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Warum Erwachsene zu Buntstiften und Ausmalbüchern greifen

Der Markt für Ausmalbücher und Buntstifte boomt weltweit - weil Millionen Erwachsene sich plötzlich mit dem Kinder-Hobby entspannen wollen. Ein Psychologe findet das auch gar nicht verwunderlich.

Ein Blatt mit dem bunt ausgemalten Bild von einem gemauerten Brunnen zwischen Blumenranken

"Viele fürchten sich vor dem freien Malen, da kann man Fehler machen. Wenn die Form vorgegeben ist, gibt's keinen Druck", sagt Stress-Experte Louis Lewitan.

Seit Tagen regnete es draußen in diesem vermeintlichen Sonnenschein-Staat der USA und die Lieben daheim warteten auf Post aus meinem Urlaub. Eine Postkarte mit dem Foto einer strahlenden Sonne über dem Strand wäre übertrieben gewesen, eine glatte Lüge sogar bei diesem Wetter. Also griff ich stattdessen zu einem Postkartenmalbuch. Ich kaufte ein Ausmalbuch im A6-Format mit dicken, heraustrennbaren Pappseiten, bedruckt mit Blumenmotiven in Schwarzweiß - und fing an zu malen. Stundenlang. Auszumalen, besser gesagt: herrliche Kitsch-Motive der schottischen Künstlerin Johanna Basford.

Basford ist Anfang dreißig - gefühlt zu alt, um sich mit zu beschäftigen und sehr jung für eine Millionärin. Aber sie macht Millionen mit Ausmalbüchern für Erwachsene. Ihre Bücher mit Zeichnungen von Gärten, Wäldern, Unterwasserwelten und Tieren zum Kolorieren stürmen aktuell die Bestsellerlisten auf der ganzen Welt.

Stiftehersteller erleben unverhofften Boom

Denn Erwachsene kaufen Ausmalbücher nicht mehr bloß für ihre Kinder, sondern zum eigenen Stressabbau. Wie der "Telegraph" berichtet, stieg der Absatz von Malbüchern im vergangenen Jahr um 300 Prozent - Tendenz steigend. Die Bücher speziell für Erwachsene (die sich nicht mit Hello Kitty identifizieren wollen oder nicht wissen, welche Farbe Disneyfiguren haben) sind weltweit der Verkaufsschlager. Auch Stiftehersteller erleben dabei einen unverhofften Boom in diesem doch eigentlich vollkommen virtuellen Zeitalter und kommen bei der aktuellen Nachfrage kaum hinterher - ob für Holz- oder Filzschreiber.

Ein Blatt mit dem bunt ausgemalten Bild von Blumenranken

Hilfe - habe ich über die Linien gemalt? Und genügend Grüntöne verwendet? Beim Ausmalen sollte das eigentlich nicht noch mehr Stress bereiten.

Ich griff in meinem Urlaub zu Buntstiften, schön spitz, um die kleinen Bilder mit den winzigen Weißflächen mit Farbe zu versehen. In vielen Stunden mühevoller Kleinarbeit, während der Regen draußen in den Pool prasselte. Wie ein Kind saß ich am Tisch und malte, baumelte mit den Füßen, summte ein bisschen oder klemmte mir bei den besonders schwierigen Flächen konzentriert die Zunge zwischen die Lippen. Schon der typische Geruch der Farbe beim Abrieb auf dem Papier machte mich gefühlt 22 Jahre jünger.

Bei Stress einfach zurück in die Kindheit

Das liegt ja im Trend, sich nach oder noch während einer Stresssituation wieder in ein Kind zu verwandeln. Die Zentrale von Google Deutschland ist ein riesiger Spielplatz für Erwachsene. Dort kann man im Bällebad arbeiten oder in Schaumstoffhöhlen. Wenn wir schlafen, rollen wir uns in Embryonalstellung zusammen und wenn wir uns entspannen wollen, malen wir eben Blumen bunt an.

Der Psychologe Louis Lewitan kann das nachvollziehen. Er ist Stress-Experte und arbeitet als solcher unter anderem als Coach von Führungskräften. "Das Ausmalen ist eine schöne Erinnerung; es ist eine wunderbare, heile Welt, die man sich da kreiert - da gibt es nichts Störendes", sagt Lewitan. "Jeder von uns hatte Malstifte als Kind, das ist ein vertrautes Ausdrucksmittel, das jedes Kind jeder Kultur kennt."

Ein Blatt mit dem bunt ausgemalten Bild von zwei Vögeln zwischen Blumenranken

Wenn mir als Kind jemand gesagt hätte, dass meine Malbuchbilder mal beim stern zu sehen sind...

Das, was uns schon als Kinder beglückt und beruhigt hat, kann uns also auch als Erwachsene helfen.

Bei Erwachsenen artet alles in Perfektionismus aus

Einen großen Unterschied gibt es allerdings. Als Erwachsene ärgerte ich mich auf einmal darüber, wenn ich über die Linie gemalt habe. Und wenn es in einem Motiv zu viele verschiedene Blätterformen zum Ausmalen gab, sorgte ich mich, ob ich denn auch genügend unterschiedliche Grüntöne dafür habe - so, als spielte das irgendeine Rolle. Als Kind war mir das herzlich egal. Da ging es um das Malen an sich. Das wäre auch jetzt eine gesündere Einstellung, wie Lewitan mahnt: "Es darf nicht in Perfektionismus ausarten, wie: 'Ich darf auf keinen Fall die Linien überschreiten', 'ich muss fertig werden' - das wäre ein weiterer Ausdruck von selbst erzeugtem Stress und damit das Gegenteil von Spaß und Entspannung." 

Ansonsten kann das Malen durchaus beim Entspannen helfen. "Es ist eine Form der Ablenkung und im Stressmanagement weiß man, dass es hilfreich sein kann, sich abzulenken", sagt Lewitan. "Allein, mal wieder einen Stift zu greifen und nichts Virtuelles zu machen; mit Farbe zu hantieren, die auch auf Papier haften bleibt - das ist heutzutage, wo vieles virtuell abläuft, ein bewusster Akt."

Die Käufer, die aktuell die hohe Nachfrage bestimmen, sind laut einer Sprecherin des Stifteherstellers Staedtler weniger Hobbykünstler als vielmehr absolute Malanfänger, die ihre Kunstwerke anschließend auch gern in den sozialen Netzwerken präsentieren.

Ein Blatt mit dem bunt ausgemalten Bild von Blumenranken mit Schmetterlingen

Die gelb-pinkfarbene Blume ist nicht perfekt geworden. Na und?

"Wenn die Form vorgegeben ist, gibt's keinen Druck"

Stress-Experte Lewitan entspannt sich zwar selbst lieber mit Kochen, Cartoons und Museumsbesuche. Trotzdem kann er den Hype um die Malbücher nachvollziehen: "Manche Menschen freuen sich über Vorgaben, die sie gerne befolgen. Und einige fürchten sich vor dem freien Malen; davor, etwas anders abzubilden, als es in der Wirklichkeit aussieht. Ein weißes Blatt kann entmutigen oder es fehlt schlicht an Fantasie. Wenn die Form vorgegeben ist, gibt's keinen Druck."

Bei aller Entspannung ermahnt Lewitan: "Man darf aber nicht vergessen, dass das nur eine temporäre Lösung ist. Die Ablenkung hilft sicherlich nicht weiter mit einer Dauerbelastung im Job ober gar dabei, einen Burnout zu kurieren." 

Meine ausgemalten Postkarten habe ich im Urlaub an meine Freunde geschickt - die schönste bekam meine Großmutter. Und die hat ihre sogar immer in der Handtasche mit dabei - wie vor 25 Jahren schon meine ersten Ausmalbilder mit den ungeniert übermalten Linien.

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