Medikamente können Leben retten - aber auch den Sex verleiden. Hunderttausende Männer kämpfen wegen der Nebenwirkungen von Arzneien mit Erektionsstörungen. Von Torben Müller

Anfang der 80er Jahre hat Klaus Grote erstmals Betablocker genommen. Seither leidet er unter Potenzstörungen© Klaus Lange
Früher hat Wolfgang Grote* niemals darüber nachgedacht. Es ging einfach. Immer wenn er wollte. Jahrzehntelang. Impotenz, Erektionsstörungen, schwindende Manneskraft, das waren Probleme anderer Menschen. Für ihn spielten sie keine Rolle. Bis sein Hausarzt ihm zu Beginn der 80er Jahre einen Betablocker gegen Bluthochdruck verschrieb - und sich Grotes Leben grundlegend veränderte.
Es dauerte länger als ein halbes Jahr, bis er merkte, dass etwas mit ihm nicht mehr stimmte. Als die Erektionen schwächer wurden und schließlich immer häufiger ganz ausblieben. "Es ging nicht von einem Tag auf den anderen, sondern bröselte einfach weg", sagt Grote. "Ganz langsam, peu à peu." Auf der Suche nach einer Erklärung beruhigte sich der damalige Mittvierziger zunächst mit Ausreden: ein schlechter Tag, zu müde, zu viel Stress bei der Arbeit. Dann machte er sich Gedanken über seine Partnerschaft: Stimmte es noch zwischen ihm und seiner Frau nach fast 25 Jahren Ehe? Konnten sie sich noch füreinander begeistern und sich gegenseitig erregen?
Jahrelang quälte Grote seine Liebesschwäche und ebenso die Frage nach dem Warum. Seine Frau reagierte verständnisvoll, doch über die Selbstzweifel und Unzufriedenheit half das nicht hinweg. "Das ist so, als würde man einem Gockel auf dem Misthaufen alle Federn herausreißen", sagt Grote. "Ich hatte das Gefühl, jeder auf der Straße sieht, dass ich nicht mehr kann. Auf Dauer macht das psychisch kaputt." Trotz dieser Belastung wagte er es lange nicht, sich seinem Arzt zu offenbaren. "Damals hieß es noch, 90 Prozent der Betroffenen gehören in die Psychotherapie, auf die Couch." Und da wollte er nicht hin.
So erfuhr er den wahren Grund für seine erektile Dysfunktion, wie das Phänomen Impotenz in der Fachsprache heißt, erst 1991, als er zu einem jungen Hausarzt wechselte und mit ihm über seine Schwierigkeiten sprach. "Der hat mir sofort erklärt, dass die Nebenwirkungen des Betablockers dafür verantwortlich seien", sagt Grote. Damit bestätigte der Mediziner Befürchtungen seines Patienten, die sein früherer Hausarzt noch als unbegründet abgetan hatte. Grote: "Als ich zu Beginn der Therapie nachgefragt habe, ob solche Blutdrucksenker impotent machen könnten, hat der sich kaputtgelacht."
Vielen Patienten, denen es ähnlich ergangen ist wie Grote, ist dagegen der Spaß vergangen - zumindest im Bett. Wie viele Männer in Deutschland unter Erektionsstörungen durch Arzneimittelnebenwirkungen leiden, ist unbekannt. Genaue Statistiken über das Tabuthema Impotenz gibt es nicht. Auf Basis einer Studie der Universität Köln aus dem Jahr 1998 rechnen Wissenschaftler mit rund 4,5 Millionen Betroffenen, die allgemein unter Erektionsstörungen leiden. Das sind immerhin fast 20 Prozent aller Männer zwischen 30 und 80. Bei rund einer Million davon dürften diese auf Nebenwirkungen von Medikamenten zurückgehen, schätzen die Mitarbeiter der "Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion", in der sich Grote seit 2001 engagiert.
Aber in welchen Mitteln stecken die Stoffe, die das empfindliche Lustsystem des Mannes lahm legen? "Nicht nur in Betablockern, sondern in ganz unterschiedlichen Medikamenten", sagt Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Zusammen mit der Medizinerin Isabel Ringel hat er untersucht, welche Arzneien möglicherweise Impotenz und andere Sexualstörungen hervorrufen können. Dazu analysierte das Team Daten aus dem deutschen Spontanerfassungssystem, in dem unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten registriert werden. Das Ergebnis: Rund 90 Wirkstoffe wurden darin, zumindest in einzelnen Fällen, mit Erektionsstörungen in Verbindung gebracht.
* Name geändert
Übernommen aus ...
GesundLeben
Ausgabe 6/2005