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22. Oktober 2006, 10:00 Uhr

Scharlatane versprechen Heilung

Die Erfolge in der Krebstherapie wirken bescheiden. Doch mit Hilfe neuer Medikamente und Methoden könnte aus der tödlichen Krankheit eine chronische werden, sagt der Biotech-Pionier Axel Ullrich.

Ullrich hat zwei erfolgreiche Krebsmedikamente entwickelt: "Für mich ist ein Traum wahr geworden"© Falk Heller

Herzlichen Glückwunsch, Herr Professor Ullrich: Sutent, Ihr Medikament gegen Nierenkrebs und bestimmte Arten von Magen- und Darmtumoren, ist kürzlich EU-weit zugelassen worden. Und Herceptin, ebenfalls eine Entwicklung von Ihnen, hilft schon länger vielen Frauen gegen Brustkrebs. Erfolge, die nicht selbstverständlich sind ...

... für einen Grundlagenforscher: stimmt. Für mich ist da ein Traum wahr geworden!

Ihre Medikamente sind im Vergleich zur klassischen Chemotherapie nebenwirkungsärmer und doch wirksam gegen Krebs. Wie entwickelt man solche Substanzen?

Eigentlich, indem man ein Medikament schafft, das ganz spezifisch gegen nur einen Angriffspunkt des Krebses wirkt. Denn je weniger Punkte ein Mittel angreift, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass es auch in Bereiche eingreift, die für die normalen Körperabläufe notwendig sind. Und desto niedriger ist damit die Gefahr von Nebenwirkungen.

Ein Erfolgsrezept von Sutent ist aber, dass es gegen gleich mehrere Ziele an der Tumorzelle wirkt.

Genau. Eine Eigenschaft, die wir eigentlich vermeiden wollten, weil damit eben auch die Gefahr von Nebenwirkungen wächst. Wir wurden aber quasi zum Erfolg gezwungen. Denn der Vorläufer von Sutent war in Tests zwar spezifisch, aber nicht sehr wirksam.

Also machten Sie aus der Not eine Tugend.

Ja. Es stellte sich heraus, dass Sutent ein sogenanntes Multi-Targeted-Medikament war, das den Krebs an mehreren Stellen gleichzeitig angreift und damit auch wirksamer ist. Und das ist auch der Grund dafür, dass Tumoren schrumpfen oder bei manchen Nierenkrebspatienten praktisch abgetötet werden. Die entscheidende Erkenntnis war: Man kann eine ganze Reihe von wichtigen Abläufen beim Tumorwachstum blockieren, ohne ernsthafte Nebenwirkungen zu verursachen.

Ist das eine neue Strategie: Nicht den Tumor ganz spezifisch anzugreifen an einem Punkt, sondern auf breiter Front?

Genau. Von dieser Art Therapeutika gibt es zurzeit nur wenige andere. Die Entwicklung ist ähnlich wie die bei den Antibiotika. Da gab es auch erst nur Penicillin, das spezifisch nur gegen ganz bestimmte Bakterien wirkte. Dann wurden immer neue Antibiotika gefunden, die gegen andere Keime wirkten, und dann kamen Breitbandantibiotika, die gegen sehr viele Bakterien wirken.

Wie lange hat es gedauert von der Idee bis zur Zulassung von Herceptin und Sutent?

Bei beiden 13 Jahre.

Ist eine so lange Zeit typisch für die Entwicklung eines Krebsmedikaments?

Nein, es ist zu lang. Sowohl bei Herceptin als auch bei Sutent gab es Einflüsse, die die Entwicklung verlangsamt haben. Bei Herceptin hat das Management der entwickelnden Pharmafirma Genentech das Projekt zuerst nicht unterstützen wollen, das hat den Prozess um zwei bis drei Jahre verzögert. Bei Sutent waren es gleich mehrere Übernahmen durch Pharmafirmen. Das hat sicher auch zwei, drei Jahre gekostet. Unter anderen Umständen kann man solche Medikamente innerhalb von zehn Jahren entwickeln.

Was kostet es, Medikamente wie Herceptin oder Sutent auf den Markt zu bringen?

Die Entwicklung von Sutent hat inklusive der klinischen Tests an Probanden 800 Millionen bis eine Milliarde Dollar verschlungen.

Wie viele Substanzen müssen entwickelt werden, bis es eine bis zum Patienten schafft?

Nur etwa drei Prozent der Mittel, die an Probanden getestet werden, die es also schon ziemlich weit geschafft haben, kommen in die letzte Phase kurz vor der Zulassung. Und von denen schaffen es dann nur etwa zehn Prozent, tatsächlich zugelassen zu werden.

Wie ist denn Ihre persönliche Erfolgsquote etwa beim Herceptin?

Wir haben insgesamt neun Substanzen hergestellt. Eine davon, nämlich Herceptin, wurde zum Medikament entwickelt und ist jetzt auf dem Markt, die anderen acht wurden in die Schublade gelegt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 42/2006

Zur Person Der Vorreiter Professor Axel Ullrich, 62, ist einer der angesehensten Medizinforscher weltweit. Der studierte Biochemiker und Molekulargenetiker leitet am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München die Abteilung für Molekularbiologie, hat aber auch drei Firmen mitgegründet. Seit dem Jahr 2000 berät er die Regierung von Singapur in Fragen der Biotechnologie. Ullrich entwarf nicht nur Medikamente für die Krebstherapie (Herceptin und Sutent), sondern entwickelte in den 80er Jahren auch die Grundlagen für die gentechnische Herstellung von Human-Insulin, des ersten biotechnologischen Produkts überhaupt. Bis dahin wurden Diabetiker zumeist mit tierischen Insulinen behandelt.

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