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25. Juni 2007, 14:27 Uhr

Vogelgrippe, nächste Runde

Ein alter Bekannter hat sich in Deutschland zurück gemeldet: H5N1, der Erreger der Vogelgrippe, ist in toten Wildvögeln mitten in Nürnberg entdeckt worden. Müssen wir jetzt panisch werden? Nein. Für eine Panik gibt es viel bessere Kandidaten. Von Jens Lubbadeh

Einsatzkräfte der Tiernotrettung verpacken am Woehrder See in Nürnberg eine tote Gans. Bei mehreren verendeten Tieren war H5N1 festgestellt worden© Timm Schamberger/DDP

Die Vogelgrippe ist zurück in Deutschland, nachdem man sie fast schon wieder vergessen hatte. Bei sechs toten Vögeln in Nürnberg wurde das gefährliche H5N1-Virus festgestellt. Und wieder sind es die immergleichen Bilder, die durch die Medien geistern: Männer in weißen Schutzanzügen, Atemmasken und Gummihandschuhen, die tote Vögel in Plastiktüten einsammeln.

Dabei war sie nie wirklich weg, die Vogelgrippe. "Wir sind immer davon ausgegangen, dass das Virus noch vorhanden ist, wir es aber nur nicht aktiv sehen", sagte Elke Reinking vom Friedrich-Löffler-Institut nach den Funden in Nürnberg. An H5N1-infizierte Vögel werden wir uns also gewöhnen müssen. Wie in einem Reservoir schlummert das Virus in den Wildvögeln, und die kommen mit ihm in der Regel gut zurecht. Panik ist nicht nötig. Gesunde Vorsicht schon - solange man den Vogelkadavern nicht zu nahe kommt, besteht keine Gefahr.

Vor Zugvögeln schützt uns nichts

Spätestens seit dem Februar 2006, als die ersten an Vogelgrippe gestorbenen Schwäne auf Rügen gefunden wurden, ist jedem klar: Auch Viren sind Teil der Globalisierung. Gegen Terrorismus kann man aufrüsten, vor Zugvögeln schützt uns nichts. Man kann nur reagieren - und dann auch nur mit groben Methoden wie Massenkeulungen und Stallpflicht.

Auch wenn die Wissenschaftler immer wieder betonen, dass H5N1 primär ein Vogelvirus ist - in den Nachrichten kommt das Virus anders rüber: Erst waren es Hühner in Asien, dann Schwäne in Osteuropa, dann Katzen. Und auf einmal der Mensch. Zunächst noch in Asien, aber es war offensichtlich - das Virus rückte näher. Geographisch wie biologisch. Dennoch: Eine Ansteckungsgefahr für den Menschen, so hieß es immer wieder von Expertenseite, sei gering und nur bei intensivem Kontakt mit infiziertem Geflügel vorhanden. Und tatsächlich hatten die Opfer meist sehr eng mit Vögeln zusammen gelebt. Außerdem war Asien weit weg. Gefühlt zumindest.

Das Virus war in der Winterpause

Als in der Türkei mehrere Kinder an dem Erreger starben - sie hatten mit Hühnerköpfen gespielt und Kontakt mit dem Blut der Tiere gehabt - hatte Europa (zumindest das geografische) seine ersten Vogelgrippetoten. Die Angst hatte ihren Höhepunkt erreicht. Auf einmal redeten alle nur noch von Tamiflu, neben Relenza das einzige Medikament, das vor der Virusinfektion schützen soll. Möglicherweise schützen soll. Das reichte: Der Pharmakonzern Roche kam nicht mehr hinterher mit der Produktion des vermeintlichen Schutzes. Und mit dem Geldverdienen auch nicht.

Irgendwann wurde es wieder ruhig um H5N1. Der Sommer kam, Deutschland steckte im Sommermärchen der WM und das hitzeempfindliche Virus war von der Bildfläche verschwunden. Aber nur scheinbar, denn die Wissenschaftler warnten bereits vor neuen Ausbrüchen im Herbst und Winter. Doch nichts passierte. H5N1 ging in die Winterpause. Die milden Temperaturen, so hieß es, hätten das Virus in Schach gehalten. Erst im Frühjahr 2007 gab es dann wieder neue Fälle von infizierten Vögeln - in Ungarn und England.

Nun also geht es wieder los: In Nürnberg feiert H5N1 sein Comeback in Deutschland. Also eine neue Runde Panik?

Wir haben lieber Angst vor Vogel- als vor Menschengrippe

Dafür gibt es keinen Grund. Bis heute sind an H5N1 weltweit 190 Menschen gestorben. Das ist nichts verglichen zu den Zahlen, die auf das Konto von Malaria, HIV oder Gelbfieber gehen. Oder auf das eines nahen Verwandten von H5N1: der Menschengrippe. 10.000 Todesfälle durch Grippe vermeldet das Robert-Koch-Institut pro Jahr im Schnitt. Und zwar nicht irgendwo in Asien, sondern hier, in Deutschland. In der besonders heftigen Wintersaison 2002/2003 waren es sogar 16.000 Grippetote.

Zahlen, für die sich niemand interessiert. Stattdessen haben wir Menschen lieber Angst vor der Vogel- als vor der Menschengrippe. Es ist das Fremde, das Unbekannte, das Exotische, das wir so gerne fürchten. Schnöde Grippe - sie scheint nicht zu taugen für eine formidable Panik. Zumindest nicht ohne einen Zusatz: Russland-, Sibirien-, oder ja, Vogelgrippe sollte es schon sein, um richtig Angst einzujagen.

Tamiflu schützt... nicht mehr

Bei allem Respekt vor der Mutationsfähigkeit des Virus und in vollem Bewusstsein, dass es schon einmal eine weltweite Pandemie - die Spanische Grippe - gegeben hat, die aus einem Vogelgrippe-Virus hervorging: Dieses Virus, H5N1, wird es nicht sein, vor dem man sich zu fürchten hat. Sondern allenfalls einen seiner Abkömmlinge. Auch Tamiflu zu horten ist keine Lösung, denn Tamiflu-resistente H5N1-Stämme wurden bereits gefunden.

Noch gibt es kein Pandemievirus und vielleicht wird es auch nie eines geben. Bis dahin ist es sinnvoller, sich auf die realen Gefahren zu konzentrieren. Eine Maßnahme wäre zum Beispiel, sich regelmäßig impfen zu lassen - gegen die Menschengrippe.

Von Jens Lubbadeh
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
ramteid (27.06.2007, 14:09 Uhr)
Das war klar!
Mehr als merkwürdig, dass ohne Zugvögelalarm plötzlich wieder die Vogelgrippe da ist. Keiner hinterfragt ob es da nicht Reisende Zugvögel gibt, denn hier geht es neben der Panikmache, der Marktregulierung sicher auch ums Geschäft. Gestern machte SAT mit dem Krimi - Die Todesgrippe von Köln - einen ersten Versuch mal in diese Richtung zu denken. Wenn dem so ist, dann sollten sich Verantwortliche aber schleunigst um Klärung bemühen und Schuldige so bestrafen, dass sie nie mehr Unheil anrichten können.
bob-der-meister (25.06.2007, 16:42 Uhr)
Keine Panik
Na also, nach dem gerade überwundenen Schock der offenbar unausweichlich bevorstehenden Klimakatastrophe jetzt der nächste Versuch, die drohende Ausrottung der Menschheit durch Vogelgrippe in das Angstbewusstsein der Bevölkerung zurückzubringen.
Schön, dass der Stern da nicht mitmacht und die Kirche da lässt, wo sie hingehört!
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