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16. September 2008, 17:18 Uhr

Raucher sind doch krank

Hilfsangebot oder Stigmatisierung? Die Bundesärztekammer will Raucher als "krank" einstufen und damit zu Patienten machen. Kein schlechter Ansatz. Es fehlen jedoch konkrete Vorschläge der Mediziner, wie sie helfen und damit ihre Extra-Einnahmen rechtfertigen könnten. Von Björn Erichsen

Rauchen wird als Lifestyle-Problem eingestuft - nicht als Suchterkrankung© Colourbox

Der Montag muss ein aufregender Tag für Marianne Tritz gewesen sein. Anlässlich des Suchtgipfels der Bundesregierung hatte die Bundesärztekammer gefordert, Raucher künftig als "Kranke" einzustufen, was der Geschäftsführerin des Deutschen Zigarettenverbandes die Zornesfalten auf die Stirn trieb. "Wer das fordert, erklärt ein Drittel der deutschen Bevölkerung auf einen Schlag als krank", gab sie öffentlichkeitswirksam zu Protokoll. Und weiter: "Ich halte diesen Vorschlag für krank!" Als nächstes ist dann der Weinliebhaber krank." Ob sie wohl weiß, dass der es längst ist - zumindest wenn er den Wein so sehr liebt, dass er täglich ein bis zwei Flaschen die Kehle hinunterspült?

Rauchen als Lifestyle-Problem abgetan

Im Gegensatz zu Alkoholismus gilt Rauchen in Deutschland als Lifestyle-Problem, obwohl es das Zeug zur Krankheit hätte. Nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Nikotinabhängigkeit eine Krankheit. Und: Rauchen kann selbst diverse Krankheiten verursachen, von denen Lungenkrebs, Herzinfarkte und Schlaganfälle nur drei der schlimmsten sind. Jährlich sterben in Deutschland rund 140.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Statistisch gesehen stirbt ein Raucher zehn Jahre früher als ein Nichtraucher.

Dass Zigaretten abhängig machen, weiß jeder Raucher, der schon mal probiert hat aufzuhören. Die Rauchentwöhnung ist eine Geschichte des Scheiterns. Nach Schätzungen - genaue Zahlen hat niemand - versucht jeder dritte Raucher mindestens einmal im Jahr den Zigaretten abzuschwören. Doch gerade einmal jeder Zwanzigste schafft es durch die ersten vier Wochen. Die Folgen sind wahlweise Gleichgültigkeit gegenüber dem Laster oder aber hohe Frustration und Verzweifelung. Ein Blick in diverse Internetforen - wie etwa dem von stern.de geben davon einen kleinen Eindruck.

Etwas besser sind die Chancen, wenn Hilfsmittel hinzukommen. Studien zeigen, dass es beim Einsatz von Verhaltenstherapien in Kombination mit Nikotinpflastern oder von Raucherpillen wie Vareniclin immerhin 20 Prozent der Entwöhnungswilligen ein Jahr ohne Zigarette schaffen. Allerdings sind die Präparate sogenannte Lifestyle-Medikamente, die vom angehenden Nichtraucher selbst gezahlt werden müssen. Sie kosten - kann das Zufall sein? - pro Tag etwa vier Euro, also genauso viel wie eine Schachtel Zigaretten.

Bezuschusst werden allein die Verhaltenstherapien, die die meisten Krankenkassen anbieten. Doch genau diese werden von Ärzten kritisiert. In der der "Stellungnahme der Bundesärztekammer" werden die Kurse als "regional kaum verfügbar" eingestuft. Dass gleichzeitig die Nachfrage nur sehr gering ist, bestreiten nicht einmal die Krankenkassen selbst. Die Folge: Ein Raucher, der aufhören möchte, steht ziemlich allein da mit seiner Sucht.

Wie können die Ärzte helfen?

Die Ärzte sagen nun, sie könnten helfen. Ärzte kommen mit Menschen in Kontakt, die die bestehenden Entwöhnungsangebote nicht von sich aus nutzen. Der Mediziner könnte die Suchtproblematik offensiver ansprechen, Therapieangebote empfehlen, bei Problemen reagieren. Die Frage "Rauchen sie, und wenn ja wie viel" könnte ein Standard beim Arztbesuch werden. Natürlich möchten die Ärzte für diese Leistungen künftig bezahlt werden. Aber das ginge eben nur, wenn Raucher als Kranke anerkannt wären.

Doch wenn die Ärzte tatsächlich möchten, dass sie von den Krankenkassen - und damit der Gemeinschaft der Einzahler - bezahlt werden, muss die Bundesärztekammer konkreter werden. Welchen Mehrwert können Ärzte wirklich erbringen? Welche Leistungen sind nicht schon längst Standard bei einem Arztbesuch? Bei ihrem medienwirksamen Vorstoß sind die Ärzte extrem schwammig geblieben: In der vierseitigen "Stellungnahme" sind derzeit weder Definition noch Diagnose thematisiert, genauso wenig wie Therapieangebote. Es bleiben viele Fragen offen: Wie soll der Vergütungsrahmen aussehen? Was könnten Ärzte künftig tun? Werden Lifestyle-Medikamente wie Nikotinpflaster, Vareniclin oder Bupropion künftig bezuschusst?

Nikotinsucht ist eine Krankheit, die schon jetzt wegen der möglichen Folgen - vom Herzinfarkt bis zum Lungenkrebs - enorme Kosten verursacht. Wenn es den Ärzten gelingen sollte, die Rauchentwöhnung zu einer Erfolgsgeschichte zu machen, dann wäre das tatsächlich viel Geld wert. Doch so lange die Mediziner nicht konkrete Maßnahmen aufzeigen, steht der Verdacht im Raum, dass sie lediglich eine neue Einnahmequelle auftun wollen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Raucher als "krank" stigmatisiert werden. Wichtig ist einzig und allein, wie man denjenigen, die aufhören wollen, am besten hilft. Die Alternative wäre all die Süchtigen im Lande mit ihren Problemen allein zu lassen. Aber zumindest hätte Frau Tritz vom Zigarettenverband dann kein Problem mehr mit Stigmata.

Von Björn Erichsen
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
ramteid (18.09.2008, 01:16 Uhr)
Sanjoaquin
Sehr gut geschrieben und sehr gut recherschiert. Die meisten anderen und nur nachgeplapperten Kommentare sind Zeitverschwendung.
ramteid (18.09.2008, 01:07 Uhr)
Auch der Autor des Artikels ist krank
Schleunigst mal untersuchen lassen oder bekommt er auch Geld für so einen Schrott.
Joe67 (17.09.2008, 00:34 Uhr)
Abwehrkampf der Tabakindustrie
Es geht ja nicht um die Kosten für Nikotinpflaster - schließlich werden andere nicht verschreibungspflichtige Medikamente auch nicht von der Kasse gezahlt.
Im Gegensatz zu Alkohol gibt es bei Tabak keine geringe Dosis, die auf Dauer nicht abhängig macht. Werbung für Produkte die direkt krank machen (Nikotinsucht) ist noch viel weniger haltbar wie für Produkte, die nur ein Gesundheitsrisiko darstellen (Lungenkrebs etc.).
Ohne Werbung gehen die Einnahmen der Tabakindustrie nachweislich zurück - und bislang ist das Geschäft mit dem blauen Tod noch hochprofitabel.
fskroener (16.09.2008, 23:20 Uhr)
Immer wieder Dienstags
Man kann es nur wiederholen: auch wenn morgen 5 Millionen "Kranke" statistisch oder qua Ministerialentscheid dazukommen, verdient kein Arzt einen Cent mehr, denn alles ist budgetiert.
Viele Raucher sind ohnehin ständig beim Arzt (Herz, Lunge, Beinpein usw...)
Und stwberlin: Recht hat er, zu einer normalen Anamnese gehört die Frage nach Nikotin.
Die Nikotinsucht gibt es auch als Diagnose usw.
Der Artikel ist mal wieder tendenziös und schlecht recherchiert.
Schade.
Sanjoaquin (16.09.2008, 22:37 Uhr)
Panik- oder Verblödungsinflation
Die nachfolgenden Zahlen sprechen für sich:
Anlässlich des Weltnichtrauchertages am 31. Mai 2003 zeichnet das Statistische Bundesamt in Wiesbaden www.destatis.de/ ein düsteres Bild. Demnach nehmen in Deutschland typische Raucherkrankheiten wie Lungenkrebs weiterhin zu. Im Jahr 2001 waren knapp fünf Prozent aller Todesfälle auf typische Raucherkrankheiten wie Lungen- und Bronchialkrebs sowie Kehlkopf- und Luftröhrenkrebs zurückzuführen. Insgesamt starben im selben Jahr in Deutschland 40.053 Personen an Erkrankungen, die mit dem Konsum von Tabakprodukten in Zusammenhang gebracht werden können. Ob die Verstorbenen tatsächlich Raucher waren, erfasst die Studie nicht. Sie weist einzig die Todesfälle bei jenen Krankheiten aus, die in Zusammenhang mit Tabakkonsum stehen können.
Neben Lungenkrebs (38.525 Sterbefälle) werden auch Kehlkopfkrebs (1.484 Sterbefälle) und Luftröhrenkrebs (44 Sterbefälle) zu den Folgeerkrankungen des Rauchens gezählt. An den genannten Todesursachen starben dreimal mehr Männer als Frauen. Allein Lungenkrebs stellt in Deutschland die fünfthäufigste Todesursache dar. Bei Männern war er 2001 ebenso wie im Jahr davor bereits die dritthäufigste Todesursache. War er bei Frauen im Jahr 2000 noch die neunthäufigste Todesursache, rangiert Lungenkrebs im Jahr 2001 schon auf dem siebenten Platz. Das durchschnittliche Alter der an Lungen-, Kehlkopf- und Luftröhrenkrebs Gestorbenen lag 2001 bei 68,9 Jahren.
Jährlich sterben in Deutschland rund 900.000 Menschen, davon 270.000 Raucher (30 %). Unter der nicht richtigen Annahme, dass alle 40.000 hier gelisteten Krebstoten Raucher waren - in Tat und Wahrheit sterben nämlich auch Nichtraucher an Lungenkrebs - stirbt nur jeder 7. Raucher an Lungenkrebs, das heisst, dass für jeden Raucher eine 86 %-Chance besteht, keinen Lungenkrebs zu kriegen. Wer auch nur die leiseste Ahnung von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung hat, der weiss, dass eine Wahrscheinlichkeit von 15 % ganz und gar nicht zum Nachweis für den sicheren Eintritt eines bestimmten Ereignisses taugt.
Damit wären wir bei Theophrastus von Hohenheim, auch Paracellsus genannt, der gesagt hat: "Die Dosis macht das Gift". 15 % aller Raucher rauchen mehr als 40 Zigaretten pro Tag und wenn man diese Dosierung auf Karottensaft umlegt, dann hat einer, der täglich zwei Liter Karottensaft trinkt die gleiche Chance auf Leberkrebs wie einer der täglich mehr als 40 Zigaretten raucht auf Lungenkrebs. Was soll dann aber die Hysterie?
Man muss sich auch vor Augen halten, dass es die Panikfraktion mittlerweile geschafft hat, die Rauchertoten auf fast 200.000 hochzulügen und das innerhalb von vier Jahren.
Man beachte auch das Durchschnittsalter und dann das Faktum, dass praktisch fast alle unter 50-jährigen, die an Lungenkrebs sterben, Nichtraucher sind.
Sanjoaquin (16.09.2008, 22:02 Uhr)
Die Frage nach dem Mehrwert
Die ist relativ simpel zu beantworten. 40 % der Kosten unseres Gesundheitssystems werden verursacht durch typische Altersgebrechen, insbesondere durch gesunde Demente. Wenn jetzt auch noch die 30 % der rauchenden Bevölkerung ihr Leben entsprechend verlängern, wird das zu einer echten Goldgrube für Ärzteschaft und Pharmaindustrie.
Wenn man schon über die 30 % Raucher diskutiert, dann wäre es auch angemessen einmal über die 20 % zu reden, die regelmässig und über viele Jahre hinweg die psychedelischen Produkte der Pharmaindustrie konsumiert. Während die Raucher pro Schachtel Zigaretten rund 2,50 Euro in den Topf einzahlen, nehmen diese Leute pro Tag das Zehnfache aus dem Topf raus. Aber nein, darüber darf man nicht reden, das ist ja vom Arzt verschrieben und das brauchen die Leute.
FalconFly (16.09.2008, 21:49 Uhr)
Schauen wir doch mal nach...
welche Todesursachen das Statistische Bundesamt fuer den Zeitraum 2007 auffuehrt.
Und was finden wir in dem offiziellen Dokument ?
Wir finden den Begriff "Rauchen" nirgends, nicht ein einziges Mal im gesamten, 49-Seitigen Dokument des Statistischen Bundesamtes *kopfkratz*.
Eine einzige (!) Referenz im gesamten Dokument findet sich jedoch zu "Tabak" auf Seite 24.
F17 : "Psychische und Verhaltensstörungen durch Tabak"
Todesopfer, Gesamt : 218 (Zweihundertundachtzehn)
Weitere Kommentare zur Qualitaet derartiger "Nachrichten" erspare ich mir.
ohne_Placebo (16.09.2008, 21:30 Uhr)
Erst recherchieren,...
"In der vierseitigen "Stellungnahme" sind derzeit weder Definition noch Diagnose thematisiert": Sucht ist schon länger als Krankheit Definiert. Und mal ganz ehrlich: woran verdient ein Allgemeinmediziner wenn er einen Raucher behandelt???? Allgemeinmediziner (und an denne wird der Kelch gehen) bekommen keine Fallpauschalen!!! Für die bedeutet das nur mehr Arbeit. Der einzige der daran verdienen würde wären die Pharmaindustrie.
@OnTheRoad:
jo da haben sie recht. Vermehrte Fehlzeiten am Arbeitsplatz verusachen übrigends die meisten Kosten durch Raucher.
OnTheRoad (16.09.2008, 20:59 Uhr)
Wo ist denn...
Herr Meyer???
Herr Meyer ist noch bis Freitag krankgeschrieben.
Warum denn das???
Er hat Raucherhusten!!!
stwberlin (16.09.2008, 20:12 Uhr)
Mehrwert ?
Welchen "Mehrwert" die Ärzte erzielen (für wen eigentlich ?), wenn alle derzeit noch rauchenden Rentner statistisch gesehen 10 Jahre älter werden, und wenn der Staat zusätzlich auf die Milliarden der Tabaksteuer verzichten muss, ist in der Tat eine spannende Frage.
Der Autor wird gebeten, diese Zahlen selbst zu recherchieren und zu veröffentlichen. Man muss nur auch den Mut zu negativen "Mehrwerten" haben ...
Übrigens ist die Frage "Rauchen Sie, und wenn ja wie viel" heute schon Standard beim Arztbesuch - wenn nicht, sollte man den Arzt wechseln.
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