Vor kaum einer Krankheit haben Gesunde so viel Angst wie vor Demenz. Dabei sei das "große Vergessen" ein natürlicher Teil des Alterns, sagt Hans Förstl im Gespräch mit stern.de. Der Neurologe und Psychiater erzählt von den Fortschritten in der Alzheimer-Therapie - und wie sich die Gesellschaft in Zukunft um Betroffene kümmern sollte.

Eine demenzkranke Patientin sitzt im Flur des katholischen Altenpflegeheims "Franziska Schervier" in Frankfurt am Main© Picture-Alliance/DPA
Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Demenz heute noch ein natürlicher Teil des Alterns ist. Sie finden im Prinzip bei jedem alternden Menschen die typischen Alzheimer-Plaques und Neurofibrillen im Gehirn (Erklärung siehe Kasten). Je größer deren Anzahl, desto wahrscheinlicher ist eine Demenzerkrankung.
Ein möglichst gesundes Gehirn mit großen intellektuellen Reserven hilft. Nicht jeder Mensch, bei dem sich viele Alzheimer-Veränderungen finden, leidet unter einer Demenz. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass bei manchen das Gehirn besser trainiert und leistungsfähiger ist. Hier hält die Technologie noch einiges für uns bereit, denke ich. In Zukunft könnte es zum Beispiel individuell angepasste Computerspiele geben, die unsere kognitiven Fähigkeiten optimal fordern.
Die Medizin ist heute schon sehr leistungsfähig - und das kommt auf jedem Fall dem Gehirn zugute, selbst wenn es nicht direkt behandelt wird. Die altersbedingte Demenzrate sinkt, das heißt, es werden im Vergleich zu früheren Jahrzehnten prozentual gesehen weniger Menschen einer bestimmten Altersgruppe dement. Das liegt auch an der guten medizinischen Versorgung. Man forscht sogar schon daran, direkt in die Prozesse im Hirn einzugreifen und die Entstehung von Amyloid-Plaques und Neurofibrillen zu verzögern oder ganz zu verhindern.
Ja. Versuche an Alzheimer-Mäusen, zeigten, dass sogar schon gebildete Plaques im Gehirn wieder abgebaut wurden. Es spricht vieles dafür, dass ähnliches auch beim Menschen funktionieren wird. Aber: Bei uns ist diese Krankheit deutlich komplexer als bei der Maus. Wir können Demenz sicher nicht mit einer einzigen Spritze heilen!
Das bezweifle ich. Unser zentrales Nervensystem ist an sich sehr redundant aufgebaut und kann vieles abpuffern. Wenn jemand dement ist, bedeutet das: Es ist schon vieles verloren gegangen und geht längst nicht mehr nur um Plaques und Neurofibrillen. Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen wurden zum Teil schon seit Jahren, sogar Jahrzehnten geschädigt, so dass die Zellen sich überanstrengen mussten und schließlich zugrunde gingen. Solche Schäden lassen sich wahrscheinlich nicht mehr reparieren, selbst wenn das Hirn mit Hilfe einiger Spritzen die einige Plaques abbaut.
Sie würde vor allem der Prävention dienen, also der Impfung von Menschen, die noch nicht dement sind. Aber viele Fragen sind noch zu klären: Wie viele Menschen Sie zum Beispiel impfen müssen, damit Sie bei einem den Beginn einer Demenz deutlich aufschieben? Was sind die möglichen Nebenwirkungen so einer Impfung? Will die Gesellschaft die Kosten und die Risiken einer solchen Behandlung auf sich nehmen? Die Forschung dazu ist aufwendig und langwierig. Ich bin sehr froh, dass die Politik jetzt darüber nachdenkt, ein nationales Forschungszentrum zur Demenz einzurichten. Das ist nötig, um solche Studien zu organisieren und durchzuführen.
Noch gibt es die Hoffnung, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen, wenn die altersbedingte Demenzrate durch neue Behandlungsansätze und bessere persönliche Vorsorge weiter sinkt. Davon abgesehen glaube ich, dass die Betreuung von Demenzkranken eine bedeutende zwischenmenschliche Aufgabe ist. Das kann der Staat nicht allein von oben regeln. Während sich Familenstrukturen auflösen, es im Verhältnis weniger Jüngere gibt, die sich um die Älteren kümmern können, hoffe ich persönlich auf den reziproken Altruismus. Nach dem Grundsatz "Ich helfe anderen, damit mir auch geholfen wird", könnten gesunde Ältere für die anderen sorgen. Ein Pakt der Generation, statt einer zwischen den Generationen.
Zunächst einmal hängt das von der Form der Demenz ab. Neben Alzheimer und den vaskulären Demenzen gibt es zwei Arten, die kaum jemand berücksichtigt: Die Lewy-Körperchen-Demenz sowie die Frontotemporale Demenz. Die Lewy-Körperchen-Demenz lässt sich als eine Mischung aus Alzheimer und Parkinson beschreiben, die Betroffenen haben zudem Halluzinationen; Sie nehmen die Umwelt also zeitweise verzerrt wahr und sind verwirrt. Die Frontotemporale Demenz geht mit einer Veränderung der Persönlichkeit einher. Wenn Menschen an dieser Krankheit leiden, ist ihnen die Umwelt häufig egal. Menschen, die eine vaskulär bedingte Demenz haben, ist oft schmerzlich bewusst, dass etwas nicht mehr funktioniert - wenn sie etwa Probleme beim Gehen haben. Bei der Alzheimer-Demenz ist das so genannte deklarative Gedächtnis stark beeinträchtigt: Aber auch wenn Betroffene Gesprochenes nicht mehr einordnen können, reagieren sie auf Gesten, auf Mimik - eben auf alles, was wir nicht durch Sprache ausdrücken. Diese Signale machen schätzungsweise 80 Prozent der Kommunikation aus, die Patienten nehmen also vieles wahr.
Die Verachtung der Gesunden gegenüber der Demenz halte ich für ausgesprochen dumm. Auch Menschen mit einer Demenz sind zu tiefen Empfindungen fähig. Sie können sich für Musik begeistern, für Bilder, in Erinnerungen schwelgen. Und sie können auch lange Zeit liebevoll mit den Menschen umgehen, die sie umgeben.
Was im Gehirn passiert Bei Alzheimer bilden sich typische Eiweißablagerungen zwischen den Nervenzellen, die Amyloid-Plaques bzw. Alzheimer-Plaques. Gleichzeitig sammeln sich im Inneren der Zellen so genannte Neurofibrillen an - verdrehte Eiweißfasern, die der Körper nicht mehr abbauen kann. Beide zusammen scheinen dazu zu führen, dass Nervenzellen absterben. Inzwischen gibt es medizinische Ansätze einer Art Impfung gegen diese Eiweiß-Klumpen. Sie führt - zumindest bei Mäusen dazu - dass Plaques zum Teil abgebaut werden und in geringerem Maß neu entstehen.