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6. Februar 2008, 22:15 Uhr

"Mit einer kleinen Dosis schon am Limit"

Gefährliche Modedroge Tilidin

Eigentlich ist "Tilidin" ein Schmerzmittel. Es kommt etwa bei Bandscheiben-Patienten zum Einsatz. Doch inzwischen macht das Medikament in Berlin als Modedroge die Runde. Mit einer kleinen Dosis sei man schon völlig am Limit, heißt es in einschlägigen Internetforen.

Schmerzmittel aus der Apotheke: Das Risiko, abhängig zu werden, ist immens© picture-alliance/dpa

Die Abhängigkeitsgefahr ist groß, außerdem fördert falsche Einnahme nach Einschätzung von Suchtexperten die Gewaltbereitschaft. Immer häufiger werden nach Erkenntnissen des Berliner Landeskriminalamtes Rezepte gefälscht - oder Abhängige brechen gleich in Arztpraxen ein. stern TV berichtet über die Gefahren der Modedroge Tilidin.

Was ist Tilidin?

Tilidin ist ein sehr starkes, verschreibungspflichtiges Schmerzmittel, das z.B. an Krebs- oder Rheumakranke verschrieben wird. Es gilt als gut verträglich. Allein im Jahr 2005 ging Tilidin etwa 1,5 Millionen Mal über deutsche Apothekentische.

Auf dem Markt ist Tilidin bereits seit den Siebzigerjahren. Bereits damals wurde das Medikament zweckentfremdet: So fanden Heroinsüchtige bald heraus, das Tilidin (etwa in Form der Schmerztabletten Valoron) die Entzugserscheinungen wirkungsvoll lindert.

Wie wirkt das Medikament?

Tilidin lindert stärkste Schmerzen, ruft bei vielen Konsumenten aber auch eine Art Euphorie hervor, die sich bei entsprechender Veranlagung auch zu einem Überlegenheitsgefühl oder zu Größenwahn steigern kann.

Tilidin gehört zur Gruppe der Opioide, ist jedoch nicht so wirksam wie etwa Morphin. Damit die opioide Wirkung auch durch eine gesteigerte Dosis nicht erreicht wird, enthalten die meisten Tilidin-haltigen Medikamente (etwa Valoron N) einen Zusatz des Morphinantagonisten Naloxon. Dieser wirkt der berauschenden Wirkung von Tilidin ab einer bestimmten Dosis entgegen.

Tilidin kann unangenehme Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Depressionen oder Krämpfe auslösen.

Wie hoch ist das Suchtpotential?

Auch wenn Tilidin der Morphinantagonist Naloxon beigemischt wird, ist das Abhängigkeitsrisiko hoch. Dabei ist die psychische Abhängigkeit stärker als die physische. Nicht selten werden starke Entzugserscheinungen beobachtet, insbesondere da die Schmerztoleranz der Süchtigen enorm gesenkt ist.

Tilidin und Kriminalität

In den letzten Jahren wurden hauptsächlich in Berlin Straftaten mit der "Modedroge" Tilidin in Verbindung gebracht. Immer öfter stellt die Polizei bei Raubüberfällen und Schlägereien fest, dass Beteiligte Tilidin genommen haben.

Zudem werden zahlreiche Straftaten der Beschaffungskriminalität zugeschrieben: 2006 und 2007 wurden jeweils etwa 2000 Fälle registriert, in denen Rezepte gefälscht wurden, um illegal an das Medikament zu gelangen.

Immer häufiger wird gefordert, Tilidin unter das Betäubungsmittelgesetz zu stellen.

Amoklauf auf Tilidin

Bei der Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs im Mai 2006 zückte der 16-jährige Mike P. ein Messer und stach wahllos mehrere Menschen nieder. Im Nachhinein wurde bekannt, dass Mike P. Tilidin genommen hatte.

Auch der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser, der 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst ermordete, soll gelegentlich Tilidin genommen haben.

Wer verschafft sich illegal Tilidin?

Tilidin gilt in besonders in den Berliner Bezirken Wedding und Neukölln als "Modedroge". Sowohl Apotheker als auch die Polizei beobachten, dass der Anteil muslimischer Konsumenten relativ hoch ist. Dies wird darauf zurückgeführt, dass Muslimen der Konsum von Alkohol und Drogen verboten ist, Tilidin jedoch als Medikament angesehen wird.

Wie funktioniert der illegale Handel?

Bekannt ist, dass die Konsumenten häufig über gefälschte Rezepte an Tilidin kommen. Möglich ist auch, dass einige "schwarze Schafe" unter den Apothekern in der Vergangenheit das Medikament rezeptfrei für lukrative Summen abgeben haben könnten.

Es sind Fälle bekannt, in denen Personen in Arztpraxen einbrachen, um bereits abgestempelte Rezeptblöcke zu stehlen. Die vorgefertigten Formulare wurden mit Hilfe von Computern bearbeitet.

Da es grundsätzlich erlaubt ist, Rezepte für jemand anders einzureichen, haben Apotheker auch keine wirkliche Handhabe gegen den Missbrauch. Mehr und mehr von ihnen gehen jedoch dazu über, Tilidin nicht mehr zu lagern, sondern nur noch auf Bestellung anzufordern.

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