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30. Juni 2006, 11:29 Uhr

Impfung gegen Magenkrebs

Kaffee, Salz und zu viel Saures setzen ihm zu, doch Magenkrebs auslösen kann nur ein jahrtausendealter Bewohner des Magens. Forscher wollen dem Bakterium "Helicobacter pylori" den Garaus machen.

Magenkrebs, Impfung, Magen

Helicobacter pylori in 75.000-facher Vergrößerung© Picture-Alliance

Das Bakterium Helicobacter pylori ist ein alter Bekannter im Darm, aber erst in den 80er-Jahren entdeckt und als Übeltäter entlarvt: "Helicobacter pylori ist der einzige belastbare Risikofaktor für Magenkrebs", sagt Thomas Meyer, Molekularbiologe am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und fügt an: "Der Einfluss der Mikrobe wurde bislang unterschätzt."

Jeder zweite Mensch trägt Helicobacter in sich

Da Magenkrebs die zweithäufigste Tumorerkrankung ist und zudem häufig tödlich verläuft, versuchen die Forscher nun herauszufinden, wie die Mikrobe die Zellen entarten lässt. Obwohl jeder zweite Mensch Helicobacter in sich trägt, bemerken ihn viele gar nicht. Sie haben keinerlei Beschwerden. "Harmlos ist der Keim dennoch nie", betont Sebastian Suerbaum von der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Mikrobe entzündet die Magenschleimhaut immer dauerhaft. Nach Jahren der Gastritis wuchern bei einigen Menschen Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre. Bei einem Prozent der Infizierten entsteht schließlich ein Magenkarzinom. "Das klingt wenig, aber es sind jedes Jahr gut eine halbe Million Menschen", betont der Mediziner.

Helicobacter pylori wird häufig innerhalb der Familie weitergegeben. Beispielsweise über den Kontakt mit Fäkalien auf der Toilette, der sich freilich mit regelmäßigem Händewaschen vermeiden ließe. Anstecken kann man sich jedoch auch beim Küssen. Hat sich das Bakterium erst einmal im Magen eingenistet, ist es nur schwer wieder zu verscheuchen.

Antibiotika-Einsatz im großen Stil ist nicht möglich

Sofern die Mikrobe überhaupt auffällt, wird sie mit mehreren Antibiotika und einem Säureblocker bekämpft. Da die Medikamente im sauren Milieu des Magens nur vermindert wirken, müssen sie in großen Dosen eingenommen werden. Oft lassen sich die schädlichen Bakterien dennoch nicht vollständig verdrängen. "Für den Einzelnen wäre eine Therapie immer sinnvoll. Aber wenn man jedem zweiten Menschen Antibiotika verabreicht, würde das die Gefahr von Resistenzen enorm erhöhen. Wir beobachten ohnehin schon jetzt eine Zunahme der resistenten Stämme", urteilt Meyer.

In dieser Zwickmühle wurde die Idee geboren, einen Impfstoff gegen Helicobacter für besonders sensible Menschen zu entwickeln. Als relativ weit entwickelt gilt Meyers Ansatz, der mittlerweile auch von dem jungen Start-up-Unternehmen Creatogen in Potsdam verfolgt wird. "Wir bringen mit einer Schluckimpfung ein Antigen des Erregers ein und stimulieren so eine Immunantwort. In Mausmodellen haben wir mit dieser Methode sehr gute Erfolge erzielt", berichtet der Erfinder. Die Mäuse konnten den Angaben nach weitgehend vor Helicobacter geschützt werden.

Schluckimpfung offenbar weniger wirksam

Zurzeit läuft eine Studie mit 50 Probanden an der Charité in Berlin. Noch ist die Untersuchung nicht abgeschlossen. Es zeichnet sich jedoch ab, dass die Schluckimpfung beim Menschen weniger wirksam ist als bei den Mäusen. "Wir haben aber Grund zur Hoffnung. Wir gewinnen sehr wichtige Erkenntnisse", kommentiert Meyer.

Bislang war nicht bekannt, ob im menschlichen Magen überhaupt eine Immunantwort angeregt werden kann. Das ist jedoch Voraussetzung, damit eine Impfung funktioniert. "Wir wissen jetzt, dass das prinzipiell gelingt", betont Meyer. Dabei spielen so genannte T-Zellen des Immunsystems eine zentrale Rolle. Sie werden im Darm gebildet und wandern von dort in das höher liegende befallene Organ ein.

Anfälligkeitsrisiko auch genetisch bedingt

Eher zufällig wurde bei den Studien ein weiteres Phänomen enthüllt: In der Magenschleimhaut einiger Menschen siedelt sich das Bakterium gar nicht permanent an. Sie sind offensichtlich immun gegen den Eindringling. "Wir möchten herausfinden, welche Patienten von Helicobacter befallen werden und welche der Infizierten mit hoher Wahrscheinlichkeit Krebs bekommen. Manche scheinen genetisch ein höheres Risiko zu tragen als andere", sagt Suerbaum. Als wunden Punkt im Erbgut kartierten die Forscher bereits verschiedene sehr kleine genetische Varianten, so genannte Polymorphismen.

Darüber hinaus hat es den Anschein, dass bestimmte Bakterienstämme der Gesundheit besonders stark zusetzen. Einige Varianten des Erregers besitzen eine so genannte Eiweißspritze. Mit dieser infiltrieren sie die Schleimhautzellen der Magenwand. Die Invasion schädigt die Zellen und leistet vermutlich den Erkrankungen Vorschub. "Es gibt einige Erfolg versprechende Forschungsarbeiten zu Impfstoffen", sagt Suerbaum. Die Zeichen für eine vorbeugende Impfung stünden günstig, lautet seine Einschätzung. "Wir werden unsere Versuche auf breiter Basis fortsetzen und auf China ausweiten. Dort ist Helicobacter pylori ein großes Problem", kündigt Meyer an. Mit einem marktreifen Impfstoff können die Forscher jedoch in nächster Zeit noch nicht aufwarten.

Susanne Donner/DDP
 
 
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