Sie sind noch nicht mal 18 - und wiegen schon über 100 Kilo. In der Spessart-Klinik Bad Orb sollen fettleibige Kinder ihre überzähligen Kilos verlieren: Mit Sport, gesunder Ernährung und Verhaltenstraining machen sie erste Schritte in ein leichteres Leben. Von Angelika Unger, Bad Orb

Maike, Patrick und Annabel wollen auch nach dem Aufenthalt in der Klinik weiter abspecken: "Wenn man will, schafft man alles", sagt Annabel© Angelika Unger
Gestern ist Annabel schwach geworden. Sie ist runtergegangen in die Stadt, in die Notfall-Apotheke, weil ja Sonntag war und alles andere geschlossen, und hat eine Riesenpackung Gummibärchen gekauft. Vitaminbärchen, 500 Gramm, sie hat sie alle auf einmal aufgegessen.
Jetzt schämt sie sich ein bisschen, denn eigentlich ist sie ja hier, um abzunehmen, in der Spessart-Klinik Bad Orb. Bad Orb ist eine hessische Kleinstadt, bei schlechtem Wetter hängt der Nebel tief in den bewaldeten Hügeln rund um den Ort, es gibt eine Saline, einen Kurpark, und eine Klinik für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Platz für 160 junge Patienten wie Annabel, die 18 ist und 80 Kilo wiegt.
Die meisten sind hier, weil sie zu dick sind. Krankhaft zu dick. Fettleibigkeit, oder auch: Adipositas, so nennen Mediziner starkes Übergewicht, das den ganzen Körper belastet und Folgekrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen kann.
Für Annabel ist es schon der zweite Besuch in der Spessart-Klinik. Vor zwei Jahren war sie schon mal hier. Sieben Kilo nahm sie damals ab, trat danach zuhause ins Fitness-Studio ein. "Aber wenn man da raus kommt, hat man Hunger. Und dann isst man halt, was zuhause da ist, oder holt sich in der Stadt was", sagt sie. Statt weiter abzunehmen, legte sie wieder ein paar Pfund zu.
"Hier ist Abnehmen selbstverständlich", sagt Patrick, 18, der in der Klinik 15,1 Kilo verloren hat. Sein Gewicht, Stand: Montagmorgen, 7 Uhr: 112,9 Kilo. "Man nimmt quasi nebenbei ab." Dafür sorgt auch der straffe Zeitplan, der gar keine Zeit fürs Essen aus Langeweile lässt: Um 7.15 Uhr weckt die Nachtschwester die Jugendlichen, um 8 Uhr gibt es Frühstück. Wer schulpflichtig ist, geht dann für ein paar Stunden zum Unterricht in der klinikeigenen Schule. Was danach passiert, hängt ab von dem Therapieplan, der für jeden erstellt wird: Die Jugendlichen gehen schwimmen, strampeln auf dem Ergometer, kochen gesunde Döner oder lernen im Essverhaltenstraining, dass sie beim Anbraten Fett sparen können, indem sie eine Teflonpfanne benutzen.
Das Programm hat sichtbaren Erfolg; einen Erfolg, der die Patienten stolz macht. In ihrer Umhängetasche wühlt Annabel nach den "Vorher"-Fotos, die sie an ihrem ersten Tag in der Klinik zeigen. Es sind zwei Bilder, eines von vorn und eines von der Seite, auf beiden trägt sie weite Shorts und ein Nike-T-Shirt, und tatsächlich sieht sie darauf deutlich runder aus als heute. "Naja, viel sieht man nicht", sagt sie ein bisschen verlegen, "Ach komm, klar sieht man was", widerspricht ihre Freundin Maike.

Maike strampelt auf dem Ergometer. Ihr Ziel: 65 Kilo wiegen - dazu müssen noch 19 runter© Angelika Unger
Es ist vor allem die Gemeinschaft, die die Jugendlichen stark macht. "Hier haben alle das gleiche Problem", sagt Maike, die mit ihren Freunden zuhause nie offen über ihr Gewicht reden konnte. Mit seinen langen Gängen, dem Billardraum und dem Schwarzen Brett im Flur könnte das Jugendhaus der Klinik auch ein Schullandheim sein, nur dass es in den Fluren nach Sole riecht und an den Wänden moderne Kunst hängt.
Im Billardraum herrscht Ferienlager-Atmosphäre, dort halten sich Jungs und Mädels kichernd in den Armen, die Wände sind mit Collagen geschmückt, die Fotos ehemaliger Patienten zeigen. Es gibt ein Internet-Forum, über das die Ehemaligen in Kontakt bleiben können, und über Silvester veranstaltet die Klinik ein Wintercamp. Und nicht nur das, zwischen den Jugendlichen gibt es eine Art stillschweigenden Wettbewerb, erzählt Maike: "Wer hat diese Woche am meisten abgenommen?" Zehntelkilos spielen eine große Rolle in der Spessart-Klinik.
Maike ist 16 und 1,64 Meter groß. Sie macht sich gern hübsch, ihre Haare hat sie blondiert, in der Nase ein Piercing und in der Zunge noch eins. Sie trägt Glitzerkajal und macht den anderen Mädels die Fingernägel. Irgendwann hatte es Maike einfach satt, dass all die schönen Klamotten kniffen, nicht gut aussahen an ihr. "Man kann nicht leugnen, dass die Leute aufs Äußere gucken", sagt sie ganz nüchtern und spielt abwesend mit ihrem Schlüsselbund. "Die gucken einen schon mal schief an."