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4. September 2007, 06:30 Uhr

CrAiG venTer enTzifferT

Craig Venter war der Erste, der ein menschliches Genom entziffert und veröffentlicht hatte. Nun hat er sein eigenes Genom entschlüsseln und veröffentlichen lassen. Doch dabei gab es auch eine unangenehme Überraschung.

Craig Venter, Genpionier. Seitdem er sein Erbgut kennt, nimmt er Cholesterinsenker© Frank May/DPA

Menschen unterscheiden sich genetisch doch weit mehr von einander als bislang angenommen. Das geht aus der kompletten Entzifferung des Erbguts von US-Genpionier Craig Venter hervor. "Mit dieser Veröffentlichung zeigen wir, dass die Variationen von Mensch zu Mensch sieben Mal größer sind als zuvor geschätzt. Das heißt, dass wir Menschen genetisch gesehen wirklich Individualisten sind", sagte Venter. Er hat sein komplettes Erbgut (Genom) sequenzieren lassen und auch gleich nach seinen Krankheitsanlagen gespäht.

Risiko für Herzinfarkt geerbt

Der 60-jährige Wissenschaftler gab zu, seit der Sequenzierung seines Erbguts cholesterinsenkende Mittel zu nehmen. Venters Vater war 59-jährig an einem Infarkt gestorben. Er selbst trägt, dem Erbgut nach zu urteilen, ebenfalls die Anlage für schwere Herzprobleme, ohne vorherige Ankündigung in seinen Genen. Bei der Analyse des Venterschen Genoms stießen die Forscher insgesamt auf mehr als 300 Krankheitsgene und auf 4000 bislang unerforschte Varianten der rund 25 000 bekannten Gene des Menschen.

"Wir sind nicht zu 99,9 Prozent identisch, sondern nur zu 99 oder sogar nur zu 98 Prozent", sagte Venter, der das J. Craig Venter Institut (JCVI) in Rockville (US-Bundesstaat Maryland) leitet. Das komplette Erbgut wird in der Online-Ausgabe des Wissenschaftsjournals "PLoS Biology" vom Mittwoch vorgestellt. Das entzifferte Erbgut von Venter ist eine "diploide" Blaupause und enthält als solche die genetischen Daten beider Erbgutsätze, je einen von väterlicher und von mütterlicher Seite. Die Chromosomen (Erbgutträger) jeweils eines Chromosomenpaares zeigten nach Angaben des Forscherteams überraschend große Erbgutunterschiede.

Venter entzifferte als erster das menschliche Genom

Die beiden ersten entzifferten menschlichen Genome waren aus den genetischen Informationen mehrerer Menschen zusammengestellt worden und zeigen daher nicht die Anlagen einer einzelnen Person. Sie waren 2001 von Venter und seinem Erzrivalen Francis Collins vom National Human Genome Research Institute (NHGRI) vorgestellt worden. Vor zwei Monaten hatte zudem der Mitentdecker der DNA-Struktur, der Nobelpreisträger James Watson, sein Erbgut auf der Internetseite des Cold Spring Harbor Laboratoriums bei New York veröffentlichen lassen.

Venters Genom wurde mit der kostspieligen Sanger-Technologie sequenziert und zeichnet sich dem Forscher zufolge durch höchste Genauigkeit aus. Es heißt in der Fachliteratur "HuRef" (Referenz für Human-Genom) und bietet sich laut Venter als Grundlage zum Vergleich künftiger Erbgutstudien an.

Venter hatte als erster in der Geschichte einen Organismus genetisch entziffert. Seitdem haben er und sein Team das Genom weiterer gut tausend Arten sequenziert. Derzeit bemüht sich Venter, Organismen synthetisch herzustellen. Sie sollen alternative Energien erzeugen und Kohlendioxid schlucken, um die weitere Erwärmung der Erde zu stoppen.

Für "HuRef" waren 20 Milliarden DNA-Basenpaaren entziffert worden. Die JCVI-Forscher hatten das Genom mit seinen rund 3 Milliarden Basenpaaren rund 7 Mal sequenziert, um Fehler möglichst auszuschließen. Von 4,1 Millionen DNA-Varianten in Venters Erbgut entfielen 3,2 Millionen auf Veränderungen einzelner Bausteine (Single Nucleotide Polymorphisms/SNPs). Die restlichen waren Einschnitte, Auslassungen, Doppelungen oder auch Verschiebungen auf andere Bereiche seines Erbguts.

Interview mit Craig Venter Ist es nicht beängstigend, von der eigenen Veranlagung zu Krebs, Herz- und Kreislaufversagen oder der Huntington Chorea zu wissen? Wie können Sie damit leben? "Das Wissen ändert ja nichts an der Realität: Die Anlagen sind nun mal vorhanden. Über sie Bescheid zu wissen, bietet uns in vielen Fällen die Chance, einer Erkrankung vorzubeugen. Ich nehme jetzt zum Beispiel cholesterinsenkende Mittel ein. Sie schützen das Herz und nach jüngsten Berichten auch noch vor Alzheimer. Die Kenntnis von unseren genetischen Risiken bedeutet Macht - die Macht, ihnen entgegenzusteuern. Darum glaube ich, dass der Präventivmedizin die Zukunft gehört. Es wäre doch schrecklich, eines Tages zu hören, dass ich gut 90 hätte werden können, wenn ich vor 20 Jahren begonnen hätte, etwas gegen ein Krankheitsrisiko zu unternehmen."

Wann wird denn das Entschlüsseln unseres Erbguts zur Routine werden? "Mit einigen neuen Technologien, die wir derzeit testen, können wir ein Genom wahrscheinlich schon für einen Kostenfaktor von 100.000 Dollar (73 400 Euro) an aufwärts decodieren. Die Verfahren sind wesentlich schneller und preiswerter. Bis zum Jahresende dürften wir wissen, ob sie auch akkurat genug sind, um brauchbare Informationen zu liefern. Es könnte durchaus sein, dass wir bis Ende 2008 bereits 20 bis 30 weitere Genome von Menschen veröffentlicht haben. Das Feld entwickelt sich ganz drastisch. Ich finde es äußerst spannend."

Warum haben Sie sich selbst entziffert? Aus Neugier? Eitelkeit? "Es kam viel zusammen. Natürlich die Neugier des Forschers. Aber ich wollte auch zeigen: Seht her, ich habe keine Angst vor meinem genetischen Code und bin bereit, ihn ins Internet zu stellen. Bis vor kurzem stand das Sequenzieren des menschlichen Erbguts doch noch unter strengster Geheimhaltung. So wissen wir bis heute nicht, von welchen Personen die staatlich finanzierten Laboratorien (des Human-Genom-Projekts) das Erbmaterial für ihre Veröffentlichung genommen haben."

Craig Venters Genom Hier zur Ansicht

DPA
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
schlotti (04.09.2007, 23:04 Uhr)
Denkfehler.
Es mag funktionieren, einzelne Gene zu identifizieren, die auf bestimmte Krankheiten schließen lassen.
Der Grundgedanke jedoch, nämlich durch Genanalysen den Menschen als solchen verstehen zu können, unterliegt einem grundsätzlichen Denkfehler.
Dies gleicht dem Versuch, durch Untersuchung von Wasser dem Phänomen "Fluss" auf die Spur kommen zu können.
Menschen (im Grunde alle Lebewesen) sind nun mal mehr, als die Summe der Einzelteile. Dieses (von Leuten wie Craig Venter) vertretene rein machanistische Weltbild kann man zwar vertreten, mir persönlich jedoch reicht dies nicht aus. Ich bestehe zwar aus Zellen, diese Zellen machen mich als Person aber nicht aus.
Eine Motivation, hier Kommentare zu verfassen, wird man in meinen Genen nicht finden.
MfG,
Schlotti
Aetz (04.09.2007, 12:24 Uhr)
Bring' den Schäuble nicht auf dumme Gedanken!
Der verlangt doch sofort, die genetisch prädestinierten Bombenleger präventiv wegzusperren! Und wenn so einer vögelt, wird das zur Bildung einer terroristischen Vereinigung. :o)
Ein weniger vernagelter Mensch könnte angesichts der genetischen Unterschiede zwischen den Menschen auf die Idee kommen, dass Gott, Sicherheit und Ehe eben nicht für alle Menschen als Lebenskonzept geeignet ist und es eine Art von Diskriminierung ist, so etwas allen Menschen aufzwingen zu wollen - empfehlenswert: H.J. Eysenck, Die Ungleichheit der Menschen
hevosenkuva (04.09.2007, 11:58 Uhr)
haben Sie´s gelesen, Herr Schäuble?
eine neue Chance! sofort den biodynamischen Pass erweitern um eine Sparte für "Gencode", natürlich mit Zentralkartei - so kann man alle Verbrecher direkt überführen: die Mörder, Einbrecher, Räuber, Autoknacker, Ladendiebe, Ehebrecher, Kurpfuscher, Stechuhrbetrüger... und ganz nebenbei kann man noch feststellen, wer vom Erbgut her besonders anfällig für Terrorismus ist und gentechnisch zum Bombenlegen neigt. klar, der Reisepass wird dadurch ein klein wenig teurer, aber das sollte uns unsere absolute Sicherheit doch wert sein!
bernie-abg (04.09.2007, 11:32 Uhr)
Das Herr Venter ein...
..."Herz-Risiko" hat muß ihm schon durch die Geschichte seines Vaters bekannt sein, jetzt hat er also die Bestätigung.
Unser aller Risiko besteht darin, daß, besonders im Hinblick auf die Beziehung zwischen Politik und Wirtschaft, wir alle demnächst aufgrund unserer Genen selektiert werden.
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