die Kassen der Krankenhäuser wie eine vaginale Geburt - und das bei minimalem Zeitaufwand und arbeitszeitfreundlicher Kalkulierbarkeit. Zudem gibt es in Deutschland zwar viele Klagen gegen Krankenhäuser, weil ein scheinbar notwendiger Kaiserschnitt nicht eingeleitet wurde; kaum aber wegen Geburtsschäden nach dem Eingriff.

Trotzdem: Auch der Kaiserschnitt ist kein Spaziergang; die psychischen Folgen für Frauen können schwerwiegend sein. "Meine Erfahrung ist - und dazu gibt es auch wissenschaftliche Belege - , dass die traumatische Erfahrung einer Kaiserschnitt-Geburt umso stärker ist, je mehr sich die Frauen während der Geburt ausgeliefert fühlen", sagt Katrin Mikolitch, Ärztin und Gründerin des Kaiserschnitt-Netzwerkes. Selbst aus medizinischer Sicht birgt der Kaiserschnitt - entgegen allen Hochglanz-Vorurteilen - Risiken.

Die Risiken des Eingriffs

Kaiserschnittkinder leiden kurz nach der Geburt häufiger unter Sauerstoffmangel. Die Schmerzen sind für die Mutter oft schlimmer als nach einer Vaginalgeburt. Die Sectio reduziert nicht das Risiko einer Inkontinenz, die durch die Überdehnung der Beckenbodenmuskulatur ausgelöst werden kann. Dass Frauen, die auf natürlichem Wege entbunden haben, klagen häufiger über eine "ausgeleierte Scheide" klagen ist ein Mythos. Und: Wie bei jeder Operation können Thrombosen, Narkoseprobleme und Infektionen auftreten.

Dennoch bleibt es die persönliche Entscheidung jeder Frau, wie sie gebärt. "Die Geburt ist ein Spiegel der Biographie", so Mikolitch. "Es gibt zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen der eigenen Geburt und der Art und Weise, wie man sein Kind auf die Welt bringt." Ihrer Ansicht nach werden die Kaiserschnitt-Raten in den nächsten Jahren weiter ansteigen - dann aber wieder zurück gehen. "Den Kindern fehlt ein wichtiger Entwicklungsschritt", sagt sie. Kaiserschnittbabys müssten sich mit einer ganz anderen Geburtserfahrung auseinandersetzen als vaginal geborene Kinder. Noch wisse man nicht genau, welche Langzeitfolgen das haben kann.

Von Tim Braun
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Sternchen2020 (14.08.2008, 19:08 Uhr)
Schon wieder Nonses
Zitat: "Stand der Fötus stark unter medikamentösem Einfluß - über die der Mutter verabreichten Narkotika, die durch den Kreislauf in die Plazenta gelangten -," Zitatende
Da gelangt rein gar nichts an Narkotika in dei Placenta, es wird eine PDA (Peridual-Anästhesie) gemacht.
Hier steht wirklich konzentrierter Humbug in den meisten Kommentaren.
Jeder kann selbst entscheiden und das ist auch gut so.
nowhere (12.08.2008, 21:02 Uhr)
die halbe Wahrheit
... denn der kaiserschnitt hat auch eine Konsequenz für das Baby. Also besser in eine Klinik mit "sanfter Geburt" und Notfallmedizin im Zimmer nebenan. Hier ein Zitat au dem Buch von A. Janov "Gefangen im Schnerz": "Wird er (der Säuglig) durch Kaiserschnitt zur Welt gebracht? Oder wird er geboren, während er noch um sein Leben kämpft? Kurz, befindet sich das Baby in der sympathischen oder in der parasympathischen Phase, wenn das Trauma aufhört? All dies wird die Persönlichkeit eines Menschen determinieren. Hat er gekämpft und verloren, gekämpft und gesiegt, überhaupt nicht gekämpft? War er dem Tode nahe, oder ist er gar für einen Moment klinisch tot gewesen?
Wenn die Wehen lang und schwer waren, wenn der Fötus unaufhörlich kämpfen, wenn er ständig wachsam sein, wenn er sich herauskämpfen mußte, dann wird das dazu führen, daß das sympathische System vorherrscht. In Bewegung zu sein, ist für den »Sympathen« unbewußt lebensrettend. Zur Zeit der Geburt mußte er sich durchkämpfen, oder Tod wäre die Folge gewesen. Jede Sekunde war eine Frage von Leben und Tod. Der Organismus »erinnert« sich dieser lebensrettenden Reaktionsweise und fährt, ungeachtet der späteren Umstände, damit fort. Diese frühe lebenserhaltende Reaktion wird, da sie nicht mehr den augenblicklichen Umständen entspricht, neurotisch. Man kann überaggressiv, gehetzt und zu schnell wütend sein - alles unangemessene Reaktionen auf Situationen, die den Menschen nicht mehr bedrohen.
Stand der Fötus stark unter medikamentösem Einfluß - über die der Mutter verabreichten Narkotika, die durch den Kreislauf in die Plazenta gelangten -, könnte sein respiratorisches System unterdrückt und er dem Tode nahe gewesen sein. Auch diese Reaktion prägt sich dem Organismus ein und wird in Richtung parasympathischer Dominanz verschoben - der »Parasympath«. Diese Reaktionsform beginnt nicht nur die Persönlichkeit zu formen, sondern auch Physiologie und Anatomie..." Das soziale Lernen beginnt schon im Mutterbauch und die erste "Arbeit" ist prägend für das ganze Leben. Aus der Therapie wissen wir z.B., dass Kaiserschnittkinder auffallend oft sich "etwas nicht zutrauen" und spezielle Hilfestellung brauchen. PS: meine Frau hat eine "normale sanfte und eine Kaiserschnitt-Geburt in der Filderklinik hinter sich!
Mule (12.08.2008, 19:50 Uhr)
in jungen Jahren
sieht die Narbe noch ganz ordentlich aus. Mit zunehmenden Lebensjahren und vielleicht auch zunehmenden Pfunden wird man erschreckt feststellen,daß die Narbe leider nicht mitwächst und sich auch nichtdehnt. Wenn es aus medizinischer Sicht nicht dringend erforderlich ist, sollte man als Frau auf die "Schneiderei" verzichten.
Drusilla2010 (12.08.2008, 12:14 Uhr)
Einige Kommentare
hier sind ja echt unter aller Menschenverachtung. Habe einen 1,5 Jahre alten Sohn, bin weder ausgeleiert noch hatte er die Größe eines Schweinebratens. Habe 36 Stunden Wehen gehabt, dann erst eine PDA angenommen, nach weiteren 2,5 Stunden (und Ganzkörperlähmung durch die PDA) kam der Kleine dann. Mir wurde gefühlte 80x ein KS angeboten, was ich jedes mal abgelehnt habe, weil es dem Kleinen gut ging. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre hätte ich zugestimmt. Aber die meisten Damen machen es sich heute zu einfach, mehr als 3 Std Kreissaal hält doch keine mehr aus.
Und Leute die davon keine Ahnung haben sollten sich erstmal selbst in die Situation begeben, bevor sie große Töne spucken.
Schwaebin (12.08.2008, 10:45 Uhr)
Erschreckend
was hier manche Männer von sich geben!
Wäre ich schwanger, würde ich mich auch für einen Kaiserschnitt entscheiden:
1. weil ich bereits Mitte 30 bin
2. weil in meiner Verwandtschaft ein Kind schwerbehindert zur Welt kam, dank Sauerstoffmangels beim Geburtsvorgang und 3. weil ich von Freundinnen genug Horrorstories miterlebt habe, welche zum Teil mehr als 24 Std. gebraucht haben.
Nein danke, kann ich da nur sagen.
Und kein Mann hat das Recht uns Frauen hier irgendwas vorzuschreiben oder eine Moralpredigt zu halten, denn es ist unsere Entscheidung, unser Körper und wir haben mit den Folgen zu leben.
grossbuerger (12.08.2008, 09:23 Uhr)
Modeerscheinung Kind/Geburt/XYZ
die Freundinnen meiner Frau haben sich aus folgenden Gründen für einen Kaiserschnitt entschieden: Keine Geburtsschmerzen ! Weiterhin haben sie sich gegen das Stillen entschieden, Grund: die Brüste und Nippel würden darunter leiden und nicht mehr schön aussehen. Ich frage mich, warum solche Kühe überhaupt Kinder haben wollen ... sollen sich doch ne Puppe aus dem Regal kaufen ...
daujoons (12.08.2008, 05:56 Uhr)
Eine Frechheit,
wie hier teilweise mit dem Thema umgegangen wird. Meine Tochter (24) hat vor 8 Tagen ein Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht: nachdem die Fruchtblase geplatzt war, sie sich fast 24 Stunden unter heftigsten Schmerzen den Wehen ausgesetzt hat, um sich und ihrem Baby ein natürliche Geburtserfahrung zu ermöglichen, nachdem ihre Körpertemperatur auf fast 39 Grad gestiegen war: kurz, nachdem Lebensgefahr für Mutter und Kind bestand! Jetzt leidet sie nicht nur unter massiven Wundschmerzen, sondern auch unter so dümmlichen Vorurteilen, wie sie auch hier teilweise zum Ausdruck kommen: Kaiserschnitt als Spaziergang, als einfacher Weg...
Daß ich nicht lache!
Um die Geburt ihrer Tochter selbst miterleben zu können, hat sich meine Tochter eine Spinalanästhesie geben lassen, sich also bei vollem Bewußtsein den Bauch aufschneiden lassen. Wer will da noch behaupten, sie ist den leichten Weg gegangen? Wer will den Ärzten hier unterstellen, sie hätten das nur des Geldes wegen gemacht? Im Übrigen habe ich auch vor der Entscheidung Respekt, das Kind von Anfang an per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen. Denen, die sich darüber aufregen, sei gesagt: Es ist der Körper dieser Frauen, der maltratiert wird, nicht der von dümmlichen Kommentatoren.
Und Schmerzen sind es in jedem Fall, die eine Frau durchleidet, um ein neues Leben zu ermöglichen - wer will entscheiden, welche davon "ehrenhafter" sind? Ich jedenfalls nicht!
Ich verneige mich vor jeder Frau, die sich zur Mutterschaft entschließt, voller Ehrfurcht.
poloele (12.08.2008, 03:43 Uhr)
was wissen die Maenner schon
wer schon mal versucht hat einen Schweinebraten aus dem Nasenloch zu druecken, kann vielleicht nachfuehlen, wie eine natuerliche Entbindung abgeht.
Und dann ausgeleiert, mit Dammschnitt und Blasenschwaeche - Nein danke, war ich froh einen Kaiserschnitt gehabt su haben.
vkaw (12.08.2008, 01:45 Uhr)
Na prima
Da haben wir ja schon amerikanische Zustaende! Die Weltgesundheitsorganisation hat eindeutig festgestellt, das Kaiserschnittraten ueber 15% mehr schaedigen als helfen. Kaiserschnitte sind weder schmerzfrei noch harmlos -die Risiken fuer Frau und Baby erscheinen vielleicht gering, sind aber um das vielfache hoeher als bei einer normalen Geburt.
Und wer bezahlt das eigentlich alles? Sowohl der Kaiserschnitt selbst, und die Nachsorge kosten wesentlich mehr. Dazu kommt noch, dass beim geplanten Kaiserschnitt oft die Kinder zu frueh geholt werden und dann Intensivmedizin benoetigen. Und das alles, damit man entspannt einkaufen gehen kann bevor man ein Kind bekommt?
Gute (Patienten-)Aufklaerung ist da noetig, aber man kann das wohl kaum von denen erwarten, die am Kaiserschnitt (zu) gut verdienen.
@manesse: Ich habe lieber ne ausgeleierte Scheide als ne eiternde Narbe am Bauch, wochenlange Wund- und Muskelschmerzen, eine Gebaermutterentzuendung, eine Plazenta Accreta und/oder einen Gebaermutterriss bei der naechsten Geburt -alles Folgen des Kaiserschnitts.
MarthaMuse (11.08.2008, 22:24 Uhr)
sternchen2020
Zitat: also, die Beschreibung, dass ein Kaiserschnitt das reinste Kinderspiel und völlig schmerzhaft se...
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Sternchen2020, Sie meinen sicher nicht "völlig schmerzhaft" , sondern "völlig schmerzfrei",gelle?
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