Kürzlich verkündeten Forscher aus Texas, dass sie Kokainabhängige mit einer Impfung therapieren wollen. Im stern.de-Interview erklärt der Münchner Suchtexperte Felix Tretter, wie so eine Spritze funktioniert - und wann sie wahrscheinlich versagt.

Ein Impfstoff soll bewirken, dass Kokain im Gehirn keine Wirkung mehr entfalten kann© Picture-Alliance/Keystone
Die Idee ist hochinteressant. Mit Hilfe des Impfstoffs soll das menschliche Immunsystem die Droge im Blut inaktivieren, bevor sie im Gehirn ihre Wirkung entfalten kann. Allerdings scheiterten Impfversuche gegen Heroin schon vor Jahren kläglich. Von den möglichen Nebenwirkungen des Medikaments ganz zu schweigen.
Wir können überhaupt nicht abschätzen, wie sich eine solche Impfung auf das menschliche Immunsystem, auf Allergien, auf Autoimmunerkrankungen auswirken würde. Schlimmstenfalls könnte die Vakzine die Körperabwehr völlig aus dem Gleichgewicht bringen. Zumal die Impfung sicher nicht bei allen Kokainsüchtigen funktionieren wird.
Ein Drogensüchtiger könnte die Impfwirkung umgehen, indem er zum Beispiel die dreifache Menge Kokain einnimmt - zu viel, um von den Antikörpern des Immunsystems abgefangen zu werden. Darum bin ich skeptisch, auch wenn es natürlich schön wäre, eine neue Option in der Behandlung dieser hartnäckigen Suchterkrankung zu haben.
Wir erleben zwei sehr unterschiedliche Gruppen von Kokainsüchtigen. Da gibt es die Künstler, die mit der Droge ihre Kreativität steigern wollen. Auch Schauspieler oder Regisseure mit einem labilen Selbstwertgefühl können dazu gehören. Die Droge holt sie aus dem emotionalen Loch, wenn der Applaus ausbleibt. So behandelte zum Beispiel Fassbinder seine Depressionen mit Kokain. In ärmeren Kreisen dagegen wird eher das billigere Crack konsumiert.
Zunächst müssen die Patienten einen Entzug durchlaufen. Innerhalb von 10 bis 21 Tagen sollen sie den überstehen, dabei können Antidepressiva, aber auch Benzodiazepine zur Beruhigung helfen.
Wenn jemand seit mehreren Jahren Kokain einnimmt, fällt er nach einem Entzug leicht in alte Verhaltensmuster zurück. Darum raten wir meist zu einer stationären Entwöhnungstherapie. In der Klinik sollen die Suchtkranken ein neues Muster der Lebensführung lernen, vom Scheitel bis zur Sohle. Sie lernen einen geregelten Tagesablauf kennen, und sie üben, Probleme zu kommunizieren statt sich zu betäuben. Auch Entspannungstechniken stehen auf dem Programm. Nach der Entlassung hilft die Teilnahme an Selbsthilfegruppen enorm. Das steigert die Abstinenzrate um fünf bis zehn Prozent.
Sechs Monate nach Ende der Behandlung haben Studien zufolge im Durchschnitt 60 bis 70 Prozent der Kokainsüchtigen wieder zur Droge gegriffen. Wie viele Menschen das konkret sind, wissen wir allerdings nicht.
Wir wissen aus Umfragen, dass zwischen 100.000 und einer Viertel Million Menschen in Deutschland Kokain konsumieren. Das ist jedoch sehr ungenau, auch weil viele Konsumenten dazu neigen, den Konsum zu verleugnen. Daher sind wir auch kaum in der Lage, eine mögliche Zunahme des Konsums festzustellen. Eine gute Möglichkeit wäre, die Abwässer in Großstädten auf Kokainmetabolite hin zu untersuchen. Die Messtechnik dafür ist ausgereift, doch gibt es noch keine ernsthaften Versuche, sie bei uns großflächig einzusetzen. Doch erst wenn wir wissen, wie sich die Drogensituation in verschiedenen Städten entwickelt, können wir effektiv dagegen vorgehen.
Mehr zum Thema Sucht... ...lesen Sie im aktuellen stern.