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20. Dezember 2007, 09:31 Uhr

Raucher, aufstehen. Und draußen qualmen.

Gestern kritisierte stern-Redakteur Hans-Ulrich Jörges die neuen Gesetze zum Rauchverbot. Sie würden Freiheitsrechte und Menschenwürde verletzen. stern.de-Redakteurin Nina Bublitz sieht das komplett anders: Das Rauchverbot war überfällig, findet sie.

Ab dem 1.1. gilt das Rauchverbot in elf Bundesländern.© Nigel Treblin/DDP

Klar, viele Raucher sind sauer. Der Zug an der Zigarette wird künftig weniger Vergnügen bereiten, wenn Raucher frierend auf der Straße stehen. Also klagen sie, dass ihr Recht auf freie Entfaltung gekappt wird. Aber, so ärgerlich es den Rauchern erscheinen mag: Es geht eben nicht anders. Die Entscheidung für das Rauchverbot war eine klare Güterabwägung. Das Recht aller Anwesenden auf unbelastete Luft in Gaststätten zählt mehr als das Recht des Rauchers, in diesen Räumen zu qualmen. Es geht nicht nur um Gestank und Brandflecken. Denn dass nicht nur Rauchen, sondern auch Passivrauchen schädlich ist, wurde längst wissenschaftlich belegt. Es gibt keinen Grund, Rauchen in der Gastronomie noch länger zu tolerieren. Und da die Mehrheit der Raucher nicht freiwillig auf die Zigarette im Restaurant verzichtet, musste ein Verbot her.

Nichtraucher wurden eingeschränkt

Bislang mussten die Nichtraucher aus der Kneipe raus auf die Straße, wenn sie einmal frische Luft schnappen wollten. Bislang mussten alle, die den Qualm kaum ertragen, abwägen, ob sie in eine Kneipe gehen oder lieber zu Hause bleiben - so viel zur freien Entfaltung. Raucher dagegen hatten die freie Wahl. Es gibt genug Raucher, in deren Wohnung Zigaretten tabu sind, damit die Luft gut und die Tapete weiß bleibt - als Alternative konnten sie in der Gastronomie so viel qualmen, wie sie wollten, auf Kosten der Nichtraucher. Jetzt werden eben die Raucher etwas eingeschränkt.

Ja, beim Rauchverbot handelt sich um einen Eingriff des Staates, eine weitere Reglementierung, und das darf, das sollte man sogar kritisieren. Es wäre sicherlich schöner, wenn wir das ohne ein Gesetz hätten klären können: Wenn Raucher aus gutem Willen nicht zwischen Vorspeise und Hauptgang zur Schachtel greifen, sondern erst nach dem Dessert - und nach der zweiten oder dritten Zigarette ganz selbstverständlich draußen rauchen. Und wenn die anderen Anwesenden die drinnen gerauchten Zigaretten akzeptieren, weil sie für das Wohlbefinden des Rauchers wichtig sind, und sich ätzende Kommentar und Nichtraucher-Kreuzzüge sparen. Doch so gut dieses System im privaten Umfeld funktionieren mag, es wäre garantiert in jedem Restaurant, in jeder Kneipe gescheitert. Die Selbstverpflichtung des Gaststättenverbandes, in 30 Prozent aller Speisebetriebe 30 Prozent Nichtraucherplätze einzurichten, war alles andere als überzeugend: Ohne räumliche Trennung verteilt sich der Rauch und wabert auch zu Nichtraucherplätzen. Zudem wurde nie kontrolliert, welche Gaststätten tatsächlich über Nichtraucherplätze verfügten. Im Prinzip wurde gequalmt wie immer - ein Verbot war also unumgänglich.

Zigaretten stehen nicht für Freiheit

Und alle, die jetzt raunen, wo der Staat noch die Bürger einschränken und kontrollieren will, schalten bitte einen Gang runter. Hier geht es ums Rauchverbot. Punkt. Es geht nicht ums Tempolimit, es geht nicht um ein Verbot von fettem Essen oder Zucker, es wird nur ein einziges Recht beschnitten: in Gaststätten zu rauchen. Wegen dieses Beschlusses steigt sicher auch nicht die Wahrscheinlichkeit, dass Herr Schäuble seine Online-Durchsuchungen im Gesetz verankern darf.

Abgesehen davon taugen Zigaretten sowieso nur bedingt als Freiheitssymbol. Den Eindruck, dass Rauchen cool und verwegen ist, haben Tabak- und Filmindustrie leider Jahrzehnte lang erfolgreich vermittelt. Nach einer Analyse kalifornischer Wissenschaftler wird pro Stunde Hollywoodfilm durchschnittlich elfmal auf der Leinwand geraucht. Und: Seit den 50ern wurden die Rauchszenen nicht seltener, sondern häufiger. Aus diesem Grund fällt es jetzt leicht, alle, die sich für ein Rauchverbot aussprechen, als genussfeindlich und freudlos abzustempeln. Die Raucher werden dagegen als unerschrockene Freiheitskämpfer in Szene zu gesetzt. Blödsinn! Die Tatsache, dass jemand raucht, lässt keine Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zu. Die Vorstellung, dass Raucher per se mehr Spaß am Leben haben als Nichtraucher, ist ebenso unsinnig wie das Vorurteil, dass Raucher dümmer sind, weil sie einer Sucht frönen. Diese Dinge sind nicht verknüpft.

Aber: Am Ende des Tages bleibt Rauchen, auch wenn Zigaretten legal sind, eine Sucht. Für fast jeden Raucher gilt: Er ist nicht so frei, eine Zigarette zu genießen. Sondern sein Körper verlangt nach Nikotin, weshalb er sich früher oder später eine anzünden muss, damit die Entzugserscheinungen wieder abklingen. Manchem mag dies in Zukunft bewusster werden, wenn er zum Rauchen hinaus in die Kälte muss. Das wäre nicht der schlechteste Effekt des Rauchverbots.

 
 
KOMMENTARE (10 von 113)
 
MarkusMcFly (23.12.2007, 11:03 Uhr)
Alltag
MarkusMcFly (23.12.2007, 10:58 Uhr)
Märchen
Immer wieder diese Märchen. Wo geraucht wird, ist tolle Stimmung. Wo nicht geraucht wird, herrscht gähnende Leere, regieren Frustration und Langeweile. Leute, ihr habt wohl zuviel FERNSEHWERBUNG gesehen!! Leider hat die Fernsehwelt so rein gar nichts mit dem Alltag in den Krebskliniken zu tun. Aber das wird von den Rauchern konsequent ausgeblendet. Raucher, träumt weiter, von der Freiheit, wie ihr sie versteht!
AST61 (22.12.2007, 23:42 Uhr)
@catcme...weltoffen
jau:-)
atride (22.12.2007, 17:41 Uhr)
@Schrammel
da ihre gesamte Argumentation, ich will das wohlwollend mal so benennen, auf der Behauptung einer "Nichtraucher-Minderheit" fußt, es faktisch aber eine Nichtraucher-Mehrheit gibt, löst sie sich auf wie ein lauwarmer Furz im Wind.
Und ihr Vergleich "Raucher-" und "Judenverfolgung", so ist ihr letzter Satz ja wohl zu verstehen, disqualifiziert sie bis über die Grenzen des bekannten Universums hinaus. Eigentlich müssten Sie dafür ein paar hinter die Löffel bekommen...
Redaktion (21.12.2007, 17:21 Uhr)
Vielen Dank!
Liebe User,
vielen Dank für Ihre angeregte Diskussion. Ihre überwältigende Beteiligung zu diesem Artikel haben wir zum Anlass genommen und Ihre Meinungen in einem eigenen Beitrag zusammen gefasst. Sie finden diesen unter http://www.stern.de/politik/deutschland/:%0A%09%09Das-Befreiung-Nichtraucher/606132.html
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Schrammel (21.12.2007, 17:12 Uhr)
Leider knapp daneben
Während die meisten Diskutanten zu diesem Thema nur aus dem Bauch heraus argumentieren und bewerten, beruft sich Frau Bublitz immerhin auf das "Recht" und das ist gut so. Aber das war´s dann auch schon, denn wieder einmal wird hierbei unser höchstes, wichtigstes Recht ausgeblendet: die Verfassung, die konstitutiven Grundrechte, die eigentlich bei (nicht nur bei) diesem Thema handlungsleitend sein sollten.
Wo ist das (Grund-)Recht auf Gaststättenbesuch verankert? Natürlich nirgendwo! In Europa, zumindest im westlichen Teil, basierte die Gastronomie stets auf privater Unternehmung - seitens des Betreibers und des Besuchers. Entgegen der Auffassung von Frau Bublitz konnte bisher jeder das Lokal seiner Wahl besuchen. Und, wenn auch durch bequemes Verhalten von Nichtrauchern geschuldet, etwas verzögert, es stellten sich auch viele Lokale auf das geänderte Nachfrageverhalten von Rauchern und Nichtrauchern ein.
Zu einem Gaststättenbesuch war niemand gezwungen wie zu einem Behördenbesuch. Nun setzt eine Nichtraucher-Minderheit faktisch "ihr Recht" darauf durch, daß der Staat Gaststätten für sie vorhält, und zwar komplett rauchfreie. Während sie vorher die Auswahl hatten, wird nun Rauchern überhaupt keine Wahl mehr gelassen; sie werden schlicht ausgegrenzt.
Und nebenbei wird das Grundrecht allgemeinen Handlungsfreiheit (Art.2) unzulässig eingeschränkt, weil Nichtraucher einer möglichen Gesundheitsgefährdung stets mit einfachen Mitteln ausweichen konnten: fernbleiben oder anderes Lokal suchen.
Herr Jörges hat somit vollkommen Recht, wenn er die Verfassungswidrigkeit des Raucherbekämpfungsgesetzes beklagt. Und leider, Frau Bublitz, natürlich läßt sich angesichts der diesem Vorhaben zugrunde liegenden gesellschaftlichen Entwicklung auch nicht allzu schwer ein Zusammenhang der Verbotsolympiade mit schwindender demokratischer Legitimität von Regierungen und wachsendem Eifer bei der Überwachung des Volkes herstellen.
das Ganze gerät allmählich aus dem Ruder, und das Rauchverbot ist ein markantes Beispiel dafür, wie leicht Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuwiegeln sind und wie wenig Freiheit immer noch oder schon wieder zählt. In gewisser Hinsicht hatten wir das alles auch schon einmal...
Dewerth (21.12.2007, 17:08 Uhr)
Und dann ging der Gutnichtraucher Atticus...
blind vohor Schahadenfreude über den Zebrastreifen uhund lahachte sich über die Bösraucher an der Strahaßenecke kapuhutt, als ihm ein Rahadfahrer das Gebiss raussemmelte.
Mein Gott, was für Thema. Darüber hat sich vor Jahren noch keine Sau aufgeregt. Aber jetzt ist wieder Hexenjagd angesagt. Die geht mir als ehemals Viel-, seit Jahren Nichtmehrraucher gewaltig auf den Senkel.
Eriophorum (21.12.2007, 13:53 Uhr)
Einfach großartig!
Hallo Frau Bublitz,
vielen Dank für Ihren hervorragenden Kommentar!
Sie haben meiner Frau und mir aus der Seele gesprochen.
muddi (21.12.2007, 13:35 Uhr)
Unvernünftige Raucher
Schon mal einem Kehlkopf-amputierten Krebspatienten den Schleim abgesaugt? Es ist wirklich nicht appetitanregend! Schon mal einem Raucherbein-amputierten Menschen die Prothese angeschnallt? Ich schon! Mein Vater war so süchtig nach Nikotin, dass er sogar nachts aufgestanden ist, um zu rauchen. Das Ergebnis seiner über 50-jährigen Raucherkarriere: Kehlkopfkrebs, Raucherbein und Beerdigung noch vor seinem 65. Geburtstag. Ganz zu schweigen vom 18-monatigen Krankenhausaufenthalt mit Chemotherapie und Bestrahlung. Alle, die das Rauchen nicht freiwillig einschränken oder aufgeben sind in meinen Augen Langzeit-Selbstmörder, die sich hinter der Bezeichnung "Genießer" verstecken.
atticus (21.12.2007, 13:31 Uhr)
Und ihr könnt euch auf den Kopf stellen,
das Rauchverbot KOHOMMT... Und allein die Tatsache, wie sich die Junkies hier echauffieren, macht die ganze Sache noch SCHÖHÖNER. Allein der Gedanke daran, wie sie mit hochrotem Kopf, drei Fluppen gleichzeitig inhalierend vor dem Compi sitzen und sich aufregen...
Junkie bleibt halt Junkie.
meepmeep (21.12.2007, 12:35 Uhr)
Sehr schöner Artikel.
Schade nur, dass die Raucher die geschilderten Tatsachen niemals begreifen werden oder wollen.
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