Schlenkern Ihre Arme beim Joggen auch so seltsam durch die Luft? Wie viel Belastung verträgt eigentlich Ihr Körper? Bei einem Laufseminar mit Ex-Europameister Thomas Wessinghage lernen Freizeitathleten ihre Fähigkeiten kennen - danach verliert selbst ein Marathon seinen Schrecken

Noch haben sie Kraft zu lächeln: Erst traben die Hobbyläufer und ihr Coach Wessinghage (Mitte) locker am Ostseestrand, die Tempoverschärfung kommt später© Jörg Fokuhl
Vielleicht hätte ich einfach den Mund halten sollen. Aber bis eben war ja alles noch ganz harmlos. So harmlos wie der Name der Übung, die für heute Nachmittag auf dem Programm unseres Laufseminars steht: Fahrtspiel in freier Natur. Lockerer Dauerlauf - und dazwischen ein paar Sprints. Zwei, vier, sechs, acht Minuten. Immer ein bisschen länger. Und reihum jeder Teilnehmer mal vorneweg, als Lokomotive, die die anderen mitzieht. Doch dann, ausgerechnet, als es an die längste, die Acht-Minuten-Etappe ging, musste ich unseren Coach herausfordern: "Thomas, gib du doch mal das Tempo vor."Nun zeigt meine Pulsuhr 186, und ich bin froh, dass die fliegenden Beine vor mir nicht irgendeinem Thomas gehören, sondern Dr. Thomas Wessinghage, ehemaliger Spitzenläufer und erfahrener Mediziner. Also jemand, der schon wissen wird, was er uns zumuten darf. "Noch eine Minute", sagt Wessinghage mit ruhiger Stimme. Der Schweiß rinnt mir an den Schläfen hinunter, das Ziehen in den Oberschenkeln wird stärker, aber es ist ein tolles Gefühl, mit einem Europameister Schritt zu halten, auch wenn dessen Sieg über 5000 Meter in Athen schon 23 Jahre zurückliegt. Von Stolz beflügelt, schließe ich noch einmal zu ihm auf - und traue meinen Augen nicht: Der schwitzt nicht. Was unsere Drehzahlmesser in den roten Bereich treibt, ist für den 53-Jährigen entspanntes Schleichen. Erschöpft erreichen wir unser Ziel, den Klinikkomplex im Ostseebad Damp. Wessinghage trabt gleich weiter: "Ich muss zur Chefarztsitzung, bis später." Wahrscheinlich braucht er nicht mal eine Dusche.

Das Einmaleins der Profis: Wessinghage bereitet seine Lauf-Kundschaft erst in der Theorie vor© Jörg Fokuhl
Kein Wunder, dass Damp den Mann verpflichtet hat. Der Kurort an der Eckernförder Bucht in Schleswig-Holstein, eine Betonklotzsiedlung aus den 70ern, genießt einen soliden Ruf: als erstklassige Adresse für Patienten mit künstlichen Hüft- und Kniegelenken. Im Wellness-Zeitalter aber will man dynamischer daherkommen. Das Motto: Bewegung. Also haben die Reha-Klinik und das Deutsche Zentrum für Präventivmedizin seit knapp drei Jahren in Wessinghage einen ärztlichen Direktor, der trotz Anzug und Krawatte im Joggingschritt über die langen Flure federt - quasi als lebender Beweis, dass Laufen fit hält. Vorausgesetzt, man macht es richtig. Und so gibt Wessinghage Wissen und Erfahrung in Kursen weiter. Vom Wochenendseminar für Anfänger bis zum Sieben-Tage-Training für Marathonläufer und solche, die es werden wollen.
So wie wir. Zwölf Vertreter dieser in bunte Funktionskleidung gehüllten Spezies, die in jedem Park zu besichtigen ist, Hobbysportler, die auf keinem Treppchen mehr stehen werden, aber dennoch vom Ehrgeiz gepackt sind. Hermann aus Lingen zum Beispiel, er ist frisch pensionierter Schulleiter, mit 65 Jahren der Älteste. Er will Selbstvertrauen tanken, um sich im Herbst an die berüchtigten 42,195 Kilometer zu wagen - und die Fotos vom Zieleinlauf an sein altes Gymnasium schicken. Alle sprechen von Urlaub, wenn sie die Woche in Damp meinen. Obwohl sie sich hier richtig antreiben lassen: Der Tag beginnt morgens um acht mit Joggen am Strand und endet zwölf Stunden später mit dem letzten Vortrag. Der Terminplan ist so dicht, dass das Programm manchmal nur im Laufschritt zu bewältigen ist.
Wer so viele Kilometer abreißt, muss Muskulatur aufbauen und sie gleichzeitig flexibel halten, sagt Jochen, der Physiotherapeut. Nur so bleibe der Oberkörper beim Laufen stabil und die Bandscheibe heil. Also trainieren wir auch immer wieder Bauch, Rücken und Gesäß.
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Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2005