Viele Methoden der Alternativmedizin sind nur Placebos - sagen der Forscher Edzard Ernst und sein Co-Autor, der Wissenschaftsjournalist Simon Singh.
Ernst: Teils ganz erstaunliche Behandlungsmethoden: Hypnose etwa wirkt gut bei Reizdarm und gegen Schmerzen, Massage gegen Angstzustände. Und viele der wirklich überzeugenden Ergebnisse kommen aus der Pflanzenmedizin. Aber für mich gibt es keine negativen Resultate. Wenn ich etwa zeige - wie wir es getan haben -, dass Homöopathie keine spezifische Wirkung hat, dann ist das eine gute Nachricht für den Patienten. Weil er sich dann stattdessen etwas suchen kann, das wirklich hilft.
Singh: Viele der Behandlungsmethoden - wie Akupunktur oder Homöopathie - wurden entwickelt, als die Menschen noch nichts wussten von Physiologie, Pathophysiologie oder Krankheitserregern. Sie versuchten einfach alles, was sie zur Hand hatten, es war ein vollkommen unwissenschaftlicher Ansatz. In den vergangenen Jahrzehnten wurden alternative Therapien einseitig positiv dargestellt. "Traditionell" ist gut, "natürlich" ist gut - das war die Idee. Wir sagen: Lasst uns den Rummel und das Marketing vergessen und diese Therapien eine nach der anderen wissenschaftlich abklopfen. Wir erwarten von konventioneller Medizin, dass ihre Wirksamkeit und Sicherheit zuverlässig getestet wird. Wir sollten das Gleiche von alternativen Therapien fordern.
Ernst: Unser Hausarzt war ein bekannter Homöopath. Für mich war die alternative Szene nichts Merkwürdiges, sondern etwas, mit dem ich aufwuchs. Und als ich mit meinem Medizinstudium fertig war, arbeitete ich ein halbes Jahr am Krankenhaus für Naturheilweisen in München, lernte, mit Homöopathie, Akupunktur und Ähnlichem zu behandeln. Dann wechselte ich ins Labor und wurde Forscher, und das hat meinen Blick schon deutlich verändert, weil man ja die Ergebnisse eigener Studien und die Resultate anderer Forscher kritisch analysiert. Nachdem ich mich schließlich ganz der Erforschung der Alternativmedizin verschrieben hatte, wurden mir immer mehr Dinge recht eindeutig klar.
Ernst: "Dies ist ein Placebo. Es wirkt, falls Sie das wollen." Spaß beiseite, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Hersteller so etwas tun würden. Aber wenn man überall in der Medizin gleiche Standards anlegen würde, müssten sie es.
Singh: Der Placeboeffekt ist wunderbar,
und er hilft Patienten. Aber rechtfertigt er,
dass man diese Therapien verkauft? Ein
Homöopath verabreicht teils Mittel, die allein
aus Zucker bestehen, ohne Inhaltsstoffe.
Das ist unehrlich. Geht es nur um etwas
Harmloses wie Kopfschmerzen, mag das
nicht schlimm sein. Aber vielleicht steckt
dahinter eine ernsthafte Erkrankung, die
schleunigst behandelt werden müsste, und
dann wird eine wirksame Therapie verzögert.
Ich wurde durch Malaria zu diesem
Buch inspiriert. Britische Homöopathen
sagen, sie könnten Menschen gegen Malaria
schützen - aber kein Placebo kann das.
Ernst: Man könnte argumentieren, dass
alternative Therapien weitgehend harmlos
sind. Aber einige unterminieren unsere
Vernunft. Gesundbeten ist ein gutes Beispiel.
Wenn wir glauben, dass uns eine
göttliche oder kosmische Energie heilen
kann - was glauben wir dann als Nächstes?
Abgesehen davon braucht es auch gar kein
Placebo, um einen Placeboeffekt zu erzeugen.
Eine Aspirinpille etwa hat ihn schließlich
genauso - und hat pharmakologische
Effekte noch dazu.
Ernst: Eine Homöopathin bei einer unserer Studien fand einen kleinen braunen Fleck auf ihrer Haut. Aber obwohl sie täglich mit Ärzten zusammenarbeitete, erwähnte sie das nicht, sondern behandelte sich lieber selbst. Noch bevor die Studie beendet war, starb sie an Hautkrebs. Hätte man ihn früh erwischt, wäre das Ganze mit einem winzigen Eingriff erledigt gewesen.
Ernst: Es herrscht eine gewisse Ernüchterung und Enttäuschung. Mitte des vergangenen Jahrhunderts feierten wir gewaltige Erfolge in der Medizin, und es entstand der Eindruck, dass chronische Krankheiten bald ausgemerzt sein würden oder dass es keinen Krebs mehr geben würde. Aber wir sind weit davon entfernt, Krebs zu besiegen, auch chronische Krankheiten gibt es nach wie vor. Und was die konventionelle Medizin dafür bietet, ist oft ziemlich furchtbar. Also gucken die Leute sich anderswo um.
Ernst: Vielleicht. Aber ich sage oft: Es wird nie ein alternatives Heilmittel für Krebs geben. Denn das setzt voraus, dass Onkologen zynische Halunken sind, die etwas verwerfen, nur weil es aus dem alternativen Bereich kommt. Meiner Erfahrung nach würden Onkologen alles versuchen, um ihren Patienten zu helfen. Scheint etwas erfolgversprechend, so wird es beforscht, und wenn es sich als wirksam und sicher erweist, wird es Teil der konventionellen Medizin. Das kam schon häufig vor. Das Krebsmittel Taxol etwa stammt aus der Pazifischen Eibe.
Singh: Wir werden auch oft gefragt: Habt ihr dies probiert, habt ihr das probiert? Aber darauf kommt es einfach nicht an. Warum soll ich arrogant sein und meine Meinung zählen lassen, wenn mir Studien die Meinungen von Tausenden Patienten und Hunderten Ärzten geben? Käme morgen eine Metaanalyse heraus, nach der Nachtkerzenöl medizinisch effektiv ist, würden wir das sofort ins Buch nehmen. Ich bin durchaus bereit, von Fakten zu lernen. Leider sind viele alternative Therapeuten weniger aufgeschlossen.
Ernst: Häufig bringe ich zu Vorträgen eine Flasche Rotwein mit. Die verspreche ich demjenigen, der mir eine Therapie nennen kann, deren Wirksamkeit man nicht klinisch überprüfen könnte. Dann nennen sie etwa die Homöopathie, weil dort die Behandlung auf den Einzelnen zugeschnitten werden muss. Aber man kann hundert Menschen in Gruppen teilen, und die eine bekommt eine individualisierte Behandlung und die andere ein Placebo. Das ist relativ einfach. Bisher habe ich meinen Wein immer mit nach Hause genommen.
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Stern
Ausgabe 13/2009