Kieler Forscher haben in Herzkranzgefäßen die Spuren von Mikroben nachgewiesen, die sonst in den Atemwegen oder auf der Haut zu finden sind - und argwöhnen, dass sie tödlich sein könnten. Von Jan Schweitzer

Unser wichtigster Muskel: das Herz© Christian von Alvensleben
Die Ermittler gingen professionell und akribisch vor, sie suchten mit modernsten Methoden und waren auf allerlei gefasst. Doch mit dem, was sie schließlich fanden, hatten sie nicht gerechnet. Nicht an diesem Ort. Nicht in dieser Art. "Das war schon eine große Überraschung für uns", sagt Stefan Schreiber, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie in Kiel.
Schreiber und seine Kollegen wiesen in einer Studie Erbsubstanz (DNA) von mehr als 50 verschiedenen Bakterien aus Mund, Haut oder Atemwegen dort nach, wo man sie nun gar nicht vermuten würde: in Plaques von Herzkranzarterien. Plaques sind Ablagerungen in Gefäßwänden, die eine so genannte koronare Herzkrankheit (KHK) verursachen und einen Herzinfarkt auslösen können.
Die Untersuchung, die vorige Woche im Fachblatt "Circulation" erschien, wirft nun mancherlei Fragen auf, von denen die entscheidenden lauten: Was haben Spuren etwa von Hautbakterien in den Plaques zu suchen? Und: Sind solche Bakterien womöglich verantwortlich für die Entstehung der Plaques und damit letztendlich für Herzinfarkte?

Der Verdacht ist nicht neu. In den vergangenen Jahren setzte sich etwa die Erkenntnis durch, dass Entzündungsprozesse entscheidend an der Gefäßkrankheit Arteriosklerose beteiligt sind, die wiederum zur KHK führen kann. Auch sind Infektionen mit Keimen schon seit langer Zeit als eine Ursache für diese Vorgänge in den Gefäßen im Gespräch. Aber vier besonders verdächtigen Keimarten konnte man bislang nichts Handfestes nachweisen. Im Gegenteil: Die Indizien sprechen eher für ihre Unschuld.
So hatte man Patienten vorsorglich Antibiotika verabreicht - in der Hoffnung, damit die Keime zu vernichten und so ihre Auswirkungen auf die Gefäße abzuwenden. Doch das Konzept scheiterte: Im vergangenen Jahr zeigten mehrere große Studien, "dass Antibiotika keine Rolle spielen bei der Behandlung der KHK", sagt Gerd Assmann, Direktor des Leibniz-Instituts für Arterioskleroseforschung in Münster. Die Patienten, die Antibiotika einnahmen, waren nicht seltener von Herz- und Hirninfarkten betroffen als Vergleichsprobanden. Damit schien für viele Forscher die These von der Beteiligung einer Infektion an der KHK erledigt.
Mit der neuen Arbeit von Schreiber und seinem Team könnte nun wieder Bewegung in die Diskussion kommen. Denn die Kieler Forscher wiesen Spuren von Bakterien in den Plaques nach, gegen die bislang eingesetzte Antibiotika womöglich gar nicht wirksam waren. Die Keime könnten somit trotz der Medikamente ihrem tödlichen Werk in den Gefäßen nachgegangen sein. "Eines scheint mit unserer Studie klar", sagt Schreiber, "die Entzündung, die in den Plaques die Gewebszerstörung vorantreibt, hat mit Bakterien zu tun."
Ob der Forscher Recht hat, muss nun geprüft werden. Schließlich weiß bislang niemand, ob das gefundene Bakterienerbgut tatsächlich von Keimen stammt, die sich in den Plaques aufhielten. Der Kardiologe Richard Shannon vom Allegheny General Hospital in Pittsburgh vermutet, dass Abwehrzellen die Erbsubstanz aus anderen Bereichen des Körpers, etwa der Haut, in die Plaques transportiert haben.
Shannon, der in "Circulation" einen kritischen Kommentar zur Studie mitgeschrieben hat, bezweifelt, dass "Bakterien eine pathogene Rolle spielen" bei der Arteriosklerose. Aber auch das ist nur eine These. "Wir haben mit unserer Studie eine neue Tür geöffnet", sagt Schreiber. "Es werden jetzt Untersuchungen folgen, die die Rolle der Bakterien als Ursache oder als begleitende Verstärkung genauer analysieren."