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1. August 2007, 14:24 Uhr

Bittere Pille per Mausklick

Internetapotheken sind ein Umschlagplatz für gefälschte Arzneien: Besonders Lifestyle-Produkte wie Schlankheitspillen oder Viagra werden häufig gefälscht. Im besten Fall enthalten sie keinen Wirkstoff, im schlimmsten einen lebensgefährlichen Zusatz.

Im Internet kursieren die Produkte skrupelloser Fälscher: Zahlreiche gefährliche Substanzen sind im Umlauf© Oliver Berg/DPA

Das Haar soll wieder sprießen, die Potenz neu erwachen, die Entzündung zurückgehen. Doch die versprochene Wirkung bleibt aus, die meist teuer über das Internet bezogenen Mittel erweisen sich als Fälschungen skrupelloser Geschäftemacher. Die Zahl der gefälschten Medikamente nimmt zu, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel, das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker oder auch die Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer warnen. Gefälscht wird alles, was sich mit Gewinn verkaufen lässt, vor allem sogenannte Lifestyle-Mittel wie Schlankheitspillen, Präparate gegen Erektionsstörungen oder Anabolika. "Die Bandbreite der Fälschungen erstreckt sich von Lifestyle-Produkten über Antibiotika, Entzündungshemmer und Hustenmittel bis hin zu HIV-Präparaten", heißt es beim Bundeskriminalamt. Der internationale Markt wird mit gefälschten und gefährlichen Medikamenten überschwemmt, vor allem Entwicklungsländer sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) betroffen. Auf dem europäischen Arzneimittelmarkt sollen die Imitate laut WHO-Schätzungen inzwischen einen Anteil von bis zu zehn Prozent haben. Für Deutschland gibt es keine Zahlen, die meisten Fachleute gehen aber von einem eher unteren einstelligen Prozentbereich aus.

Vermutlich jedes zweite Produkt gefälscht

"Einig sind sich alle Experten darüber, dass die Zahl der Arzneimittelfälschungen zunimmt", bestätigt das Bundesarzneimittelinstitut (BfArM) in Bonn, das zum Gesundheitsministerium gehört. Da Lifestyle-Medikamente häufig von illegalen Internet-Versandhändlern vertrieben würden, liege der Anteil der Fälschungen hier ganz besonders hoch - "vermutlich bei bis zu 50 Prozent". "Die Gefahrenquelle ist ganz klar das Internet", betont BfArM-Wissenschaftler Thorsten Gumz. Die Fälschungen seien von völlig "unberechenbarer" Qualität, könnten nicht nur wirkungslos, sondern auch gesundheitsschädlich oder sogar lebensgefährlich sein. Die Imitate enthalten den falschen, zu wenig, zu viel oder gar keinen Wirkstoff und sind mitunter bei der Herstellung verunreinigt worden, berichtet Roland Gugler von der Arzneimittelkommission.

Nebenwirkungen können tödlich sein

Zwar sind zahlreiche Fälschungen im Umlauf, zu den Folgen gibt es aber bisher keine gesicherten Erkenntnisse. Sie können laut BfArM vom Ausbleiben der gewünschten Wirkung bis hin zu schweren Nebenwirkungen mit Todesfolge reichen. Zugleich betont Gumz: "In Deutschland ist kein Fall bekannt, bei dem ein Mensch wegen eines gefälschten Medikaments ums Leben gekommen ist. Das muss aber nicht heißen, dass das nicht passiert sein könnte." 2005 waren vier Männer in Saarbrücken zu Haftstrafen verurteilt worden, die gefälschte Mittel mit gefährlichen Inhaltsstoffen via Internet an 8000 Kunden für Millionensummen verkauft hatten. In Kassel stehen fünf Verdächtige vor Gericht, die ein - zwar nicht gefälschtes, aber in Deutschland nicht zugelassenes - Immunstärker- Präparat aus Russland überteuert als "Krebswunderheilmittel" an 167 Patienten verkauft haben sollen. Die Patienten sind inzwischen fast alle gestorben. In Büsum an der Nordsee hoben Ermittler erst vor wenigen Tagen ein illegales Anabolika-Labor aus und stellten mehrere hundert Kilo Grundstoffe - zum Teil aus China - sicher.

Oft kaum vom Original zu unterscheiden

Eine Studie des Zentrallabors Deutscher Apotheker zeigt deutlich, dass unseriöse Händler keine Einzelfälle sind: "Wir haben bei 24 dubios wirkenden Internet-Versandhändlern das Haarwuchsmittel Propecia bestellt, zwölf haben geliefert, sechs Packungen waren gefälscht", erzählt Mona Tawab. Bei den illegalen Machenschaften gehe es um viel Geld. Das spürt auch der mit seinem Potenzmittel Viagra besonders betroffene Konzern Pfizer, dem die Fälschungen einen Schaden in zweistelliger Millionenhöhe verursachen. Zu den "echten" Fälschungen kommen laut BfArM manipulierte Präparate, bei denen Original-Arzneien mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum umverpackt werden oder Originale aus der Packung herausgenommen und durch minderwertige Ware ersetzt werden. Über die Herkunft ist dem BKA nichts Genaues bekannt: "Es gibt aber Hinweise, dass ein Teil der Fälschungen aus Osteuropa, Südostasien und auch aus Südafrika nach Deutschland gelangt." Fakt ist den Experten zufolge, dass die illegalen Kopien immer perfekter gemacht sind und sich oft kaum noch vom Original unterscheiden. Thorsten Gumz vom Bonner Bundesinstitut: "Früher waren das Schmuddelangebote, heute kann man die unseriösen Angebote im Internet kaum ausmachen, das wird immer professioneller."

Yuriko Wahl/DPA
 
 
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