. .
News am 27.05.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
18. Mai 2008, 07:45 Uhr

Die Angst vor dem "Superbug"

In den USA sterben gesunde, junge Menschen qualvoll an MRSA. Die aggressiven Krankenhauskeime, die mit herkömmlichen Antibiotika nicht mehr bekämpft werden können, scheinen plötzlich überall zu sein. Von Jan Christoph Wiechmann

Edward Lovern zeigt Fotos seines einzigen Sohnes Jon, der binnen weniger Wochen starb. Er wurde nur 15 Jahre alt© Stephen Voss/WPN

Für einen kurzen Moment überlegt Edward Lovern, ob er die Hand des Reporters schütteln soll. Ob er die Türklinke des Cafés drücken soll. Ob er die Teetasse berühren, das Wechselgeld anfassen, diesen voll besetzten Saal im Süden Virginias überhaupt betreten soll. Ob in diesem Café nicht jene Bakterien lauern, die seine Region verängstigen, die die Abendnachrichten dominieren. Die seinen Sohn getötet haben.

Edward Lovern schüttelt die Hand. Er packt entschlossen zu. "Was soll's?", sagt er. Was könne ihn noch treffen? Er hat seinen 15-jährigen Jungen verloren, Jon F. Edward, sein einziges Kind. Er sah ihn innerhalb von einer Woche zerfallen wie ein verrottendes Stück Obst. Er sah die verquollenen Augen und den Schaum vor seinem Mund und das dunkle Blut, das Jon spuckte - nur eine Ursache sah er nicht.

Auch die Ärzte in der Kreisstadt Roanoke erkannten die Ursache lange nicht. Das wurde Jon zum Verhängnis. Die Ärzte diagnostizierten zunächst eine allergische Reaktion und dann eine Grippe, und als sie nach vier Wochen endlich die wahre Ursache herausfanden, war es zu spät. Jon starb an den Folgen von MRSA (Methicillinresistenter Staphylococcus aureus), einer Infektion mit gegen Antibiotika resistenten Bakterien, so steht es auf Totenschein Nr. 203 des Universitätskrankenhauses Virginia vom 7. März 2007.

MRSA wird durch Körperkontakt übertragen

Lovern hält den Totenschein seines Sohnes zitternd in der Hand - "Jon Foster Edward Lovern, geboren am 13.1.1992, Rasse: weiß, Todeszeit: 7.46 p. m." Er trägt die Basketballschuhe seines Jungen und dessen Baseballkappe, und wenn er von ihm spricht, stehen ihm Tränen in den Augen. Er erzählt aus Tagen, als Jon ein glücklicher Junge war, "1,80 Meter groß, stark wie ein Ochse", als er aushalf im Waisenheim, bei autistischen Kindern, Football und Basketball spielte. Basketball - da hält Lovern inne. Das war es wohl. "Jon spielte Basketball im YMCA, wahrscheinlich hat er die Keime von einem anderen Spieler bekommen", sagt er. "Oder vielleicht doch in der Kirche? Oder im Waisenheim? Es gibt so viele Möglichkeiten, die Suche danach macht mich verrückt."

Irgendwann im Februar müssen die Bakterien in Jons Körper gelangt sein. Sie verursachten Schwellungen und Infektionen, hohes Fieber und Apathie, sie befielen seine Lunge und innere Organe. MRSA wird durch Körperkontakt übertragen. In den meisten Fällen ist das Bakterium harmlos, es befindet sich auf der Haut und in den Nasenhöhlen vieler Menschen, ohne je Schaden anzurichten. Gerät es jedoch über offene Wunden ins Blut, kann MRSA Hautinfektionen auslösen und in schlimmen Fällen innere Organe befallen. Bis vor Kurzem galten ausschließlich Krankenhäuser und Altenheime als Gefahrenzonen, doch nun beobachten amerikanische Ärzte und Wissenschaftler zunehmend Übertragungen in Umkleidekabinen, in Schulen, Kindergärten, Gefängnissen, überall dort, wo Menschen auf engem Raum zusammen sind. Laut einer Untersuchung der nationalen Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta sterben jährlich fast 19 000 Amerikaner an MRSA-Infektionen.

In Deutschland fehlen verwertbare Zahlen über MRSA-Infektionen oder gar -Todesfälle. Es gibt keine Meldepflicht. "Amerikanische Verhältnisse werden wir aber wohl nicht bekommen", sagt Alexander Friedrich vom Institut für Hygiene der Uniklinik Münster, der im Rahmen einer Studie 3000 MRSA-Proben untersucht hat. Er schätzt, dass in Deutschland rund 2,5 Prozent der Infektionen auf sogenannte cMRSA-Stämme zurückgehen, eben jene Variante, die so agressiv ist, dass sie auch jungen, gesunden Menschen zum Verhängnis werden kann. "In den USA liegt der Anteil inzwischen bei bis zu erschreckenden 70 Prozent."

Brutstätte der tödlichen Infektionen

Nach Jons Tod informierte Lovern das Gesundheitsamt, doch die Reaktion war eine ihm unerklärliche Gleichgültigkeit. Auch Jons Highschool in Roanoke warnte er vor Ansteckungen, aber auch die hielt sich zurück. Da beschloss er, seinen Nachbarn davon zu erzählen, Freunden und Medien, die Welt zu warnen vor den "Killerbakterien", wie er sie nennt. "Sie sind überall, und alle wissen es inzwischen", sagt er. "Ich bin selbst Hausmeister in Schulen und Krankenhäusern, ich beobachte doch, dass keiner die Hygienevorschriften einhält. Krankenschwestern sagen mir, das Ausmaß sei ihnen bekannt, aber der Staat wolle keine Panik." Lovern krempelt seine Hose hoch und zeigt ein geschwollenes, mit großen offenen Wunden überzogenes Bein. "Hier, das habe ich mir im Krankenhaus geholt. Gerade noch rechtzeitig entdeckt und behandelt."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 20/2008

  zurück
1 2
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
NeuerMensch (19.05.2008, 11:09 Uhr)
Privatisierung des Gesungheitswesens
schafft Einsparungsdruck. Der Profit muss auch im Gesundheitswesen möglichst hoch sein, die Genesung und Gesundheit ist dabei zweitrangig. Vorbildliche Hygiene ist da wohl einfach zu teuer. Ein großes Hurrah auf die Kraft des freien Marktes!
gmathol (19.05.2008, 03:29 Uhr)
MRSA=Kosten Optimierung.
Ich habe selber Reinigungspersonal in 4 Krankenhaeusern beobachtet die Toiletten, Baderaeume und Krankenstuben mit dem gleichen Eimerinhalt und Putzlappen reinigten. Nachdem wir protestierten, da sich so der Faekalgeruch ueberall bemerkbar machte wurden wir von dem unbedarften meist auslaendischen Personal (sorry nicht auslaenderfeindlich gemeint) bedroht.
Erst Schreiben an die Krankenhausverwaltung stellten diesen Unsinn ein.
In den Krankenhaeusern wird gespart! Vor allem am Personal und ganz besonders am Reinigungspersonal. Frueher war das Reinigungspersonal dort angestellt heute kommt es von ausserhalb und arbeitet im Akkord fuer 6.50 Euro die Stunde oder manchmal sogar weniger. Wie soll so noch eine Verantwortung zustande kommen?
53% der deutschen Steuereinnahmen werden fuer den Verteidigungshaushalt verschwendet. Noch Fragen?
Adelheide (18.05.2008, 17:55 Uhr)
Kein Wunder
Es ist ja kein Wunder, wenn es um die Krankenhaushygiene hier schlecht bestellt ist: immerhin bin ich vor einer Op - bereits hygienisch einwandfrei gewandet - aufgefordert worden, noch einmal auf die Toilette zu gehen. So geschah's: mit den Papierpuschen über den öffentlichen Flur und dann in den Op
skyflower (18.05.2008, 16:52 Uhr)
warum usa?
In Deutschland haben wir ein grosses Problem mit MRSA. Mittlerweile müssen sich Deutsche, die sich zb. in Holland behandeln lassen, vorher MRSA-Tests unterziehen und werden bei Verdacht unter Quarantäne gestellt.
Soweit ich weiss, werden in den Skandinavischen Ländern, den Beneluxstaaten und auch in GB/Irland grosse Anstrengungen unternommen dieses Problem in den Griff zu bekommen, und bei uns??
Hier wird das Problem totgeschwiegen.
Also was soll dieser Bericht, schreibt lieber über die MRSA Problematik in deutschen Krankenhäusern, damit die Sache mal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt.
StefanB (18.05.2008, 13:37 Uhr)
Die -berechtigte- Angst vor dem "Superbug"
Ich finde es mal wieder erstaunlich wie hier berichtet wird. Die ernst zu nehmenden Fachleute kommen hier mal wieder nicht zu Wort. Die Renigungssysteme die im Krankenhausbereich eingesetzt werden sind mangelhaft ...und das weis eigentlich jeder. Bei uns werden "Schimmelexperten" zitiert die wenig Ahnung haben.... aber nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht--- nicht Wahr! Es wundert mich schon das der Stern nicht mal auf die Idee kommt sich mit Profis zu unterhalten die Ihr Handwerk verstehen.... und da gibt es doch einige von! Bei diesem Thema gibt es nur Schwarz oder Weiß ---> geht oder geht nicht. Und bei Schimmel und Bakterien haben wir ja heute die Möglichkeit diese schnell und Kostengünstig fest zu stellen! Die Natur wird sich unseren Anforderungen nicht anpassen, da die Evolution dafür ausgelegt ist mit jeden neuem Lebewesen die Überlebensstrategie/ Qualität zu verbessern ... also an die Umgebung an zu passen. Nur mal ein Tipp für Tante Google: kefa+biorid eingeben und auf der Herstellerseite gucken wie man das mit der Hygiene hin bekommt.
MEHR ZUM ARTIKEL
Krankenhaushygiene Videos gegen Schmuddelhände

Manchmal lauert die Gefahr gerade da, wo man Hilfe sucht: Hunderttausende erkranken jährlich im Krankenhaus an Infektionen - wegen mangelnder Hygiene. Eine neue Initiative soll das ändern. Sie setzt auf lustige Videos, die zeigen, dass Händedesinfektion sexy ist und Ärzte am Krankenbett besser nicht rülpsen. mehr...

Antibiotika Weniger ist manchmal mehr

Das ESAC-Projekt untersucht seit 2001 den Antibiotika-Verbrauch in 34 meist europäischen Ländern. Die deutsche Arbeitsgruppe um Professor Winfried Kern vom Universitätsklinikum Freiburg hat gute Nachrichten: "Die Ärzte hierzulande verordnen weniger Antibiotika als viele ihrer europäischen Kollegen." mehr...

Blasenentzündung Hartnäckige Bakterien

Manche Frauen plagen mehrmals im Jahr Blasenentzündungen. Antibiotika helfen zwar - doch die Bakterien kehren immer wieder zurück. US-Forscher haben jetzt eine Erklärung dafür gefunden. mehr...