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11. Juni 2008, 14:21 Uhr

"Wir sind die Handlanger von Novartis"

Ein halbe Million Deutsche leidet an feuchter Makuladegeneration und droht zu erblinden. Die rettende Spritze ist so teuer, dass die Arzneimittelausgaben der Kassen allein durch dieses Mittel um ein Drittel steigen könnten. Hersteller Novartis will die Zulassung einer günstigen Alternative verhindern. Augenarzt Detlef Uthoff erklärt, wie die Ärzte damit umgehen.

Eine Patientin mit einer Makuladegeneration wird behandelt© Picture-Alliance

Gegen die altersbedingte feuchte Makuladegeneration gibt es drei Medikamente: Avastin, Lucentis und Macugen, wobei letzteres anders wirkt. Eine Monatsbehandlung mit Lucentis kostet 1523 Euro. Die Kosten für Avastin, einen vergleichbaren Wirkstoff, belaufen sich pro Monat auf 5,55 Euro. Herr Uthoff, womit behandeln Sie zurzeit Patienten?

Wir sind der Überzeugung, dass Avastin und Lucentis gleich wirken, obwohl es noch keine Studien darüber gibt. Deshalb behandeln wir derzeit mit Avastin.

Sie benutzen ein Medikament, welches für die Behandlung am Auge nicht zugelassen ist. Wie erklären Sie das Ihren Patienten?

Die Patienten müssen einen Aufklärungsbogen unterschreiben, in dem steht, dass wir ein Medikament nehmen, welches keine Zulassung für die Augen hat. Die Patienten haben großes Verständnis für unsere Entscheidung, das günstigere Medikament zu nehmen. Da ist auch der Arzt gefordert, richtig aufzuklären. Die Patienten sind deshalb nicht verunsichert. Die Behandlung im so genannten "Off-Label" ist nicht automatisch rechtsfrei, aber zumindest problematisch. Weil die Situation nicht geklärt ist, haben viele Ärzte Sorge. Unser Jurist hat den Fall geprüft: Wir machen uns nicht strafbar mit dem Einsetzen des günstigeren Mittels.

Wer trägt die Verantwortung, wenn in zehn oder zwanzig Jahren Schäden auftreten, von denen heute keiner etwas ahnt?

Der Arzt. Der Hersteller redet sich raus, denn er hat es ja nicht zugelassen. Die Wahrscheinlichkeit ist aber äußerst gering. Wir haben an der Kieler Augenklinik in den vergangenen zwei Jahren fast 700 Patienten mit Avastin behandelt und sehr genau kontrolliert - da ist nie etwas Nachteiliges passiert. Es sind praktisch identische Medikamente. Bei dem einen ist das Molekühl etwas größer.

Der Hersteller des günstigeren Präparates, Roche, gehört zu einem Drittel dem Hersteller des teureren Medikamentes, Novartis. Die beiden machen sich das Geschäft nicht kaputt.

Ganz offen: Hier geht es nur ums Geld. Ich kann die Firma auch verstehen. Die sagen: Wir haben in die Forschung investiert, und wir beantragen die Zulassung nur für das teurere Lucentis. Und da verdienen sie dann gut mit. Es wäre aus deren Sicht wirtschaftlicher Unsinn, Avastin zuzulassen.

In Kiel rechnen Sie pauschal 731 für eine Behandlung ab. Auch mit Avastin verdienen Sie gut Geld.

Es geht ja nicht nur um die Spritze. Wir müssen teure Voruntersuchungen machen, die Operation mit Betäubung, dazu kommt eine aufwändige und zeitintensive Nachbehandlung sowie das ärztliche Honorar, welches alles mit diese Pauschale abgedeckt ist. Für Lucentis läge diese Fallpauschale bei weit über 2000 Euro.

Als Ärzte haben wir selber nichts davon, das günstigere Medikament zu nehmen. Aber man muss bei der derzeitigen finanziellen Situation der Krankenkassen auch solidarisch sein. Durch Lucentis kommen Hunderte Millionen Euro an Extrakosten auf die Kassen zu. Wir sind im Grunde die Handlanger der Herstellerfirmen Novartis und Roche. Die wissen ja auch, dass die Medikamente praktisch identisch sind. Jetzt sollen wir denen die Kassen füllen. Wenn wir das verschreiben, verdienen die ihr Geld.

Die Krankenkassen erstatten das teurere Lucentis, allerdings erst nach einer langwierigen Prüfung. Verzögert sich die Behandlung dadurch?

Ja. Sich Lucentis von den Krankenkassen erstatten zu lassen, ist ziemlich umständlich. Das sind immer Einzelfallentscheidungen. Es dauert, bis das genehmigt wird. Aber die Krankenkassen sind verpflichtet, das Medikament zu übernehmen: Es ist teuer, aber ein zugelassenes Medikament.

Erblinden Menschen, weil sich die Behandlung verzögert?

Die theoretische Möglichkeit besteht. Bei einigen Patienten schreitet die feuchte Makuladegeneration relativ schnell voran, bei einigen dauert es. Das wissen sie allerdings nie vorher.

Am Städtischen Klinikum in Bremen läuft zurzeit eine große Studie, welche die Wirksamkeit von Lucentis und Avastin vergleicht. Wird noch ein Augenarzt Lucentis verordnen, wenn sich herausstellt, dass es nicht besser als Avastin ist?

Einen einzelnen Augenarzt interessiert das nicht, der hat seine überschaubare Zahl an Fällen und lässt sie sich als Einzelfallentscheidungen genehmigen. Der nimmt Lucentis. Aber es hängt von der Interessenslage der Klinik ab. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Krankenkassen. Wenn es einen medizinischen Grund gäbe, Lucentis zu verwenden, wäre ich der erste, der das machen würde. Aber warum sollte ich, wenn die Wirksamkeit gleich ist, ein teureres nehmen? Unsere Klinik macht zurzeit ebenfalls eine Vergleichsstudie, zusammen mit der Martin-Luther-Universität in Halle. Die Ergebnisse werden wir frühestens in zwei Jahren haben. Es ist gut, dass es diese Studien gibt. Je mehr es gibt, desto größer ist die Aussagekraft über die Wirksamkeit der beiden Medikamente.

Interview: Axel Hildebrand

stern-Reporter Markus Grill berichtet in seinem Blog über Pharmathemen.

© Picture-Alliance

Lucentis und Avastin Die Medikamente Lucentis und Avastin wirken in gleicher Weise: Sie hemmen die Entstehung neuer Blutgefäße, indem sie einen Faktor, der für das Wachstum der Gefäße notwendig ist, quasi ausschalten. Beide Mittel werden zur Behandlung der Makuladegeneration (AMD) direkt ins Auge gespritzt. Während Lucentis für die Behandlung der AMD entwickelt und zugelassen wurde, ist Avastin ursprünglich ein Krebsmedikament. Nach Berechnungen des Pharmakologen Ulrich Schwabe kostet die Therapie mit Lucentis monatlich 1523 Euro. Würde man alle AMD-Patienten - laut Schätzungen 485.000 - mit Lucentis behandeln, würde dies 8,9 Milliarden kosten: Das entspricht etwa ein Drittel der derzeitigen Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen.

Mehr dazu....

Mehr dazu.... ...lesen Sie im neuen stern. Darin: Ein Interview mit Peter Maag, Deutschland-Chef des Pharmakonzerns Novartis, über Preistreiberei und Korruption.

Zur Person

Zur Person Detlef Uthoff, 63, ist Professor für Augenheilkunde und Leiter der Kieler Augenklinik Bellevue. Er lehrt an der Martin-Luther-Universität in Halle und der Staatlichen Universität in Tel Aviv, wo er auch einen Lehrstuhl innehat. Im Jahr 2000 erhielt er den Innovationspreis des Bundesforschungsministeriums für seine Arbeit an Kunstlinsen.

 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Eisenbaer (12.06.2008, 17:51 Uhr)
@gmathol
Nein.
editor (12.06.2008, 17:20 Uhr)
Transplantationen: ja bitte; Spritzen: zu teuer
Nach der in den letzten Tagen wieder von allen interessierten Seiten vorgenommenen Werbung für Organspenden, verstehe ich folgendes überhaupt nicht: Transplantationen sind doch um ein Vielfaches teurer, der Patient schluckt sein weiteres Leben lang teure Medis, mengenmäßig z.B. 15 Pillen pro Tag, begleitende Untersuchungen, Kontrollen, auch lebenslang...kommen dazu.
Mit Makula- Patienten kann sich ein Arzt natürlich nicht so profilieren, als wenn er sich als Chirurg der internationalen Fachwelt und einer zahlungskräftigen Klientel stellt.
Wo kommen die Organe für diese Privatpatienten aus dem Orient eigentlich her?
Wird deshalb hier in Deutschland,mit den Medien, den Menschen ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie es wagen, ohne Spenderausweis auf die Straße zu gehen?
Fazit:
Alles ein Geschäft!!!!!!
Aussage eines bekannten Arztes, ehem. Mitglied der Ethikkommission:
Es gibt keinen Anspruch! auf ein Organ; es gibt schwerkranke Menschen und es gibt Menschen die das Recht haben auf den Tod,inclusive! Sterbeprozess. Es ist eben nicht wahr, daß die Organe von Toten stammen! Sie stammen von Sterbenden (im besten Fall).
Übrigens:
bei Makula-Degeneration erblindet man nicht, die Stelle des scharfen Sehens geht zugrunde. Ist natürlich ebenso schlimm für den Betroffenen.
Es sind vor allem ältere Patienten ohne Lobby...siehe oben
bikersplace (12.06.2008, 17:12 Uhr)
Es wirkt
ich bin 50 und bisher 5 mal mit Avastin behandelt worden. Da ich nach dem ersten mal schon eine Verbesserung (damals war es noch nicht verboten) ist es mir die letzen 4 mal nicht schwer gefallen, die Erklärung zu unterschreiben und die "horrenden Kosten" von ca. 70 € für das Mittel aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Inzwischen habe ich auf dem betroffenen Auge wieder eine Sehfähigkeit von 95% und die Unschärfe ist fast weg. Mich kotzt die Mentalität von Novartis an.
gentuli (12.06.2008, 11:05 Uhr)
Doch nicht gleich!?
Prof. Uthoff sagt, bei dem einem Medikament sei das Molekühl etwas größer als beim anderen. Wie können die beiden Medikamente dann identisch sein? Ich habe selbst Chemie studiert und muss sagen - das geht gar nicht. Dass das Molekül für die Behandlung am Auge kleiner sein muss als eines für die Krebsbehandlung ist nur logisch. Ich würde mich auf keinen Fall auf das größere Darmkrebsmedikament in meinem Auge einlassen.
jens_mander (12.06.2008, 06:07 Uhr)
Krankenkassen und Politik sollten sich mal entscheiden
Sonst pochen die Kassen immer darauf, daß Ärzte Medikamente strikt nur entsprechend der Zulassung verschreiben. Gerade z. B. bei Krebsmedikamenten kann es noch so gute Belege für die Wirksamkeit auch bei anderen als der zugelassenen Indikation geben: im Falle einer off-label-Verordnung riskiert der Arzt stets massive Regreßforderungen. Und eine vernünftige gesetzliche Reglung ist nicht absehbar.
Hier hingegen, wo man Geld sparen kann, ist die off-label-Verordnung auf einmal kein Problem mehr - obwohl der hier befragte Arzt selbst zugibt, daß er keine Belege dafür hat, sondern nur "glaubt", daß Avastin genauso gut ist wie das zugelassene Präparat, dessen Wirksamkeit in Studien belegt wurde.
Nicht, daß ich große Sympathien für die Pharmaunternehmen hätte; aber wenn die Kassen hier jetzt anfangen zu jammern und den off-label-Einsatz von Avastin fordern, dann ist das schon eine große Heuchelei.
gmathol (11.06.2008, 22:54 Uhr)
Schrumpft den Militaerhaushalt von derzeit 53%!
...dann steht auch wieder genug Geld fuer Medikamente zur Verfuegung.
Schon mal darueber nachgedacht was die Folgekosten fuer ein 1/4 Erblindete betragen?
Raus aus Afghanistan und der NATO. Armut braucht man nicht mehr zu verteidigen.
testsieger2006 (11.06.2008, 21:37 Uhr)
@lucifer01
auch, wenn man widerlich GROSS schreibt: Fakt ist, dass Pharmaunternehmen börsennotierte Unternehmen sind, die Gewinn machen müssen. Und, wenn die diejenigen sind, die dieses Medikament als einzige entwickelt haben, dann sollen sie auch ihren Gewinn dran haben.
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Ein neuer BMW z4 kostet als Materialwert auch nur 4000 €. Ein Betriebssystem Windows Vista Ultimate kostet Materialwert unter 10 cent.
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Allerdings ist diese Abschöpfung übertrieben. Das sehe ich ebenfalls so.
lucifer01 (11.06.2008, 20:01 Uhr)
Gier
Die Geldgier der Pharmafirmen (hier Novartis) ist Widerlich.
Redaktion (11.06.2008, 16:41 Uhr)
@wellenreiter22
Liebe/r wellenreiter22,
vielen Dank für Ihren Beitrag. Es handelt sich hierbei nicht um einen Tippfehler - die Zahlen sind alle korrekt.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Redaktion
wellenreiter22 (11.06.2008, 16:35 Uhr)
Tippfehler?
Handelt es sich um einen Tippfehler oder belaufen sich die Monatskosten von Avastin wirklich nur auf 5,55 Euro (oder doch eher 555 Euro)? Die Monatskosten-Differenz der beiden Produkte find ich unrealistisch - besonders da eine Behandlung mit Avastin in Kiel 731 kostet (im Vergleich zu den 2000+ Euro mit Lucentis)?!
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